KSK- Kurze schlechte Kritik, Was soll das? Wie kommt das hierher? - klick hier
Ich hasse es wenn Geschichten ganz am Ende eine Wendung nehmen, die enthüllt, dass alles bis zu diesem Punkt vollkommen anders gewesen sein soll, als man gedacht hat. Ich fühle mich für blöd verkauft. Ich soll im Rückblick bewundern, wie subtil der Autor das alles konstruiert hat! Von mir aus- aber was war mit meinem Leseerlebnis bis zu diesem Punkt? Das Gebäude, das ich mir in meiner Phantasie gebaut habe, wird nicht nur eingerissen, sondern auch als minderwertig diskreditiert- der Autor hatte die ganze Zeit etwas viel Tieferes und Beunruhigenderes im Sinn, er wollte es mir nur nicht verraten. Das ärgert mich prinzipiell. Und dann stellt sich noch die Frage: war denn die „falsche“ Geschichte, die ich bis dahin gelesen oder gesehen habe , für sich genommen trotzdem eine gute, befriedigende Story oder nicht? Sitze ich jetzt da, mit dem Gefühl, dass die Geschichte zwar vielleicht interessant gewesen wäre, wenn ich nur gewusst hätte, worum es eigentlich geht, mich aber, da ich es eben nicht wusste, total kalt gelassen hat? Oder hat der Teil bis zur überraschenden Wendung – auch „falsch gesehen“- dennoch auch für sich allein funktioniert?
Positives Beispiel “Fight club“ – ich hatte wie vermutlich 99,9 % aller Zuschauer beim ersten Mal keine Ahnung dass Edward Norton und Brad Pitt („Tyler Durden“) zwei Aspekte ein und derselben Person sein sollten. Als sich das- in der allerletzten Szene- herausstellt, war ich kurz stinkwütend. ABER: der Film, den ich in der Meinung ,das seien zwei verschiedene Männer, gesehen habe, war mitreißend, saukomisch und erschütternd, er war schon ohne die Pointe einer meiner Lieblingsfilme- also, wie man in Österreich sagt: sei’s drum.
Negatives Beispiel: „Gone Girl“, der beliebteste Krimi aus dem Vorjahr ( der dann prompt ebenfalls von David Fincher verfilmt wurde. Fincher scheint solche blödsinnigen unvorbereiteten Wendungen in den Vorlagen für seine Filme zu mögen- aber aus Gone Girl konnte selbst er nichts machen). Bei „Gone Girl“ von Gillian Flynn wird man ungefähr zweihundert Seiten lang von dem flachsten, ödesten Geschwätz gequält, das man sich vorstellen kann, Tagebuchaufzeichnungen der verschwundenen jungen Frau. So schrecklich, dass man schreien möchte vor Langeweile, sogar dann wenn man, wie ich, nur jede vierte Seite liest. Dann erfährt man, dass die Ödnis ABSICHT war- das Tagebuch war gefaket, und nur ein Ablenkungsmanöver. Schön, das mag ja ein guter Grund für die Hauptfigur gewesen sein, diesen Mist zu schreiben um ihre Verfolger abzulenken. Aber welchen Grund hatte die Autorin, mich, die Leserin mit dem Zeug zu quälen?
Teju Coles „Open City“ ist ein ähnlicher Fall. Die Hauptfigur, Julius, spaziert zuerst durch New York, dann eine Weile durch Brüssel, dann wieder durch New York. Der junge Mann ist ein Psychiater in Ausbildung (deshalb stand das Buch auf meiner Liste), und er kommt aus Nigeria, wie der Autor. Anders als der Autor hat er eine deutsche Mutter, nur der Vater war schwarz. Er spaziert also herum, beobachtet Leute, Häuser, redet mit ein paar Menschen, Zufallsbegegnungen, denkt auch mal an seine Vergangenheit. Dabei ist er immer irgendwie diffus distanziert, nie entwickelt sich auch nur die leiseste Beziehung, dafür hat er zu allem furchtbar gebildete Assoziationen. Es kommen immer wieder Orte der Gewalt vor, Ground Zero natürlich, ein Memorial für schwarze Tote aus dem Bürgerkrieg, die Einwanderungsbehörde. Der Erzähler beschreibt (jaja, ganz gut) und schwadroniert im Kopf hochgestochen vor sich hin, Nietzsche, Mahler, Derrida, Freud, sein Kopf ist ein einziges Name- und Zitatdropping. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, ich sei dazu aufgefordert, ihm dieses prätentiöse Gerede zu verzeihen, weil er schwarz ist, und dass ich, was ich bei einem weißen Erzähler unerträglich gefunden hätte, bei einem schwarzen bewundern soll.
In der Mitte wollte ich völlig gelangweilt aufhören, las in die Kritiken rein, hatte mich erinnert, dass sie gut waren- aber sie waren euphorisch. Hymnen! Praktisch alle verglichen ihn mit Sebald. Manche mit Walter Benjamin. Tenor: Teju Cole hat dem Prinzip des ziellosen Umherstreifens zu neuem Glanz verholfen. Alle sangen das Lob dieses wunderbaren Tons- ich war offenbar allein mit meinem völligen Entnervtsein von seiner Beziehungslosigkeit und seinen hochgestochenen Gedankenschnörkeleien. (Wobei ich natürlich einverstanden wäre, die Einsamkeit eines Helden mitzuerleben, aber damit er für mich fassbar würde, müsste er unter seiner Entfremdung und Einsamkeit leiden! Was nicht bedeutet, dass ein solcher Held jammern muss! Ein wunderbar einsamer Beobachter ist zum Beispiel der Held in Pessoas Buch der Unruhe, einsam, entfremdet, beobachtet er, ebenfalls gelassen- aber er ist zutiefst verzweifelt, weshalb man ihn versteht und alles miterleben kann).
Also: diesem Julius ist alles egal, und die Kritiker behaupten, das sei gerade das Schöne.
Las also noch weiter. ratlos- irgendwas stimmte da nicht. Mit mir? Den Kritikern? Mit Teju Cole? Mit Julius? Ahh! Mit Julius!!! Auf Seite 314 (!!) von 334 Seiten kommt die Pointe, die alles wendet: eine junge Frau, die ihn aus Nigeria kannte, während er sich nicht an sie erinnert, -sie war die Schwester eines Schulfreunds-, erzählt ihm am Morgen nach einer Party, dass er sie vor vielen Jahren vergewaltigt hat als er vierzehn und sie fünfzehn war. Sie ist seitdem traumatisiert, hat jeden Tag Alpträume von ihm, ihr ist klar, dass sie vor Gericht keine Chance gehabt hätte, sie waren allein, niemand hätte ihr geglaubt. Ihr ist inzwischen auch klar, dass er sich überhaupt nicht erinnert, deshalb muss sie es ihm wenigstens sagen.
Ah sooooooo. Also alles anders. Seine Haltung war die ganze Zeit die eines schwer psychisch gestörten Menschen, der ein Gewaltverbrechen begangen und verdrängt hat und so große Anteile von sich abgespalten hat, dass er überhaupt keine Gefühle mehr für irgendwas aufbringt. Ja gut. Super. Vermutlich ganz akkurat geschildert. Kann sein, dass so einer so ist. Aber warum zum Teufel musst ich mir bis Seite 314 seine gefühlsleeren, gekünstelten Ausführungen über New York und die Welt im 21. Jahrhundert anhören? Etwa weil er stellvertretend für alle vom schwarzen Kontinent stehen soll, in deren tiefsten Seelentiefen die Gewalt der Jahrhunderte solche Verheerungen angerichtet hat, dass sie jetzt nur noch großspuriges leeres Zeug denken können? Bullshit!
Oder ist es vielleicht so, dass der Autor zweigleisig fährt, dass er mir und sich selbst zur Sicherheit beide Optionen offeriert: entweder mir gefällt das großspurige, „coole“ Zeug sowieso ganz toll,- dann muss ich die Sache mit der Vergewaltigung halt irgendwie schlucken. Oder ich finde es öde, dann krieg ich am Ende erklärt: ja klar ist es öde, das war Absicht! Es sollte ein seelisch verarmter pathologischer Fall geschildert werden.
Die Kritiker teilen sich in verschiedene Kategorien.
