Posts mit dem Label Miko Sophie Kühmel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Miko Sophie Kühmel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 17. September 2019

Deutscher Buchpreis 2019 - Leseprobenheft- 4.und letzter Teil mit Shortlist Prognose


    

Ich muss von meiner teilweisen Kapitulation berichten. Je mehr Buchanfänge ich gelesen habe, desto unwirscher wurde ich. Ich wollte weniger und weniger drüber nachdenken, warum mir etwas nicht gefällt, mich nicht hineinzieht - und noch weniger wollte ich es formulieren. Bei den Buchanfängen, die ich mochte, wollte ich hingegen lieber sofort dieses Buch weiterlesen als nach einem neuerlichen Interruptus gleich wieder zum nächsten Anfang hüpfen. Das habe ich auch getan- ich habe inzwischen drei der Bücher gelesen (zwei davon,  Saša Stanišić- "Herkunft" und Angela Lehner "Vater unser", mochte ich sehr. Ulrich Woelks"Der Sommer meiner Mutter" hat mich nach einiger Zeit immer weniger überzeugt und zuletzt geärgert. Nora Bossongs "Schutzzone" bekomme ich in den nächsten Tagen und bin schon sehr gespannt)

Ich bespreche also nur noch ein paar Buchanfänge aus der zweiten Hälfte des Leseprobenhefts und werde dann- erleichtert- zum Lesen ganzer Bücher zurückkehren. Gelernt habe ich, dass mir die Stimme, der "Sound", eines Buches das Allerwichtigste ist, wenn ich die Autorin noch nicht kenne. Es ist wie ein erstes Rendezvous- entweder jemand ist mir sympathisch oder eben nicht. Damit meine ich nicht, dass mir die Figur des Erzählers oder die Hauptfigur sympathisch sein muss, sondern direkt der Autor oder die Autorin- und die muss "zu ihrer Stimme gefunden haben", damit ich sie überhaupt erkennen kann. Bei zwei Drittel der Buchanfänge in diesem Heft ist das nicht der Fall. Ich habe das Gefühl, dass sich da jemand verstellt, verrenkt, herumtüdelt, um mir oder irgendwelchen phantasierten Kriterien zu genügen, so dass ich ein wenig peinlich berührt bin und das Rendezvous so schnell wie möglich beenden möchte. Und ich merke auch, dass ich älter und verzopfter werde, ohnehin nur noch bereit bin, mich auf neue Autorinnen einzulassen, wenn "meine" Schriftsteller, die ich als meine Freunde betrachte, zu lange nichts Neues liefern und ich ohne Stoff dastehe. Frisch verlieben kann ich mich leider nur noch selten (zuletzt in Helen Oyeyemi- ist aber noch nicht heraus, ob es etwas Festes wird)- und bei den diesjährigen Gelonglisteten war diesbezüglich keine Kandidatin für mich dabei.

Hier also eine Auswahl aus der zweiten Hälfte- 1 meint immer, ob ich nach einer Seite weiterlesen würde 2 ob ich nach der ganzen Leseprobe gern weiterlesen würde.

 https://imageservice.azureedge.net/api/getimage?productId=27670794 Bildergebnis für schachinger nicht wie Bildergebnis für stanisic herkunftBrüderBildergebnis für sommer meiner mutter

Tonio Schachinger - "Nicht wie ihr" 

1: ja

2: ja

1: Das Innenleben eines österreichischen Fußballprofis- fiktiv, aber mitten unter die "Echten" hineingemischt. Das mag ich schon mal sehr, die Mischung aus echten Personen des öffentlichen Lebens und einer da hineinverpflanzten fiktiven Figur. (Habe ich bei Bolano lieben gelernt). Sehr direkter Ton, witzig-lakonisch, Wienerisch (obwohl hochdeutsch, aber in der Melodie der Sätze erkennbar- wir Österreicher*innen sind ja patriotisch und freuen uns wenn wir unsere Sprache lesen)

2: Die Hauptfigur wird einem schnell sehr sympathisch und im selben Zug wird klar, dass der Kerl ein übler Macho ist, überheblich usw.- sehr gut gemacht- bin schon mit ihm befreundet und er geht mir schwer auf die Nerven- ganz wie ein echter Freund also.
 

Norbert Scheuer "Winterbienen"

1: ja

2: nein 

(Fingierte) Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 44/45. Der Mann beschreibt, wie er mitten im Krieg Bienen züchtet, beschreibt seine Familie, Vater und Großvater waren ebenfalls Bienenzüchter, die Landschaft, die Auswirkungen des Krieges. Alles in sehr schöner Sprache- es birgt auch ein Geheimnis, das scheint mir ein wirklich sehr guter Text zu sein- nur leider nicht für mich. Für mich ist das einfach zu ruhig, zu undramatisch, ich kann aber spüren, dass das in diesem Fall ganz und gar an mir liegt und dass das ein Buch ist, das hohe Qualität hat und vielen Menschen gefallen wird.   

