Dienstag, 27. Januar 2015

Keith Ridgway, Rothko Eggs

"Rothko Eggs" von Keith Riggway ist kein Roman sondern eine Kurzgeschichte. Sie war 2012 eine der O'Henry Prize Winning Stories, und unter diesem googlebooks link kann man sie fast vollständig lesen, es fehlen nur wenige Seiten (aber weder Anfang noch Ende). Eine Sammlung der O'Henry Prize Stories wird auch jedes Jahr veröffentlicht und es sind oft sehr gute Geschichten dabei.

Ich schreibe seit Tagen an einer grundsätzlichen Überlegung, was Geschichten für mich haben müssen, damit ich sie lesen will, und ich gerate immer wieder in die Schlaufe, dass ich mir eine Art von Hoffnung wünsche, die ich intellektuell als unrealistisch verwerfe.Diese Geschichte funktioniert anders, auf eine einfache Art, die ich vergessen hatte. Sie hat mich berührt und erfreut, obwohl es eine schreckliche Geschichte ist, und weil da etwas wunderbar funktioniert- also doch geht! wie wunderbar!- das bei den beiden Romanen, an deren Besprechung ich gerade schreibe für mich leider einmal nur halb und einmal gar nicht klappt, obwohl sie von der Kritik hochgelobt sind- fange ich mit dieser Kurzgeschichte an.


Die Icherzählerin ist ein junges Mädchen, vielleicht 15 oder 16, und sie redet drüber wie sehr sie moderne Kunst mag. Sie empfindet viel mehr, wenn sie Kunstwerke anschaut, als ihre Eltern oder Lehrer. Und sie denkt über diejenigen Künstler nach, bei denen sie nichts empfindet, zB Rothko, ob ihr da was entgeht, oder ob all die Leute eher nur so tun als ob, und in Wirklichkeit ist da gar nichts. Sie ist altklug, auf diese nette Art, in der Teenager plötzlich viele Dinge begreifen, auch, wie wenig Erwachsene eigentlich vom Leben wissen. Ihre Eltern sind geschieden, beide lieben sie, und sie macht den Witz, dass sie sich eigentlich umbringen müsste, wenn sie ihre Eltern wirlich lieben würde, denn das wäre die einzige Chance, dass die beiden in ihrer Trauer wieder zueinander finden würden. Dann verliebt sich ein Junge in sie, von dem sie eigentlich dachte er sei schwul. Es beginnt ein schöne Liebesgeschichte. Alles ist gut. Und er liebt Kunst. Sie weiß viel mehr als er, zeigt ihm Sachen, sie gehen zusammen ins Museum. Der Sex ist schön, sie machen fast alles, noch nicht ganz, hinten am Knie hat er eine große Narbe, sie traut sich noch nicht, ihn zu fragen, woher. 
 Dann passiert etwas. Eine Freundin ihrer Eltern aus deren Jugend, von der sie noch nie was gehört hatte, stirbt.  Der Vater kommt jetzt wieder oft vorbei, sie hört ihn bis spät in der Nacht mit der Mutter reden. Es macht sie fertig, dass sie nicht weiß, was zwischen ihren Eltern und dieser Freundin war, dass es so gar nichts mir ihr zu tun hat. Sie geht mit ihrem Freund ins Museum, Rothkos anschauen. Sie erwartet, dass er genauso wenig empfinden wird wie sie und möchte sich mit ihm zusammen über die Leute mokieren, die angeblich so tiefe Gefühle haben. Dann, nach einer Weile, sieht sie, dass er weint. Die Schönheit der Bilder hat ihn so berührt. Sie erzählt ihm eine lustige Geschichte: dass ihr Vater keine Ahnung von Kunst hat (er ist Polizist), aber immer mit ihr über Kunst reden will, weil er weiß, dass das für sie so wichtig ist. Einmal als sie ihm Rührei mit Tomaten gemacht hat, wollte er angeben und, erzählt sie ihrem Freund, hat über das Rührei gesagt: sieht aus wie ein Rothko stimmts? Und sie hat begriffen, dass er Rothko mit Pollock verwechselt hat, aber sie hat ihn nicht korrigiert, und deswegen verlangt er jetzt immer „Rothko Eier“ wenn er Rührei mit Tomaten will. Aber ihr Freund lächelt nur, und später fragt sie ihn nach der Narbe auf seinem Knie, aber die Geschichte, die er ihr erzählt, scheint nicht wirklich Bedeutung zu haben. Es endet mit: „She went home. She thought about their day. Something had gone wrong but she didn’t know what.”

Die Geschichte hat mich tief bewegt. Sie ist das Gegenteil der Hoffnungs- geschichte, die ich zu brauchen geglaubt hatte. Hier ist am Anfang jede Menge von Verbindung zwischen den Menschen vorhanden. Und gerade weil alles nicht so einfach ist und nicht so glatt geht, der Vater versteht nichts von Kunst, und davon was seine Tochter da umtreibt, die Mutter ist eifersüchtig auf die Zeit, die die Tochter mit dem Vater verbringt, die Scheidung lastet auf allen Dreien, die neue Liebe ist nicht so einfach, weil die sexuelle Orientierung des Jungen nicht klar ist und sie das alles erst vorsichtig ausprobieren müssen usw. – gerade deswegen ist das alles eine überaus glückliche Situation für das Mädchen und für den Leser, wenn man so naiv liest wie ich es zur Zeit tue, nämlich so: "es kann doch gut gehen, auch wenn man nicht alles sofort.genau richtig macht, sich nicht hunderprozentig versteht. Man kann sich trotzdem verständigen und miteinander  immer mehr über die Welt herausfinden und das ist dann insgesamt ein bewegtes und schönes Leben für alle." Und dann gibt es eine kleine Verschiebung, eine Erfahrung, von der das Mädchen ausgeschlossen ist, und als sie versucht, das zu korrigieren, macht sie es falsch, jetzt sind es schon zwei Erfahrungen, und dann folgen noch weitere, es sind nur Kleinigkeiten und doch hat man das Gefühl, als sei das ganze fragile Gebäude zusammengestürzt und man sei Zeuge einer Katastrophe geworden.

Ich kenne das. Ich kenne es, dass ein kleiner Fehler mich aus der Gemeinschaft hinausfallen lässt und ich nie wieder zurückfinde, dass ich hinaustreibe in völlige Einsamkeit und obwohl dieser Fehler nur klein war, stellt sich heraus, dass die ganze Konstruktion zu fragil war, es gibt es keine Gegenkraft zu dieser zentrifugalen Kraft die mich immer weiter hinaus treibt aus der Gemeinschaft der Menschen.
 Und das so in einer Geschichte zu lesen, gibt mir das Gefühl nicht allein zu sein. Die Geschichte kehrt also auf der Metaebene das Hoffnungslose wieder um, was in der Geschichte selbst passiert ist. Wenn  ich sie lese, bin ich nicht mehr allein, der Autor kennt das, was mir passiert, und wahrscheinlich nicht nur er, sondern noch viele Leser dieser Geschichte da draußen, wir sind eine Gemeinschaft. 
Hoffnung muss nicht IN der Geschichte sein. Jede Erfahrung, die sich teilen lässt, vermittelt dadurch auch schon Hoffnung. Das ist es, was eine gute Geschichte kann. 



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