James Wood, (einer meiner Lieblingskritiker, mit dem ich sonst ganz oft einer Meinung bin) schreibt im New Yorker eine lange und begeisterte Kritik (Sebald! Benjamin!), er beschreibt jede einzelne Situation, die im Roman vorkommt- und erwähnt dann die Sache mit der Vergewaltigung mit keinem Wort. Am Ende schreibt er: „Julius is not heroic, but he is still the (mild) hero of his book. He is central to himself, in ways that are sane, forgivable, and familiar.” Hat er die Vergewaltigung- eine Schock und Sensationsszene- übersehen? Oder hat der berühmte James Wood das Buch etwa nicht bis zu Ende gelesen? Jedenfalls scheint es ziemlich unmöglich, dass er die Art, wie ein Vergewaltiger, der nicht im Stande ist über seine Tat nachzudenken, zu sich selbst steht, als „gesund, verzeihlich und vertraut" bezeichnet. Hier stellt sich mir ein echtes Rätsel- und ich bin das erste Mal im Kontext dieses Buches wirklich gespannt: hat James Wood die Vergewaltigung ebenso erfolgreich verdrängt wie der Held des Buches?? Bemerkenswert!
Dem Kritiker der Sunday Book Review ist sie wenigstens aufgefallen- er spaltet sie aber völlig vom restlichen Buch ab. Im letzten Absatz nach einer langen Lobeshymne macht er „einen kleinen Einwand“ geltend- die Sache mit der Vergewaltigung, das sei doch völlig unnötig, ein Anfängerfehler, womöglich sei das überhaupt nur das Werk des Lektors, der ein wenig Dramatik habe hineinbringen wollen .
Die meisten Kritiker sind mühelos wechselwendisch. Sie bleiben dabei, dass ihnen die Haltung des Erzählers angenehm und überaus sympathisch war, Sebald! Benjamin! – wunderbare heitere Gelassenheit! Wiedergeburt des unaufgeregten Flaneurs, - und dann, am Ende bewundern sie Cole dafür, dass ihnen der Erzähler nun doch „ein wenig unheimlich wird“ durch das, was da herauskommt.
Was jetzt??? Entweder der Ton war auf authentische Weise wunderbar gelassen- oder er war konstruiert, um einen durch die Verdrängung eines Gewaltverbrechens psychisch schwer gestörten zu charakterisieren: flach, emotional leer, prätentiös.
(Ich habe bei den amerikanischen Kritikern überall, wo es Fotos gab, draufgeklickt- sie sind alle weiß. Was nicht sehr verwundert. Vermutlich gibt es inzwischen ziemlich viele schwarze Romanautoren, die von ihren genuinen Erfahrungen berichten dürfen- aber Kritiker, die ja Urteile aussprechen, also die Macht der Objektivität vertreten sollen, sind immer noch in großer Mehrheit weiß. )
Also ich finde: das Ding fließt eben gerade nicht frei dahin, sondern ist überkonstruiert und symbolbeladen, wenn man es von der Schlusspointe aus anschaut, ist es ein einziger Holzhammer von einem Konstrukt: schwarz und weiß kämpfen mitten in der Brust des Helden- deswegen kriegt er eine weiße Mutter und einen schwarzen Vater. Historische Gewalt sitzt tief im Leben jedes Einzelnen, auch und gerade im dem der Opfer- deshalb hat er ein Mädchen vergewaltigt. Das alles ist nicht zu fassen, unbegreiflich- deshalb hat ers vergessen. Damit man dazu trotzdem ein bisschen Theorie bringen kann (black Box Seele, man glaubt man kann in die eigene sehen, is aber Illusion)- ist die Figur Psychiater. Da kann sie mal über sowas nachdenken. Und das endet mit einer Supersupersymbolszene: zuerst 9. Mahler, er sperrt sich selber aus auf die Feuertreppe, dann die Zahl der Vögel, die täglich sterben, weil sie gegen die Freiheitsstatue knallen. Ende. … Puhh.
Ende der Schimpftirade.
Wer einen wunderbaren Roman mit einem Verbrecher als Icherzähler lesen will, in dem die Verdrängung phantastisch erzählt, teilweise aufgelöst usw wird- spannend, philosophisch, großartige Sprache, dem empfehle ich John Banville „The book of evidence“.
Sonntag, 16. August 2015
Donnerstag, 13. August 2015
Notizen zu Alma Mahler-Werfel
Ich komme zufällig auf Alma Mahler-Werfel: gestern war ich in "The Dead Ladies Show"- eine regelmäßige Show im Berliner Acud, "that explores the collision of feminism and fabulousness, glamor and genius". Gastgeberin ist die Übersetzerin Katy Derbyshire. Die Show ist immer ein Vergnügen- und gestern war eine der vorgestellten toten Ladies Alma Mahler-Werfel. Präsentiert wurde sie von Julya Rabinovich, die gerade an einer Novelle über sie arbeitet.
Das hat mich daran erinnert, dass ich vor Jahren eine Besprechung der
verfasst habe, und die habe ich hier ausgegraben. Mein Hauptanliegen war damals zwar, Hilmes These, dass Alma Mahler-Werfel an Hysterie gelitten habe, zu widerlegen, weil ich es ungeheurlich fand, dass die Zeiten wieder kommen, in denen man sexuell agressive Frauen, die man nicht einordnen kann, als hysterisch abtut, aber auch Alma selbst fasziniert mich als Person immer noch sehr. Ich glaube, ich muss irgendwann auf sie zurückkommen. Außerdem schreibe ich gerade an einer (wütenden) Kritik über den Film "Amy" - an dem mich genau dasselbe ärgert wie damals an dem Buch von Hilmes: eine wilde und aktive Frau wird von einem Biographen in ein hundertprozentiges Opfer verwandelt. Im Gegensatz zu Amy Winehouse war Alma Mahler-Werfel selbst keine große Künstlerin, aber sie hat Kunst geliebt und verstanden, und Männer, die sie hervorgebracht haben, viele Männer.
Nichts schmeckt köstlicher als das Sperma eines Genies
Oliver Hilmes Versuch das grandiose Monster Alma Mahler-Werfel klein zu
kriegen
Über Alma- Mahler Werfel, Gattin von Gustav Mahler, Walter
Gropius und Franz Werfel, Geliebte von Klimt, Zemlinsky und Kokoschka, Mutter
von vier Kindern, verhinderte Komponistin, Sexikone, trinkfeste Salongöttin, antisemitische
Exilantin und berühmteste Wiener Muse des zwanzigsten Jahrhunderts, ist viel
geschrieben worden. Aus der Art der Faszination, die sie in verschiedenen
Epochen ausgelöst hat, lässt sich Interessantes über das Frauenbild der
jeweiligen Zeit herauslesen. In den Künstlerkreisen des beginnenden Zwanzigsten
Jahrhunderts gehörten rasende Leidenschaften, sexuelle Exzesse und dramatische
Affären, immer überschattet von der Bedrohung durch die Syphilis, zum
Lebensgefühl. Allerdings war den Frauen eher die Rolle des Opfers zugedacht,
das in diesen Stürmen unterzugehen oder sich an die Ufer des Bürgertums zu
retten hatte. Alma Mahler-Werfel
hingegen lebte nach neun Jahren bürgerlichen Eheunglücks ihre wilden Affären in
aller Öffentlichkeit, trank wie ein Loch, spann wüste Intrigen, kokettierte mit
den Austrofaschisten, heiratete wieder und wieder einen Juden, machte ihre
Habseligkeiten rechtzeitig zu Geld und rettete sich und ihn ins Exil. Bei
alledem galt sie weiter als die schönste und begehrenswerteste Frau von Wien
und wurde dafür bewundert und beneidet.
Nach dem Krieg und nach Werfels Tod
verfasste sie ihre Memoiren, aber der Verlag weigerte sich den Text zu
veröffentlichen, er sei „von klirrender Kälte und voller antisemitischer
Ausfälle“. Uneinsichtig und beleidigt verschliss sie zwei Ghostwriter, bis sie
mit fast 80 Jahren kapitulierte und Willy Haas, einem Freund des verstorbenen
Werfel, das Placet gab „lebende berühmte Menschen“ zu schonen und „die ganze
Judenfrage“ in der Versenkung verschwinden zu lassen. „Mein Leben“, die so
entstandene parfümierte, geglättete, sentimentalische Version wurde in den
Sechzigerjahren zum Megabestseller. Man wollte zwar nicht mehr so sein wie
Alma, las aber ihre Erinnerungen an längst vergangene wildere Zeiten mit
frivolem Schaudern.