 Saša Stanišić "Herkunft"

1 und 2: ja und ja und habs auch schon getan

Stanišić ist das, was man im alten Sprachgebrauch als "geborenen Erzähler" bezeichnet. Er kann von allem und jedem so lebendig erzählen, dass man die Personen vor sich sieht, er übertreibt gerade soviel, dass man alles lustig und interessant findet und es gerade noch so glauben kann. Er ist ein Kaffeehaus oder Wirtshauserzähler, und man will sich jederzeit zu der Gruppe gesellen, die sich um ihn schart, will erfahren, was seine demente Großmutter alles erzählt und was sie vergessen und wie neu zusammengebastelt hat. Dies ist gar kein richtiger Roman, sondern eine Mixtur aus Familiengeschichten und einem Essay über Herkunft- und ich widerspreche ihm bei so ziemlich jeder seiner Erkenntnisse, und zwar während ich es lese "Blödsinn!" sage ich laut- "du widersprichst dir und merkst es nicht einmal!"- streite also laut mit ihm und lese weiter- eine sehr angenehme Leseerfahrung!

 Jackie Thomae "Brüder"

1: ja

2: nein

1: Angenehmer, lakonischer Ton...
2:... aber etwas fehlt. Der Junge, von dem da erzählt wird, interessiert mich einfach noch nicht genug. Ist nicht mein Typ - so ein cooler kurz vor Ende DDR. Vielleicht bin ich aber eben auch nur buchanfangsmüde- s.o.  Ich werds in ein paar Wochen nocheinmal probieren,

Ulrich Woelk "Der Sommer meiner Mutter

1: ja 
2: ja

"Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben." Schockierender Anfang - die Erzählung springt zurück, der dreizehnjährige Sohn ist Icherzähler- und am Anfang ist die spießige Kleinfamilienidylle in einem Vorort von Köln natürlich deshalb interessant, weil man weiß, dass in wenigen Monaten dieses Unglück hereinbrechen wird. Der Junge ist extrem naiv, macht in diesem Sommer seine ersten sexuellen Erfahrungen und begreift weder was in ihm selbst vorgeht, noch was mit den Erwachsenen los ist. Das ist am Anfang plausibel, aber dann wird es immer konstruierter. Von mir selbst und vielen Anderen kenne ich die drängenden Fragen, die man am Beginn der Pubertät über alles hat, und dass dieser Junge so gar keine Neugier über das Innenleben der Menschen entwickelt, wirkt zunehmend enervierend, irgendwann eitel und letzlich einfach falsch. Die zu Anfang gewährte Suspension of disbelief nehme ich als Leserin wieder zurück. 


Meine Shortlist - Wunschkandidaten:

Saša Stanišic, Nora Bossong, Angela Lehner und Tonio Schachinger

Meine Shortlist- Prognose: 

Saša Stanišic, Nora Bossong, Norbert Scheurer, Ulrich Woelk, Marlene Streeruwitz und Miku Sophie Kühmel oder Jackie Thomae.

Der oder die Gewinnerin sollte unter den ersten Dreien sein.  Saša Stanišic ist schon zum dritten Mal nominiert- "Herkunft" finde ich von seinen drei Büchern das schwächste- trotzdem wäre es wirklich angemessen, wenn er ihn bekommt. Nora Bossong gefällt mir vom Anfang her sogar noch besser- und ich denke auch vielen Anderen- aber ich weiß noch nicht, wie das Buch weitergeht. 

P.S.: Und wenn ich die Jury wäre, wäre ich über die Beleidigungen in der Zeitung so böse, dass ich Karen Köhlers "Miroloi" justament auf die Shortlist setzen würde. Aber die sind ja vielleicht nicht so trotzig und kindisch wie ich.... Morgen Mittag wird man es sehen.

 










Dienstag, 27. August 2019

Deutscher Buchpreis 2019- Leseprobenheft Teil 2 (Grill, Köhler, Kühmel)

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis ist da, es gibt wieder ein gratis Heft mit Leseproben (Hier gibts eine Liste der Buchhandlungen, in denen man es sich holen kann). Unter dem Motto "Testet die Anfänge" stelle ich mir bei jedem Text zwei Fragen:
1: Würde ich nach der ersten Seite weiterlesen? Ich persönlich entscheide normaler Weise immer spätestens nach einer Seite.
2: Würde (oder werde) ich nach der ganzen Leseprobe in diesem Heft weiterlesen ? 
Ich beantworte diese Fragen spontan und versuche dann herauszufinden, was es war, das mich zu diesen Entscheidungen gebracht hat. Das ist natürlich vollkommen subjektiv, hat nichts mit seriöser Kritik zu tun und ist auch noch von meiner jeweiligen Augenblicksverfassung abhängig. Umso mehr würde ich mich über  Kommentare freuen.

