Freitag, 11. November 2016

Leonard Cohen, † 10.11.2016

Das darf er nicht. Er darf nicht tot sein. Seine Songs sind doch, woraus meine Seele gemacht ist. Es kann nicht sein, dass er sterblich ist.

Field commander Cohen, you promised to stand guard.

Was wär ich geworden ohne ihn?  Ich kann es mir nicht vorstellen; kein Mensch. Nicht in dem Sinn, in dem die Juden sagen: das is "a Mensch" Ohne ihn wär ich nur ein Klumpen Lehm.

 Er war meine Freude. Ich habe nie verstanden, wenn manche sagen, sie hören seine Songs nur um in Traurigkeit zu baden. Mir haben sie gezeigt, wie das geht mit der Freude.
Wenn alle Versuche immer wieder scheitern, die erträumte Revolution, der Versuch zu lieben, der Versuch frei zu sein, der Versuch die Wahrheit zu erkennen; wenn man begreift, dass man all das nicht haben kann, nie haben wird – und wenn aus dieser Erkenntnis die Sehnsucht erst Recht in die Höhe schießt, wie sie es in seinen Liedern tut: das löst bei mir unbändige Freude aus. Ich spüre: das bin ich. Aus diesem Widerspruch bin ich gemacht. Und nicht nur ich bin so - so sind auch alle anderen. Alle scheitern, alle sind einsam, alle erkennen die Sinnlosigkeit, alle sind überrascht über die ewige Wiederkehr der Sehnsucht. Ich bin nicht allein mit meiner Einsamkeit. 

And even though it all went wrong
I'll stand before the Lord of song
With nothing on my tongue but Hallelujah

Ich habe gesehen, wie er selbst überrascht war, was seine Songs bewirkt haben, und wie er sich darüber gefreut hat. Das war auf dem legendären Konzert in Berlin 2008, in der monströsen O2 Halle, eines der ersten Konzerte nach seinem Wiederauftauchen aus dem Zen Kloster.
Er war da schon alt. Ich auch nicht mehr jung.  Rund um mich viele Menschen in meinem Alter, jeder auf seine Art gescheitert, alle verlegen bei dem Versuch so auszusehen, so zu sein, wie damals. Und er, Cohen, klein und weit weg, mit demselben Anzug, demselben Hut wie früher.  Am Anfang haben sich, glaube ich, alle geschämt, wie wir so dastanden, mit nackter Seele, so bedürftig. Und dann, obwohl es peinlich war, begannen die ersten ganz leise mitzusingen: I have tried in my way.  Und dann immer mehr- I have tried- aber ganz leise und sauber. Alle kannten alle Texte. Jedes Wort.
Cohen kam an die Rampe und sagte, er habe Schriftsteller werden wollten. Singen wollte er nur nebenbei, bis die Bücher Erfolg hätten. Und jetzt, vierzig Jahre später, sei er hier. Und es sei ihm nicht möglich, ganz zu erfassen, wieviel seine Songs über all die Zeit für so viele Menschen bedeutet hätten. Das war keine falsche Bescheidenheit, wie er das sagte. Man konnte spüren, dass er das ganze Ausmaß wirklich nicht in sich aufnehmen konnte, dass es zu viel war, in diesem Riesensaal, all diese Menschen, für die er den Soundtrack zu allen wichtigen Momenten ihres inneren Lebensfilms geliefert hatte. Man konnte seine Freude spüren. Ich glaube alle, wirklich alle zigtausend Menschen, die da waren, haben geweint. Danach war Pause,  die Frauen auf dem Klo waren aufgelöst, Ströme von Wimperntusche, die sie achtlos verschmierten. Und strahlende, strahlende Gesichter.
 Nach der letzten geplanten Zugabe: „It’s closing time“ nach „First we take manhatten, then we take berlin“,  ging das Konzert noch über zwei Stunden weiter und bei manchen Songs wusste man nicht, wer sie angestimmt hatte: er oder irgendwer im Saal- like a drunk in a midnight choir- das war nicht zu unterscheiden.

In den letzten Wochen habe ich das Hören seines letzten Albums immer wieder abgebrochen. Einen so direkten Kommentar zu seinem Tod wollte ich von ihm nicht hören.  Lass mich damit in Ruhe, habe ich gedacht.  Das gehört sich nicht, dass Du, dem ich das Leben meiner Seele verdanke, mich jetzt mit deinem Sterben belästigst.
Und dann spricht er auch noch direkt zu Gott. Dabei hat er nach dem Verlassen des Zen Klosters gesagt: "Some kind of relaxation overtook me since I realized I was no longer a religious seeker. And I am grateful for that." Vorbei.

A million candles burning for the love that never came
You want it darker
We kill the flame

Du willst es noch dunkler, Gott? Noch schwärzer als ein Leben lang nicht zu antworten? Dann löschen wir das Licht- dann sterbe ich eben. 

Ich wollte das nicht hören- auch noch mit seiner inzwischen schrecklich tiefen Stimme, aus der das Alter all die Höhen des „Hallelujah" herausgefiltert hat. Ich war voller Wut auf einen Gott, der sich nicht einmal davon rühren lässt- der sich ihm trotz einer so vollkommenen Hingabe nicht zeigt. Natürlich nicht zeigt, weil es ihn nicht gibt, wie wir immer schon wussten. Wie auch Cohen von Anfang an immer wusste.

Ich wollte es nicht hören, weil es mir so endgültig vorkam, so unironisch.  Als ob er wirklich gleich Sterben wollte, nachdem er dieses Letzte gesagt hatte, willentlich, wie die Indianer, die zum Sterben auf einen Berg steigen. Wie die Buddhistischen Mönche, die im Zazen sterben und deren toter Körper tagelang nicht umfällt, weil ihre Sitzhaltung so perfekt ist.
        Aber dann erschien vorige Woche ein Interviewschnipsel auf seiner Facebook Seite- da sieht man ihn verschmitzt lachen und er sagt: " I said I was ready to die, recently-  I think I was exaggerating. One is given to self-dramatization from time to time. (er lacht)  I intend to live forever."
Da war ich so froh, so getröstet. Und dann konnte ich auch die zweite, ironische Ebene in den Songzeilen hören:

All die tausend Kerzen- und nichts. Na gut, wenn Du's lieber im Dunkeln machen willst … dann löschen wir eben das Licht …

Hineni, hineni, I'm ready, my Lord.

Und dann sieht man ihn da im Finstern stehen, nachdem er all die Kerzen ausgepustet hat, mit nackiger Seele, wie er immer noch, entgegen allem, was er gerade gesagt hat, zu irgendjemandem spricht.  There's still a paradox to blame.  Immer weiter spricht, zu etwas, das er dort im Finstern, im Bett vermutet, spricht, zu was auch immer.

Wie er immer noch spricht. Und ewig sprechen wird.

Oh, my love

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