In den Siebzigerjahren wurde sie von der
Frauenbewegung entdeckt und von ihr auf zwei völlig unterschiedliche Podeste
gestellt. Zum einen sah man sie als Prototyp der unterdrückten Künstlerin. Die
Neunzehnjährige Alma Schindler war Kompositionsschülerin und schrieb in ihr
Tagebuch: “Ich möchte eine große That thun. Möchte eine wirklich gute Oper
komponieren, was bei Frauen wohl noch nie der Fall war.“ Diese Träume endeten
jäh mit einem Brief ihres frisch Verlobten, der an Deutlichkeit nichts zu
wünschen übrig lässt: “Wie stellst du dir so ein komponierendes Ehepaar vor?“
schreibt Gustav Mahler. „Hast du eine Idee wie lächerlich so ein eigenthümliches
Rivalitätsverhältnis werden muss? ... Dass du so werden musst, wie ich es
brauche, wenn wir glücklich werden sollen, mein Eheweib und nicht mein College
– das ist sicher!“ Dazu notiert Alma in ihrem Tagebuch: „Mir war, als hätte man
mir mit kalter Faust das Herz aus der Brust genommen.“ Was ihre wütenden
Verehrerinnen gerne übersahen, ist, dass sie nur eine Nacht brauchte um zu der
Einsicht zu kommen: „Ja, er hat recht. Ich muss ihm ganz leben, damit er
glücklich wird.“
Anderen Teilen der Frauenbewegung galt sie zur
selben Zeit als das Gegenteil eines Opfers, als das Urbild der wilden,
unbezähmbaren Frau, die sich furchtlos über die Konventionen ihrer Umgebung
hinwegsetzt. Hier wurde wieder übersehen, dass die Kreise, in denen Alma lebte,
weit weniger bürgerlich waren, als das Deutschland der Siebzigerjahre.
Alma wuchs in einem Künstlersalon auf,
schon ihre Mutter hatte drei Kinder von drei verschiedenen Männern, lebte mit
Almas Vater, dem Maler Emil Schindler und seinem Schüler Carl Moll in einer
Menage à trois, und als der notorische Gustav Klimt der Familie in die Ferien
nachreiste, unterbanden die Eltern seine Affäre mit Alma erst, als es allzu
ernst wurde.
Wenn man nun die neue Biographie
aufschlägt, fragt man sich natürlich gespannt: welcher Aspekt ihrer
Persönlichkeit fasziniert denn nun heute? - und erhält von Oliver Hilmes die
überraschende Antwort: gar keiner. Er eröffnet mit verschiedenen Stimmen, die
fordern, Alma Mahler-Werfel nun endlich zu vergessen, zitiert Hans
Wollenschläger, der meint, was bliebe schon von ihr, außer „das bisschen
Unterleib“, grübelt anschließend, warum sich bisher überhaupt so viele
Publizisten für sie interessiert hätten (was offensichtlich scheint, wenn man
mit der Mehrheit des Publikums „das bisschen Unterleib“ keineswegs für
nebensächlich hält, sondern für eins, wenn nicht gar das wichtigste, der
weltbewegenden Themen- oder sollte sich da in den letzten Jahren etwas
grundlegend verändert haben?), und stellt die Frage : Warum eine weitere,
sechste Biographie? Als Leser, der dieselbige soeben aufgeschlagen hat, hofft
man, die Frage sei rhetorisch gemeint, und Hilmes werde nun endlich mit dem
brennenden Interesse für seinen Gegenstand heraus rücken. Aber darauf wartet
man vergebens. Man muss sich die Antwort in Hilmes eigener Biographie suchen.
Der erst zweiunddreißigjährige Politologe hat mit einer Arbeit über Gustav
Mahler promoviert.– und sicher hatte er bei der Gelegenheit schon mit den
Tagebuchaufzeichnungen von Mahlers Frau Alma zu tun. Offensichtlich hat er bei
der Gelegenheit in den Belangen der
unglücklichen Ehe leidenschaftlich Partei für Mahler und gegen Alma genommen,
und es scheint, dass sein Wunsch, die Ehre Mahlers als Ehemann zu
rehabilitieren der Auslöser für die vorliegende Biographie von Alma war. Das
Kapitel über die Ehe der beiden liest sich streckenweise so, als wolle Hilmes Alma
für immer erledigen, damit die Nachwelt nie wieder dem Glauben schenken würde,
was sie über Mahler geschrieben hat. Dabei attackiert er sie nicht direkt,
sondern greift zu einem Mittel, das man schon verschwunden geglaubt hat: er
diskreditiert sie als Hysterikerin. Was er natürlich keineswegs als
Beschimpfung verstanden haben möchte, ihm geht es darum, so schreibt er, zu
zeigen, dass sie tatsächlich psychisch krank gewesen sei. Sie wäre demnach weder große Liebende noch
femme fatale gewesen, kein „Monstre sacré“, keine unterdrückte Künstlerin
sondern nur ein bedauernswertes Opfer ihrer Krankheit. Obwohl Hilmes seine
Hysteriehypothese nur äußerst fadenscheinig und widersprüchlich begründet,
folgen ihr die meisten Rezensenten willig und finden sie „erhellend“. Seine
Sicht auf Alma scheint also den Zeitgeist genauestens zu treffen. Das ist
beunruhigend, denn die wechselnde Art wie Alma gesehen wurde, war er über die
Jahre eine Art Marker. Sie war eine offen sexuell offensive Frau, sie hätte ein
Vorbild für die neue Frauenbewegung sein können, wäre sie nicht ebenso
lautstarke Antisemitin gewesen. Sie war also immer für alle ein Skandal. Denn
wer als Frau so radikal gegen die Regeln verstößt, der sollte dann wenigstens nicht
so widersprüchlich sein, eine solche wilde Frau kann völlig gut sein oder
völlig böse, aber doch nicht wirklich ein Subjekt! Aber mit Hilmes ist das ganz
alte Erklärungsmuster zurück: sexuell aggressives Verhalten bei einer Frau ist,
so sagt es, nur eine Illusion, es ist eine Krankheit der Unterleibs, ist nicht
aktiv, und in Wirklichkeit auch gar nicht sexuell.
Hilmes schlägt gleich zu Anfang einen
betulichen, moralisierenden Ton an: „Wenn man Almas Tagebücher liest,“ schreibt
er gleich, „ist man an vielen Stellen verblüfft über den drastischen
Exhibitionismus und nicht selten abgestoßen von der kalten Menschenverachtung.
Doch ehe man sich moralisch darüber erhebt, sollte man bedenken, was man zu
lesen bekäme, wenn wir selber mit der gleichen Ehrlichkeit und Rückhaltlosigkeit wie Alma zu Papier brächten, was wir wirklich
denken und fühlen.“
Diese scheinheilige Mahnung, die gleichzeitig „drastische
Stellen“ verspricht (was im Übrigen eingehalten wird!) erinnert an die
klassischen Vorworte pornografischer Literatur der Jahrhundertwende. Die
Lebensbeschreibungen der Josefine Mutzenbacher und der Fanny Hill beginnen mit
ganz ähnlichen Vorworten, die mahnen, man solle trotz gerechtfertigter Empörung
die armen Frauen nicht zu früh verurteilen, man müsse ihre Lebensumstände
berücksichtigen und aus den schrecklichen
Geschichten, die nun folgen würden, eine Lehre über unsere Welt ziehen.
Hier schließt sich ein kleiner Kreis: Hilmes schreibt an anderer Stelle, Almas
Autobiografie „Mein Leben“ habe sich im Dunstkreis der Mutzenbacher verkauft.
Und mit seinem Vorwort appelliert er, der selbst tatsächlich nicht zu verstehen
scheint, was „an einem bisschen Unterleib“ interessieren könnte, an ein
Publikum, das dies sehr wohl begreift, und seinem Buch auch bereits einen beachtlichen
Verkaufserfolg beschert hat.