Ich bespreche die Proben in Dreierschippeln. Hier war Teil 1. Jetzt folgt Teil 2:





ANDREA GRILL Cherubino

1: nein

2: nein

1:Der erste Absatz irritiert mich gleich schrecklich: "Sie sah wieder aus dem Fenster. Grün, unerwartet grün, auch hier. Grashalme spiegelten sich in den Fliesen der Fensterbank, und da, auf den lanzettförmigen Silhouetten, lag der Stab. Er würde zeigen, ob sie recht hatte." Ich bin völlig ohne Orientierung: wo ist die Protagonistin? Und was ist das für ein mysteriöser Stab? Zwei Absätze später stellt sich heraus: die Frau ist auf dem Klo einer Konditorei und der mysteriöse "Stab" ist ein Teststäbchen von einem Schwangerschaftstest. Der wabernde Nebel der Unklarheit spiegelt dabei nicht etwa den Geisteszustand der Protagonistin wieder, sondern wird von einer auktorialen Erzählerin eingesetzt, die offenbar meint, Leser*innen, würden einen Text, bei dem man nur Bahnhof versteht, automatisch für literarisch wertvoll halten.

2: Prätentiös gehts auch weiter. Eine Erinnerung- nicht etwa ans Schwangerwerden- sondern an den Moment, als sie den Test gekauft hat- und wo nichts weiter passiert ist; als dass sie den Test gekauft hat. Allerdings: 
"Hinter der Apotheke ließ sich eine Landschaft ausklappen." Was soll denn das nun wieder heißen? Wieder kein Paralleluniversum, sondern ein Fenster, durch das sie eine Wiese sieht. Bilder, die so schief sind, dass man sich die einfachsten Dinge nicht vorstellen kann..... Ärgerlich. 

KAREN KÖHLER Miroloi 

Der Sturm, den die Nominierung dieses Buchs im Feuilleton ausgelöst hat, war so groß, dass es mir nicht gelungen ist, ihn zu ignorieren. Die Kritker*innen halten es in der Mehrzahl für unglaublich schlecht und weil so etwas für den Buchpreis nominiert ist, sehen sie die Welt der Literatur endgültig untergehen. Hier Marlen Hobrack im Freitag über die Kriterienkrise.
Ich war also natürlich gespannt, wie das klingen würde.

1: ja

2: vielleicht

1: Ich lese schon deshalb weiter, weil ich noch nichts so furchtbar Schlechtes gefunden habe, wie ich es nach der Aufregung in den Kritiken erwartet habe. Als Leserin folge ich dem  inneren Monolog einer jungen Frau, die in einem archaischen Dorf den Berg hinaufhumpelt. Die Beschreibung der Landschaft passt zu einer griechischen Insel. Die Frau ist ein Findelkind von "drüben", gilt als hässlich und ist ein Außenseiter, und ist innerlich voller Wut. Das finde ich erst einmal interessant. Und - ja- sprachlich ist das ein bisschen holprig, diese Frau soll gleichzeit einfach und doch poetisch denken, aber es entgleist seltener als manche andere Anfänge von Büchern auf der Longlist und hat einen schönen Rhythmus.

2: Obwohl es mir bisher (Seite 5) beiweitem nicht so missfällt wie dem Gros der Kritikerinnen, drängt es mich auch nicht wirklich zum Weiterlesen. Das liegt, glaube ich, daran, dass die Protagonistin die Zustände an diesem archaischen Ort von Anfang an schrecklich findet- und nicht nur ihre persönliche Lage. Sie hat in gewisser Weise einen Blick von außen, obwohl sie den Ort ja noch nie verlassen haben soll, und dadurch ist die Geschichte zu wenig glaubwürdig um mich hineinzuziehen.


miku sophie kühmel  Kintsugi

1: ja

2: ja 

1: Sprachlich ist das schon wieder ein überinstrumentierter Text voller gesuchter Formulierungen. (Es scheint eine Trendwende zu geben, die lakonische Hemingway Sprache, die jahrzehntelang state of the art war, scheint bei den Debütant*innen passé zu sein. Schade) ABER: hier gibts eine interessante Konstellation. Zwei Männer in den Dreißigern kommen in ihrem Wochenendhaus an. Sie sind schon länger ein Paar, nett und kultiviert, aber unterschwellig gehen sie sich gegenseitig schon gehörig auf die Nerven.  Da will ich sofort wissen, wie es weitergeht.

2: Alles wie bei 1. Die Sprache immer noch überladen- dann auch noch vom Lektorat übersehene Wiederholungen- aber die Spannung zwischen den beiden Männern steigt. Zuerst ist man in den Gedanken des einen, den die minimalistische  Feng-shui Ästhetik seines Freundes schön langsam in den Wahnsinn treibt. Und gerade rechtzeitig, kurz bevor man den Feng-shuianer überhaupt nie mehr würde leiden können, wechselt man in dessen Innenperspektive, aus der natürlich alles ganz anders aussieht. Das Drama des ganz normalen Lebens- auf Seite 5 will ich immer noch wissen wies weitergeht und habe mich daran gewöhnt, die Adjektivhäufchen zu überlesen.

Hier gehts weiter zu Teil 3.