Freitag, 27. März 2015

Traum von einem Komplott zur Ermordung meines Vaters




Diese Nacht wurde ich im Traum vor einem Komplott gewarnt, das die Ermordung meines Vaters zum Ziel haben sollte. An der Sache sollte ein gewisser Castelluzzi oder Castellotti beteiligt sein; die Durchführung der Tat sei, so erfuhr ich, am Beginn der Neunzehnhundertzwanzigerjahre in Rom geplant. Ich wachte in großer Angst auf, beschloss aber, die Warnung zu ignorieren, weil mein Vater da noch nicht einmal geboren sein würde. Im Lauf der Nacht erschienen mir aber noch weitere Szenarien, die mit dem Gefühl einer drohenden Gefahr für meinen Vater verbunden waren. Einmal erkannte ich Rom, einmal Istanbul als Kulisse, und nach den Autos zu schließen, die auf den Straßen fuhren, gehörten diese beiden Szenen in spätere Jahrzehnte, einmal in die 50-er, einmal in die 80-er Jahre.

Später wurde ich auf der Buchmesse interviewt. Ich erzählte von den düsteren Warnungen, gab mich aber ganz ungerührt und machte mich über meinen eigenen Traum lustig. Ich nannte ihn unterkomplex, und parodierte mit verteilten Rollen eine klassische Psychoanalysesitzung.
-„Rom – Paris- Istanbul - mörderisches Komplott“ was fällt Ihnen dazu ein?“
„ Der Orientexpress. Umberto Eco! Eco und Paris - platte Doppelbedeutung - Foucault! Das Foucault’schen Pendel von Eco, und der andere Foucault, der von <Wahnsinn und Gesellschaft>, der die ganze Psychiatrie angegriffen hat, also meinen Vater, der nämlich ein Psychiater ist.“
Ich nannte das von oben herab „kindische Wortspielereien meines Gehirns“ und behauptete, der ganze Eco, Postmoderne usw. seien total passé. Überhaupt sei das Gerede vom Tod des Romans einfach Unsinn, mein Vater sei ja schließlich auch noch am Leben.

Schon während ich redete, merkte ich, dass ich dem Interviewer mit jedem Wort unsympathischer wurde. Es war auch furchtbar ungeschickt von mir, mich so über all die ängstlichen Kollegen zu überheben, die den Tod des Romans fürchteten. Außerdem hatte der Journalist bei der Vorbereitung auf das Interview sicher herausgefunden, dass der Erscheinungstermin meines eigenen Romans für unbestimmte Zeit aufgeschoben war. Damit er nicht denken sollte, ich würde überhaupt nichts schreiben, sagte ihm noch schnell, dass ich gerade an einer Fortsetzungsgeschichte auf Facebook arbeiten würde, „Sexy bus“, über Hippies, fügte ich hinzu, ließ es wie einen Witz klingen und sagte dann noch, mit einem durch nichts zu rechtfertigenden Augenzwinkern „auf Englisch“. Danach dachte ich unglücklich „Well, that went well“, und nahm mir vor, es beim nächsten Interview auszubügeln. Bei dem würde ich einfach und aufrichtig sprechen und auch zugeben, dass die Träume mich beunruhigt hatten. Für einen Moment fühlte ich mich besser, bis mir einfiel, dass gar kein weiteres Interview angesetzt war.