HYSTERIE
„Alma eine Hysterikerin? Darf man einen
Menschen so abstempeln?“ fragt Hilmes, um es gleich darauf genüsslich zu tun.
Die Symptome hätten sich schon bei der jungen Alma Schindler gezeigt, schreibt
er: "Das ständige Schwanken
zwischen emotionaler Kälte und erotischer Überspanntheit, ein Hang zur
Koketterie bei gleichzeitiger Ablehnung körperlicher Nähe, die ausgeprägte
Vorliebe für theatralische und häufig unangemessene Posen, die starke Neigung
zu Oberflächlichkeit und Tagträumereien, das Spielen mit Selbstmordgedanken
sowie eine weitgehende Unfähigkeit, Kritik zu ertragen". Allerdings gibt
es wohl kaum ein junges Mädchen, auf das diese Beschreibung nicht zu
irgendeinem Zeitpunkt seiner Spätpubertät gepasst hätte. Und es gibt Menschen,
die auch nach der Pubertät nicht zur Ruhe kommen, immer unzufrieden bleiben,
schwankend, auf der Suche nach etwas, was sie oft selbst nicht definieren
können. Allerdings nennt man eine solche Wesensart nur bei Frauen „hysterisch“,
bei Männern ist es ein „faustischer Charakter“. („Ich taumle von Begierde zu
Genuss, und im Genuss verschmacht ich nach Begierde“). Wenn dieser Kampf gegen
die innere Leere, diese ständige Suche nach neuen Reizen eine Krankheit oder
wenigstens ein Syndrom sein soll, wie es Hilmes unterstellt, dann müsste das
Gegenteil davon „normal“ sein: ein Mensch, zufrieden mit den kleinen Freuden des Lebens, beständig
in seinen Gefühlen, moderat in der Ausdrucksweise. Aber könnte man einen
solchen Menschen nicht auch borniert nennen? Einen „Petit bourgeois“, einen
langweiligen Spießer? Bestimmt hätte Alma Mahler so über den anderen Teil der
Menschheit gedacht.
SEX- DAS SPERMA DES GENIES
Hilmes bemüht sich das ganze Buch
hindurch nachzuweisen, Alma sei frigide gewesen. Ein hoffnungsloses
Unterfangen, zumal sie in ihren Tagebüchern mit eben jener „drastischen
Offenheit“, vor der Hilmes im Vorwort gewarnt hat, ihre Erlebnisse beschreibt.
Kurz nach ihrer Verlobung schläft sie mit Gustav Mahler: „ ..Ich ließ seine
Hand gewähren. Steif und in all seiner Pracht stand sein Leben. .. Er schwang
sich über mich. Da- im Moment, wo ich ihn eingehen fühlte, verlor er alle
Kraft. Er weinte fast vor Scham. Ich kann nicht sagen, wie mich das Ganze
irritiert hat. Erst das Wühlen in meinem Inneren, dann das Ziel so nahe und
keine Befriedigung.“ Beim nächsten Mal
notiert sie: „Wonne und Glück.“ Beim folgenden „Wonne.“ Aber in der Ehe ließ
die Wonne schnell nach. Nach zwei Jahren schreibt sie: „Er fürchtet sich so vor
dem Weibe, dass er davon psychisch impotent wird. Seine Art mich zu lieben,
wird immer mehr ein mich in der Nacht im Schlaf überfallen.“ Daraufhin wird sie
von Hilmes wütend zurecht gewiesen: “In Almas Büchern gibt es zahlreiche
Stellen, an denen sie Mahler als prüde und verklemmt hinstellt. Sie blendet
dabei die Realität aus, denn schließlich deuten Mahlers erotische Beziehungen,
die er vor seiner Ehe zu etlichen Frauen hatte, kaum auf Angst vor dem
weiblichen Geschlecht an sich hin.“ Die
Verve mit der Hilmes hier Mahler gegen Almas Vorwürfe zu verteidigen versucht,
ist rührend in ihrer Loyalität. Aber dass ein Mann vor der Ehe Verhältnisse
hatte, lässt sich nun wirklich nicht als Beweis dafür anführen, dass er als
Ehemann keine sexuellen Problemen gehabt haben könne. Hilmes ist aber
überzeugt: wenn Alma in der Ehe mit Mahler sexuell unzufrieden war, dann kann
das als deutlicher Beweis ihrer hysterischen Persönlichkeitsstruktur gewertet
werden. Aber Almas „wilde Jahren“ sollten erst kommen
Nach acht unglücklichen Ehejahren, und
dem Tod ihrer ältesten Tochter an Diphtherie, verliebte sich Alma bei einem
Kuraufenthalt in den vier Jahre jüngeren Walter Gropius und begann eine
leidenschaftliche Affäre. Zwei Jahre später starb Mahler an einer
Herzklappenentzündung und die verwitwete Alma Mahler kehrte ins
gesellschaftliche Leben zurück. Es folgte eine Zeit, in der ihr die Männer,
vornehmlich Genies, verfielen wie die Fliegen, aber keineswegs an ihr
verbrannten sondern aus der Begegnung mit ihr eine Kraft schöpften, die sie wie
wild zum Schreiben, Komponieren oder Malen trieb.
Hilmes interessiert sich komischer Weise
überhaupt nicht für die Fragen, die alle anderen Biografen, inklusive Alma
Mahler selbst, bewegt haben: Wie hat sie es gemacht? Wieso wurde sie von so Vielen so rasend geliebt?
Niemals verlassen? Wie hat sie diese wilden Glücksmomente ermöglicht?
Tatsächlich muss sie sehr vorurteilsfrei gewesen sein. Die sexuellen Erlebnisse,
über die sie in ihren Tagebüchern berichtet, sind zum Teil gelinde gesagt
ausgefallen. Der Biologe Kammerer kniete nieder, wenn sie aufstand, und beroch
und streichelte den Platz auf dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte. Oskar
Kokoschka und Alma verliebten sich unbezähmbar und auf den ersten Blick. Drei
Tage später warf sie ein andere Frau aus seinem Atelier, schleuderte deren
Staffelei aus dem Fenster und es folgten Wochen in denen die beiden abwechselnd
miteinander schliefen und er sie malte. „Ich bin vor dir wie ein Heide, der zu
einem Stern betet“ schrieb er ihr. Er geriet in einen wahren Schaffensrausch
und malte einige seiner schönsten Bilder. Gleichzeitig verfolgte er sie mit
rasender Eifersucht, „Wenn ich jede mir fremde Vorstellung aus deinem Hirn mit
einem Messer herauskratzen müsste, würde ich es tun“ und wollte von ihr
geschlagen werden. Als sie sich nach drei Jahren von ihm trennte, ließ
Kokoschka von einer Puppenmacherin eine lebensgroße Almapuppe herstellen. Er
schickte ihr dazu Skizzen der kleinsten Hautfalten und verfiel in eine tiefe
Depression, als die Puppe nicht so echt wirkte, wie er es gehofft hatte. Er
nannte sie „die stille Frau“, kleidete sie an, fuhr mit ihr im Wagen spazieren,
ging mit ihr in die Oper und ließ die Puppe von einem Mädchen bedienen, das sich
wiederum in Kokoschka verliebte und sich seine Initialen mit einem Messer in
die Brust tätowierte. Eines Tages schnitt er der „stillen Frau“ auf einer Party
den Kopf ab, übergoss sie mit Wein und hatte Alma überwunden. Aber er schrieb
ihr ein Leben lang wunderbare Briefe und blieb der Überzeugung, er verdanke ihr
all seine Kraft.
Franz Werfel, neun
Jahre jünger als Alma, ein „hässlicher Jude mit Froschaugen“, der ihr sofort
ausnehmend gefiel, wurde ihr dritter Mann. Mit ihm ging sie nach Amerika ins
Exil und blieb bis zu seinem Tod mit ihm zusammen. Die ersten Jahre mit ihm
waren ebenfalls ein sexueller Rausch. „Es ist merkwürdig“ schreibt sie, „dass
sich das Gefühl in zwei Jahren stärkster körperlicher Gemeinschaft nicht
verringert, sondern nur vermehrt hat.“ Werfel gesteht ihr seine
Sexualphantasien: er träumt von Krüppeln. Und Alma geht darauf ein: „konnte
nicht schlafen vor Erregung. Sah eine einbeinige Person – liegend. Er und ich.
Berauschte mich daran.“
Wie hat sie es also gemacht?
Sie soll einmal gesagt haben: „Nichts schmeckt köstlicher als das Sperma eines
Genies.“ Ein Satz, über den man zunächst lachen muss, weil man sicher zu wissen
glaubt, dass das Sperma eines Genies nicht anders schmecken kann als das
gewöhnlicher Männer. Aber den meisten Zeugnissen zufolge war Alma, was
Leidenschaft und Sex betraf, niemals ironisch. Das war für sie heiliger Ernst
und ernst wird sie auch diesen Satz gemeint haben. Er bedeutet das Gegenteil
dessen, was man als den Grund des allgemeinen Interesses für das Sexualleben
von Berühmtheiten hält: dass diese nämlich auch nicht besser seien als man
selbst, dass auch die größten Künstler nur die allergewöhnlichsten Bedürfnisse
hätten- eben das „bisschen Unterleib“. Almas hingegen muss körperliche
Vereinigung für etwas dem schöpferischen Akt Ebenbürtiges gehalten haben. Und
wie die Kunst ihrer Männer weit großartiger
war, als alles, was gewöhnliche Menschen zu leisten im Stande sind, so war auch
das Produkt ihres Liebesakts tausendmal köstlicher als das eines gewöhnlichen
Mannes. Und das meinte Alma offenbar keineswegs metaphorisch. Sie hat die
sexuellen Kräfte ihrer Männer in vollem Ernst für heilig erklärt, und sie
dadurch zu künstlerischen Höchleistungen gebracht.
. Sie hat die Männer
in ihrer Sexualität vollkommen angenommen und geliebt, in ihren eigenen Worten:
sie hat sie „als ungetrennte Leibseele in sich aufgenommen“. Das war ihre
Kunst, und es scheint nicht viele gegeben zu haben, die sich mit ihr darin
messen konnten. Ein Biograf, der für diese spezielle Fähigkeit absolut kein
Interesse aufbringt, erinnert ein bisschen an den Musikkritiker in dem Lied von
Georg Kreisler, der gelassen (und falsch) singt: „Für mich hat das alles kann
Sinn, weil ich un- musikaaalisch bin.“
ANTISEMITISMUS
Alma Mahlers antisemitische Äußerungen gehören zu den
wirklich unangenehmen Stellen in ihren Tagebüchern. Allerdings ist ihre
Einstellung sehr aufschlussreich für das geistige Klima im Vorkriegswien.
Hilmes stellt Almas Antisemitismus als „Wahn“ dar, als psychologische
Abstrusität. Seiner Meinung nach habe sie den Antisemitismus nur benutzt, um
Macht über ihre jüdischen Geliebten zu erhalte und so ihre eigenen
Minderwertigkeitskomplexe zu überdecken. Bleibt die Frage, wieso all die Männer
sich das gefallen ließen.
Hilmes beschreibt zwar, wie die antisemitische
Stimmung in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem Bürgermeister Lueger immer
mehr zunahm, er trifft das Klima aber insofern nicht, als man den Eindruck
erhält, einer Mehrheit von „anständigen“ Menschen, die in etwa so gedacht
hätten, wie wir heute, sei eine Gruppe von Andersdenkenden, von Antisemiten
gegenübergestanden. Tatsächlich war es aber damals common sense, dass es große rassische
Charakterunterschiede zwischen Ariern und Juden gäbe – nahezu alle dachten so, auch
die Juden. Ob man Antisemit war, entschied sich erst in der Bewertung dieser
Unterschiede. Juden galten im Große und Ganzen als intellektueller, dialektischer
denkend und „gefinkelter“ als die Arier; als weniger begabt fürs Große, Monumentale,
Erhabene; als unsportlicher; als witziger, materieller orientiert, kühler,
berechnender, ironischer. Die Bewertung dieser Eigenschaften schwankte stark.
So waren zum Beispiel auch Antisemiten bereit, Juden für das intelligentere
Volk zu halten. Im selben Atemzug deklarierten sie es aber für einen üblen
Charakterzug, der Intelligenz eine herausragende Bedeutung zuzuschreiben (vor
Mut, Tapferkeit, Kraft usw) Aber es konnte es für manche Arier doch ärgerlich sein,
von sich selbst als Angehöriger der dümmeren Rasse denken zu müssen. Alma schreibt in
ihrem Tagebuch: „ Nervös und gescheit bin ich, bis zu einem gewissen Grade-
nämlich jener Ariergescheitheit mit dem Lückenhirn. Ich kann nichts ganz
ausdenken!“
Juden in Wien hatten damals zwar unter dem
Antisemitismus zunehmend zu leiden, aber sie waren keine arme, unterdrückte
Minderheit. Eine vergleichbare Blütezeit von Kunst und Kultur wie im Wien der
Jahrhundertwende hat es nirgends gegeben, und ein Großteil der Protagonisten
waren Juden. Antisemit in der Kunstszene zu sein bedeutete also, sich gegen ein
herrschendes Prinzip aufzulehnen. Alma schreibt immer wieder, sie wolle die
Juden „heller machen“. Was uns heutzutage völlig verwirrend erscheint, sind die
Konnotationen von dunkel und hell. „Dunkel“ bedeutete in Almas Terminologie
Vernunft, „hell“ bedeutet Rausch. Dunkel waren für sie Liberale, Intellektuelle
und Juden. Hell waren Arier und Mystiker. (Die Zuordnung ist also genau
umgekehrt zum wörtlichen Sinn von „Aufklärung“.) Alma Mahler wollte ihre
jüdischen Geliebten durch die mystische Kraft der Sexualität hinaufführen ins
Helle und in den Rausch. Man kann davon ausgehen, dass diese Vorstellung ihren
jüdischen Geliebten keineswegs vollkommen absurd vorgekommen ist. Sie wollten
sich von der Vernunft befreien und in den Rausch katapultieren lassen. Und
viele Juden waren überzeugt, dass es ihr jüdisches Wesen sei, dass sie in den
Tiefen des Vernunftdenkens gefangen halte. (In „Geschlecht uns Charakter“
schreibt der jüdischen Autor Otto Weininger Juden seine in einem „Zustand vor
dem Sein“ und daher müssten sie „gegen sich kämpfen, innerlich das Judentum
in sich besiegen“, um Menschen, also Männer, zu werden).
Anmerkung: Joshua Sobol hat zuerst ein Stück über Otto Weiniger geschrieben, "Weiningers Nacht", dann eines über Alma Mahler-Werfel.: Alma. Beide wurden von Paulus Manker aufgeführt, "Alma" läuft in Wien seit 20 Jahren jeden Sommer. Es ist wirklich hochinteressant, schrecklich und faszinierend, die Gedankengänge der beiden, Alma und Weininger, über Sex und Juden zu vergleichen.
Alma war überzeugt, dass sie zum Katalysator
für einen solchen Erlösungsprozess jüdischer Genies bestimmt war. Zwar waren diese Männer nichts ohne sie, das Jüdische an ihnen galt ihr als das Verächtliche, das, was zu überwinden war, aber für die kathartische Explosion war das Jüdische Dunkle,
das in der Vereinigung ja erst ins Helle gehoben und transzendiert werden
sollte, auch notwendig. (Der von vornherein helle, arische Walter Gropius wurde ihr schnell
langweilig).