Noch bevor der Wecker klingelte wurde ich durch lautes Pferdegetrappel geweckt. Unsere Straße ist vor Wochen aufgegraben und dann nicht mehr gepflastert sondern mit gestampfter Erde gedeckt worden. Jetzt raste ein Pferdewagen unter dem Fenster vorbei und die Erde spritzte nach allen Seiten. Ich trat hinter den Vorhang und sah entsetzt, dass kein Kutscher auf dem Bock saß, das Fuhrwerk war leer. Plötzlich kam ein Esel aus der Seitenstraße gerannt, das Pferd rammte ihn mit voller Kraft, schob ihn über die Kreuzung und schleifte ihn ein Stück mit, bis er auf die Seite geschleudert wurde. Es war nicht wie ein Zusammenstoß von zwei Tieren, sondern ganz so wie ein Lastwagen oder ein Bus, der ein Auto rammt. Beide Tiere, das Pferd und der Esel, waren größer als es normale Tiere ihrer Art heute sind, etwa eineinhalb Mal so groß. Sie wirkten bedeutender, ernsthafter, unwillkürlich nannte ich das Pferd für mich „ein Ross“. Der Wagen war groß und schwer, er hatte keine Ähnlichkeit mit den Fiakern, die seit einiger Zeit unter den Linden Touristen herumfahren, es war überhaupt keine Kutsche, sondern ein ländliches Gefährt, aber eines, dass zu einem reichen Gehöft gehören musste. Mir war im Hinterkopf bewusst, dass in meiner „Sexy Bus“ Geschichte gerade ein Esel vorgekommen war, und man hätte meinen können, der sei nun sozusagen quer herübergekommen, aber die beiden Esel hatten keinerlei Ähnlichkeit miteinander. Der Esel auf Gomera war ein kleiner, magerer Bursche gewesen, gemacht um steile Gebirgswege hinaufzugehen. Dieser Esel war groß wie ein Pferd, wenn auch nicht wie dieses Pferd, braun, nicht grau, klobig und stark wie ein Rammbock, bis er von dem riesigen Pferd getroffen, viele Meter mitgeschleift und dann zunichte gemacht wurde. Während das Pferd mit seinem Fuhrwerk ungebremst weiter in Richtung Pfefferberg raste, kam dahinter schon das nächste, wieder ohne Fahrer. Bei diesem noch größeren Pferd bestand der Hinterteil aus Kopf und Brust eines Ochsen. Diese zweite Hälfte des Zwitterwesens sah nach hinten, ob es Ochs oder Stier war, war nicht zu entscheiden, die Hälfte mit den Geschlechtsteilen fehlte ja, dort saß der Vorderteil des Pferdes. Der Ochs trug zum Galoppieren bei, indem er sich mit den Beinen nach hinten abstieß, völlig in der Gewalt seiner mächtigeren Pferdehälfte wurde er blindlings nach hinten mitgerissen. In Sekunden war auch dieses Fahrzeug vorbei. Es wurde wieder still, nur die blutenden Reste des Esels lagen noch am Straßenrand. Jetzt fiel mir ein, dass ich in den letzten Tagen bereits mehrmals solche Pferdefuhrwerke ohne Kutscher in der Stadt gesehen hatte. Ich hatte aber nie jemanden darauf aufmerksam gemacht, wen auch?


Mein Vater hat mir immer sehr davon abgeraten, jemanden mit meinen Träumen zu belästigen, er sagt, Träume würden niemals einen anderen interessieren können als den Träumer selbst, das sei strukturell unmöglich. Falls Einer trotzdem so täte als ob, dann hätte derjenige üble Hintergedanken, meistens finanzieller Art. Erst neulich hat eine junge Frau, der ich von den englischen Stücken der „Sexy Bus“ Geschichte erzählt habe, mit geringschätzigem Lachen gesagt: „Ja, und deine Geschichte gehört jetzt Facebook.“ Weil sie so viel jünger war als ich, hat sie angenommen, dass ich zu jenen uninformierten Personen gehöre, die ahnungslos ihre Daten im Netz verstreuen und dann entsetzt sind, was sie getan haben. Dabei finde ich die Vorstellung schön, dass riesige Maschinen meine Träume nach meinen Wünschen durchkämmen. Obwohl mehr als vier Generationen die junge Frau von meinem Vater trennen, finden beide den Gedanken, dass es dabei um finanzielle Interessen geht, auf die selbe, in den tiefsten Gründen ihres Wesens verankerte Weise abstoßend. Ich hingegen bin verführt von der Aufmerksamkeit, die das Kapital meinen Träumen schenkt, davon, dass es meint sie würden etwas bedeuten. Das war schon bei Joseph in der Bibel so, der dem Pharao auf Grund seiner Träume sieben magere und sieben fette Jahre vorhergesagt hat. Der Pharao hatte -gewaltige-finanzielle Interessen. In Wirklichkeit bedeuten Träume nichts, ich weiß es ja. Sicher, ich habe eine Art Grauen gespürt, als das zweite Fuhrwerk vorbeigerast ist, das mit dem Pferd, das hinten ein Ochs war, oder ein Stier. Aber das Grauen war leer, nur eine Entladung müder Zellen. Es war ebenso leer wie der Kutschbock dieses entsetzlichen Gefährts.


Mein Vater hat nichts zu befürchten. Er ist ohnehin seit heute auf Urlaub in Hofgastein. Dort kann ihm nichts passieren, alle Szenen, die ich gesehen habe, hatten mit den Schluchten von Großstädten zu tun, in einem Kurhotel in den Bergen ist er bestimmt in Sicherheit. Die Warnungen der Pferde und Esel und beiderlei Foucaults können sich in den Netzen der Wunschmaschinen zerstreuen. (und als tröstliche Angebote für Reitstunden, Baldriantropfen und Pendeluhren zu mir zurückkehren).

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