Hilmes deutet Almas helle, arische
Rauschphantasien als pathologische Störung, als individuellen Wahn. Er glaubt, die
jüdischen Männer hätten ihr das nur wegen ihres hübschen Gesichts verziehen-
und übersieht den massiven jüdischen Selbsthass dieser Zeit. Er übersieht, dass
der Wunsch nach Rausch und Extase, der uns heute so eindeutig dem aufkeimenden
Faschismus zugehörig scheint, damals durchaus auch von Juden geteilt wurde. Hier
war keine einzelne Frau im „Wahn“ inmitten „normaler“ Männer, denen sie mit
ihrem Unterleib das Hirn vernebelt hätte.(Außerdem war dann sie diejenige, die mit geradezu jüdischer Vernunft im letzten Augenblick ihre und Werfels Flucht organisiert hat und sie beide erfolgreich und mit einem großen Teil ihres Vermögens nach Amerika gebracht hat)
ICH LIEBE ALSO BIN ICH
Man kann sich ungefähr vorstellen, was sich die junge Alma
erträumt hat: wenn sie sich Mahler unter Opfern völlig hingäbe, würde etwas
Wunderbares geschehen, etwas, das ebenso gut, vielleicht sogar besser wäre als
Musik. Obwohl die Ehe sehr unglücklich war, und Mahler unter Hingabe ihre
Existenz als besser Haushälterin verstanden hat, hat sie diesen Glauben nicht
aufgegeben: dass es durch (sexuelle) Liebe genauso möglich sein müsste den Alltags
zu transzendieren, wie durch Kunst, am besten durch Liebe zu einem Künstler,
der durch und in dieser Liebe überhaupt erst zum Künstler wird. Kokoschka hat
ihr geschrieben: „Wenn du mir als stärkendes Weib aus der geistigen Verwirrung
hilfst, wird das Schöne jenseits unserer Erkenntnis, das wir verehren, Dich und
mich mit Glück segnen.“
Vermutlich ist es genau das, was sie wollte: einem genialen
Mann aus der Verwirrung helfen um dadurch mit seinem Genie sosehr zu
verschmelzen, dass sie Zugang erhielte zum “Schönen jenseits der Erkenntnis“
und gemeinsam mit ihrem Geliebten durch dieses Schöne mit Glück gesegnet werde.
Und es scheint so, als ob ihr das auch immer wieder gelungen ist.
„Dein Wahlspruch ist: ich denke also bin ich. Meiner: ich
liebe also bin ich.“
Am Ende der Biographie kommt Hilmes zu dem Schluss: „Dass
Alma auf ihre Ehen und Liebesaffären reduziert wurde, daran war sie selber
nicht ganz unschuldig.“ Nun – wohl wahr! Mit demselben Recht könnte man sagen:
das Mahler auf seine Musik reduziert wurde, daran war er selber nicht ganz
unschuldig…
Dennoch,
obwohl sie ihre Träume immer wieder eingeholt hat, sind sie ihr auch immer
wieder entglitten. Die Leidenschaft zu den Männern hat nach einer Weile
nachgelassen, und während sie ratlos zurückgeblieben ist, haben die Männer
immer weiter komponiert, gemalt und geschrieben. Die Liebe hat sich letztlich
doch nicht als ein so haltbares Lebensprojekt erwiesen wie die Kunst. In dieser
Hinsicht sind ihre so außergewöhnlichen Erfahrungen vielleicht doch für viele
Frauen typisch.
„Schreib mir einen sinnlichen Brief“ bat Oskar
Kokoschka, „weil ich ins puritanische England zurück fliege, wo man ganz
vergisst, einen Körper zu haben, der in einem zweiten Körper herumstoßen wird
und blutlüstern ist wie eine Stierin, die denn Mann zu sich nimmt und ihn nicht
mehr loslässt, bis er hin ist. Wo anders her könnte es mir denn auch so kommen
als von der, die sich mir als erste geboten hat, auf dass mir alles Glück,
Elend, Schmerz, Wonne, Raserei und Verenden im Blutrausch gelehrt war. Du warst
meine Lehrerin und Meisterin und ich habe Vielen das gleiche getan in treuer
Nachfolge und im rechten Sinn, kommend aus mir tief drinnen, wo Du sitzt mit
offenen Schenkeln und den Wein aus der Traube presst.“ Dass der Schreiber
dieses Briefes 76 Jahre alt war und Alma, die Empfängerin, über achtzig, findet
Hilmes „bizarr“. Es gibt aber sicher Menschen, die das wunderbar
finden und sich fragen: Wie hat sie das gemacht?
Dienstag, 7. Juli 2015
Bachmannpreis 2015. Dana Grigorcea
Dana Grigorcea, Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit
Für diesen Text hat die aus Rumänien stammende Dana Grigorcea den 3-sat Preis bekommen. Auf meiner Liste war sie die Nummer eins. Es ist eine großartige Geschichte, die drei Episoden aneinanderfügt, in denen Ahnungslosigkeit zu Verrat führt. Über allem steht die Frage nach Schuld und Unschuld in einer Diktatur, und die Frage, was die Sehnsucht nach Freiheit bedeutet, wie sie sich ausdrückt und was sie mit Verrat zu tun hat.
In der ersten Episode ist Viktoria noch ein Kind und Ceausescu ist in Rumänien an der Macht. Weil wir alles nur aus der Perspektive des Kindes sehen, und dieses Kind vieles noch nicht verstehen oder einordnen kann, hat dieser Abschnitt etwas von einem Märchen. Eine Straße, in der alle eng zusammenleben, Victoria mit ihren Eltern, Rapineu, der fesche Souffleur der Bukarester Oper und Dobrescu, der Securitate Oberst mit seiner großen Dogge.Die große weite Welt und mit ihr die Sehnsucht nach Freiheit kommen durch den Fernseher in diese kleine Welt, Rapineu hat den einzigen Farbfernseher in der Straße, hier schauen die Kinder „Fram, der Polarbär“, wo ein Bär aus dem Zirkus ausbricht, hinaus in die weite Welt. Die Mutter schaut französische Filme, die es im Fernsehen nur in bulgarischer Synchronization gibt, die immer überlappt. In Godards „Außer Atem “ sagt Jean Seberg „Ich weiß nicht, ob ich unglücklich bin weil ich nicht frei bin, oder ob ich nicht frei bin, weil ich unglücklich bin.“
Rapineu verehrt Victorias schöne Mutter Despina,
..er sagt zu ihr „mit seiner tiefen Flüsterstimme: „Despina, Liebes, du hast unfassbar blaue Augen.“ Worauf wir losbrüllten vor Lachen. Das sollte den Sommer lang unser Hausscherz bleiben: „Despina, Liebes, du hast unfassbar blaue Augen.“
Wir wissen nicht, ob da etwas läuft zwischen den beiden, ob das Kind lacht, weil Rapineu nicht in Frage kommt, oder weil ihm das alles doch irgendwie komisch vorkommt.
Auch der Securitate Oberst ist ein Verehrer, grüßt die Mutter mit „Küss die Hand, zarte Frau Despina“ und führt mit dem Kind lange ernsthaft Gespräche.
Dann wird die Mutter plötzlich schwer krank. Was es ist, weiß das Kind- und also auch der Leser - nicht. Der Arzt sagt, man könne nur abwarten. Die Mutter wird immer schwächer, und dann wünscht sie sich den Farbfernseher von Rapineu ans Krankenbett, weil sie nicht mehr aufstehen kann. Der Vater sagt : alles nur das nicht, geht dann doch mit dem Kind zu Rapineu, um den Fernseher zu holen, prügelt sich zuerst mit ihm (nun vermutet man doch, dass da was war zwischen der Mutter und dem Hausfreund und dass der Vater davon weiß. Die beiden Männer tragen den Fernseher über die Straße, das Kind muss aufpassen,dass sie keiner dabei erwischt, und begegnet Oberst Dobrescu. Um ihn abzulenken, redet es zuviel und verplappert sich. Es erzählt ihm, dass die Mutter sehr krank sei und dass sie viel Blut verloren hat. Daraufhin verspricht der Oberst, er werde sich um sie kümmern.
Im Fernsehen läuft Außer Atem
Und dann, als Jean-‐Paul Belmondo wieder dabei war zu sterben, also als er zuerst den Zigaretten-rauch aushauchte und dann lachte und mit seinem Kussmund zuckte, nuschelte er noch: „C‘est vraiment dégueulasse, das ist wirklich ekelhaft.“
„Was hat er gesagt?“, fragte ich, gleichzeitig mit der Studentin Patricia. „Vous êtes vraiment une dégueulasse, Sie sind wirklich ein Ekel“, antwortete ein Polizist. „Aber das war nicht richtig“, sagte Mutter empört und begann loszuheulen. „Das hat er nicht gesagt.“
Am nächsten Tag wird die Mutter abgeholt und ins Krankenhaus gebracht und flüstert dem Kind zum Abschied „Missgeburt“ zu.
Die Epoisode endet damit, dass das Kind durchs Fenster die Abfahrt des Krankenwagens beobachtet und einenHund sieht, der fast überfahren wird,
Die Zunge hing dem Hund ganz lang heraus. Ich sah, wie ein großer schwarzer Hund den gerade mit dem Leben Davongekommenen bestieg.
Dies ist ist also die Geschichte, wie Victoria, die „primär“ unschuldig ist, zur Verräterin wird, ohne es zu verstehen. Auch als Leser muss man erst einmal die Versatzstücke zusammensetzen : wieso sagt die Mutter „Missgeburt“ zur armen kleinen Victoria (so wie Belmondo „C`'est dégueulasse“ zu Patricia)? Sie hat „viel geblutet“ - war es eine Abtreibung? Dazu muss man wissen, dass Abtreibung unter Ceausescu nicht einfach verboten war, sein Ziel war es, die Bevölkerung Rumäniens zu verdreifachen, und Abtreibung war deshalb ein Staatsverrat. Den Ärzten war es verboten, Frauen zu behandeln, die nach einer Abtreibung Komplikationen bekamen. Ja, so muss es wohl sein: das Kind hat, ohne zu wissen was es tat, dem Oberst der Securitate verraten, dass die Mutter illegal abgetrieben hat. (Womöglich weil sie von Rapineu schwanger war und nicht von ihrem Mann)- daraufhin wurde die Mutter abgeholt, ob sie jemals zurückgekommen ist, bleibt offen.
Als Dana Grigorcea die letzten Sätze liest, wo der Hund fast überfahren wird, kommen ihr die Tränen und ihre Stimme bricht für einen Moment. Man kann nicht anders als vermuten, dass es hier ein autobiographisches Moment geben muss. (Und zittert mit: schafft sie es, oder wird sie tatsächlich zu weinen anfangen, was beim Bachmannpreis unerhört wäre? Sie schafft es.) Was mit der Mutter in der Geschichte geschieht, erfährt man nicht. Ist sie gestorben? Oder ist sie mit dem Leben davongekommen und wurde „nur“ von einem großen schwarzen Hund bestiegen?
Wieder ist die Jury an den Handlungsfragen nicht so interessiert wie ich, keiner überlegt, ob die Mutter wohl überlebt hat, ob man die Sache mit dem Hund darauf einen symbolischen Hinweis gibt. Auch über Schuld und Unschuld des Kindes wird nicht diskutiert. Stattdessen viel über die Medien, das Farbfernsehen, die Asynchronizität der bulgarischen Stimmen.
Dann gibt es ein Intermezzo, das ich rührend finde: Juri Steiner, der sonst immer alles so akkurat entschlüsselt, spricht davon, dass man hier die einzige Auflehnung im Text finde : die Mutter wehre sich gegen die falsche Übersetzung von Belmondos letzem Satz, denn, so Juri Steiner: „Belmondo sagt in Wirklichkeit „C’est déguelasse!“ und meine damit, es ist ekelhaft, dass er erschossen wurde. Dagegen wehrt sich die Mutter, denn Jean Seeberg ist unschuldig!“ Ich weiß nicht, ob das Juri Steiners Interpretation dessen ist, was die Mutter im Text meint, oder ob es das ist, was er selbst denkt. Ich glaube fast, es ist Zweiteres, ich glaube, Juri Steiner hat diesen Film gesehen und sein Leben lang gedacht, Patricia sei unschuldig! Aber leider ist sie das nicht, da bleibt keine Frage offen, das kann man nur denken, wenn man sich absichtlich Augen und Ohren zuhält, wenn sie Belmondo an die Polizei verrät. Genau das scheint Juri Steiner, der in Allen nur Gutes vermutet, getan zu haben! Aber Belmondo, der im Gegensatz zu Juri Steiner natürlich genau weiß, was Jean Seberg getan hat, bleibt auch im Sterben cool und sagt so etwas wie „das ist widerlich“ – was beides heißen kann: Widerlich, zu sterben, oder Widerlich, was du mir angetan hast- wobei er versucht zu grinsen, und ein letztes Mal seine sexy Lippen vorflunscht. Der Skandal der falschen Übersetzung des Polizisten (übrigens auch im Französischen Original, die bulgarische Synchronisation ist ausnahmsweise unschuldig), liegt darin, dass sie nur mehr eine der beiden Interpretationsmöglichkeiten zulässt.
Die zweite Episode spielt 1992, Victoria ist ein Teenager und Ceausescu gestürzt. Trotzdem hat sich in Rumänien wenig verändert, die Seilschaften der Securitate sind nach wie vor an der Macht. Der Widerstand der Jugendlichen manifestiert sich in ihrer Liebe zu Michael Jackson.
„Damals ging kaum noch einer aus dem Haus ohne die „Dangerous“- Kassette, man trug sie bei sich, und zwar sichtbar, wie einst die Chinesen Das kleine Rote Buch während Maos Kulturrevolution.“
Und dann kommt Michael Jackson für ein Konzert nach Bukarest. Er begrüßt seine Fans vom Balkon des Palasts des Volkes aus, dem gigantomanen Monster, das Ceausescu als neue Akropolis für sich bauen ließ. 70.000 strömen dorthin um ihn zu sehen.
Dana Grigorcea beschreibt unglaublich mitreissend die Euphorie, von der alle ergriffen werden, als ein Feuerwerk losgeht:
„Es brennt“, rief so mancher fasziniert, „er brennt jetzt alles nieder.“ Und von überall drang Sirenengeheul zu uns her. … „Michael, Michael“, riefen wir unseren Erzengel. Und als das ganze Haus des Volkes hinter Feuer und Rauch verschwand, schrie jemand: „Weg mit der Nomenklatura!“ Oder es kam einfach so über uns und alles begann zu skandieren: „Weg mit der Nomenklatura!“ „Frei-‐heit, Frei-‐heit!“ Und alle streckten die Arme dem Regen entgegen, mit den Fingern das Siegeszeichen formend der ein Jahr zuvor zerschlagenen Demos, nunmehr aber mit Zeigefinger und Daumen, nicht mehr das V-‐Zeichen aus Zeige- und Mittelfinger wie bei der sogenannten Revolution, als die Nomenklatura uns mit einem riesigen, grausamen Schauspiel gelackmeiert hatte.
Und als sich der Rauch gelegt hatte, weggewaschen vom Regen, hatten wir freie Sicht auf das, was früher einmal das Haus des Volkes gewesen war und sich jetzt in blauen Konturen zeigte – das himmlische Haus des Volkes, das Haus des ganzen Volkes Gottes!
Heal the world
Make it a better place
For you and for me
And the entire human race ...
Lichtstrahlen bündelten sich auf den Balkon des Volkshauses, wo eine kleine Gestalt stand und winkte.
Dana Grigorcea liest den Abschnitt in einem großartigen Parforceritt, sie wird schneller und schneller, und während man ihr zuhört, beschleunigt sich auch der eigene Atem, man spürt körperlich die Begeisterung der 70.000, die unmittelbar bevorstehende Erlösung. Man spürt, dieser Erzengel ist ganz speziell zu ihnen gekommen, ein Abgesandter des großen Freiheitskampfes, an dem sie jetzt teilnehmen werden, er ist gekommen sie heimzuholen in die Gemeinschaft der Aufrechten, die den Verrat nicht mehr dulden werden, weil er weiß, was sie durchgemacht haben, und nun wird es damit endgültig vorbei sein! Man ist einer von ihnen, ist bereit für die Erlösung als Michael Jackson zum Mikrophon greift:
„Hello, Budapest!“, rief Michael Jackson. „I love you!“
Mir war, als ob es aufgehört hätte zu regnen. Totenstille. Ende.
Dieser Mittelteil schlägt ein wie eine Bombe. Nach dem puren Pop von Teresa Präauer, die direkt davor ihren Text „Oh Shimmy“ gelesen hat, und den vielen Texten bei diesem Bachmannpreis, die ein Meta meta meta Spiel betreiben, wird man hier plötzlich im altmodischen Identifikationsmodus in eine Menge hineingeworfen, die völlig naiv einen Popgott ernst genommen hat, und die schrecklich enttäuscht wird. Man spürt die Desillusionierung geradezu körperlich, das Herz tut einem weh.
Wer ist schuld an diesem Schmerz, an diesem Verrat, fragt man sich wieder, wie beim ersten Teil. Kann man der jugendlichen Victoria ihre Naivität vorwerfen? Wieder hat sie nichts begriffen, hat geglaubt, dass da draußen eine Welt der Freiheit ist, die auf sie wartet, die genau sie meint, und sie mit offenen Armen empfangen wird. Aber das war alles nur Betrug, die Revolution in Rumänien war Betrug, aber die Versprechungen des freien Westens, die durch Radio und Fernsehen gekommen sind, waren es genauso. Sie begreift, dass sie nicht gemeint war, dass die einzige Fähigkeit von ihr, auf die man „draußen“ gewartet hat, die der Konsumentin war. (Übrigens genau das, was Fram, dem Polarbären passiert ist, als er in die weite Welt hinausging- Victoria hätte also gewarnt sein können).
Aber es gibt noch ein zweites Kind in dieser mittleren Episode, dessen primäre Schuldlosigkeit hier zur Debatte steht: Michael Jackson, das ewige Kind, das sich als Engel stilisiert hat, das mit seiner Musik nicht nur die eigenen Kindheit heilen wollte, sondern die ganze Welt, das alle Kinder der Welt eingeladen hat, auf seiner Neverland -Ranch mit ihm Karussell zu fahren, und das auf den Balkon des Palasts des Volkes in Bukarest getreten ist, ohne zu wissen, wer all die kleinen Punkte eigentlich waren, denen es Erlösung versprochen hat. War er schuldig? Oder nicht?
Die dritte Episode spielt in der Jetztzeit. Victoria und ihr Mann begleiten zwei andere junge Paare bei einer Besichtigungstour durch den ehemaligen Palast des Volkes. Es sind Exilrumänen, einer hat in Silikon Valley Karriere gemacht und ist „todunglücklich, das traditionsreiche Osteuropa verlassen zu haben“. Seine junge Frau ist pikanter Weise die Enkelin eines ehemaligen kommunistischen Ministerpräsidenten, dessen Geld sie wohl geerbt hat. Sie begeistert sich auf eine naiv-amerikanische Art für das „riesige Haus“, es erinnert sie an eine Installation von Pippilotti Rist mit überlebensgroßen roten Sofas, „auf denen man so klein wird und unschuldig und ganz ohne Sorgen. Das vermittle einem das Gefühl, wieder Kind zu sein, ob das nicht phantastisch sei, man wolle sich gleich austoben.“
(Das ist das zweite Mal, bei dem man als Zuhörer des Bachmannpreises das Gefühl bekommt, die Texte würden sich direkt aufeinander beziehen, denn kurz davor ist Teresa Präauer mit Pippilotti Rist verglichen worden. Und nun spricht hier eine fast unerträglich naive Figur davon, wie ihr ebenjene Künstlerin ermöglicht, sich wie ein Kind zu fühlen- und beschreibt die Freude, durch POP historische Verantwortung leugnen zu können).
Diese junge Frau will unbedingt darüber diskutieren, ob das Ehepaar Ceausescu wohl vorgehabt habe, Sex in diesen riesigen Räumen zu haben. Victoria glaubt das nicht, ihr die noch unter Ceausescu aufgewachsen ist, kommt diese Art von Spekulationen sehr fremd vor,
„Sie hätten sich doch kurz davonschleichen und schnell Sex auf der Toilette haben können, um es allen zu zeigen, insgeheim.“
„Ich denke nicht, dass sie allein bleiben wollten, sie hatten ja Angst vor Anschlägen.“
Die junge Frau ist irritiert. Sie will mir widersprechen, hat aber keine Argumente. Ob ihr Großvater noch lebt? Sie ist ein sogenanntes Nachwendekind, das keine Schuld auf sich geladen hat und dieses primäre Gefühl der Schuldlosigkeit vor sich herträgt.“
Am Ende möchte die junge Frau, dass Victoria sie am Balkon fotografiert, „sie und die Stadt“, aber:
„.. vom Balkon aus sieht man eigentlich gar nichts, nur diese Kulisse aus cremefarbenen Wohnblockreihen. Im hellblauen Dunst zeichnet sich etwas ab, das aussieht wie die Alpen von Zürich aus gesehen, über den Zürichsee hinweg. Ich drücke ab.“
In dieser dritten Episode scheint sich die Schuldfrage am klarsten beantworten zu lassen: so naiv, wie diese Person darf man nicht sein, jedenfalls dann nicht, wenn man Geld geerbt hat, das durch eben jene Gewaltherrschaft verdient worden ist, von der man nichts wissen will. Aber es bleibt irritierend. Denn die junge Frau scheint aufrichtig zu sein in ihrem Nicht-begreifen. Sie stilisiert sich selbst zu einem unschuldigen Kind. Aber genau das ist auch der Status der Untertanen in einer Diktatur: sie sind wie Kinder, halten sich alle primär für unschuldig, weil sie klein und ohnmächtig gehalten werden. Dass die Gewaltzusammenhänge aber in jede einzelne Beziehung eindringen wie ein Myzel, dass sie alle Handlungen bestimmen, und dass deswegen die Frage nach Schuld und Unschuld in einer Diktatur nicht nur schwer zu beantworten ist, sondern dass die Frage selbst etwas primär Unfassliches hat und von Menschen, „die nicht dabei waren“ wohl kaum nachvollzogen werden kann.
Ich finde an dieser Erzählung mehrere Dinge großartig. Das eine ist, wie sie den Bogen nicht über die Handlung konstruiert, sondern über eine theoretische Frage, von der man annehmen kann, das auch die Hauptfigur sie sich stellt- und dass sie die mithilfe eines Triptychons aus Anekdoten diese Frage nicht beantwortet, sondern stattdessen ihre Dringlichkeit verschärft. Es ist kaum zu glauben, dass der Text nicht so konzipiert wurde, wie er hier steht, sondern ein Auszug aus einem Roman mit demselben Titel ist.
(Der Titel ist das einzige, an dem mich etwas stört – und zwar das „primär“, das hier als Adjektiv gebraucht wird. Ich vermute, dass eigentlich gemeint ist, dass alle Figuren, die Kinder und Pseudo-kinder, sich primär, ursprünglich, unschuldig fühlen. Aber dann, bei genauerer Überlegung, ist es doch nicht so sicher, ob sie damit Recht haben. Für diese Bedeutung müsste „primär“ aber das Adverb sein. So wie der Titel hier steht, muss es außer dem „primären Gefühl der Schuldlosigkeit“ auch ein sekundäres Gefühl der Schuldlosigkeit geben- und was sollte das sein? Aber vielleicht habe ich es nur nicht richtig verstanden- Juri Steiner, helfen Sie mir!)
Das zweite, was mir an der Erzählung so gefällt, ist, dass sie mir etwas begreifbar macht, was ich persönlich bei einem Besuch in Bukarest nicht so recht fassen konnte. Mein Familie väterlicherseits kommt aus Bukarest, sie wurden zuerst als Juden verfolgt, dann von den Kommunisten ein zweites Mal enteignet und sind Ende der 50-er Jahre emigriert. Mein Vater ist danach nie mehr in Bukarest gewesen. Vor zwei Jahren war ich das erste Mal dort, um zu sehen wo er aufgewachsen ist. Etwas so Unbegreifliches wie diese Stadt habe ich nie zuvor gesehen. Das lag vor allem an den scheinbar wahllos herausgerissenen Teilen, als sei ein Riese durchgestapft und habe überall Häuserblocks herausgerissen. Das Haus, die Straße, das Viertel in dem mein Vater aufgewachsen ist, existierten nicht nur in der Realität nicht mehr sondern auch nicht auf einem Plan- wo sie gewesen waren, waren nicht etwa andere Häuser entlang einer früheren Straßenführung, sondern ein Chaos aus monströsen Wohnblocks, die ohne irgendeine Logik in Haufen standen und dazwischen hockten kleine, völlig verwahrloste Jahrhundertwendhäuschen, leere Reste einer Vorstadtidylle (aber meine Großmutter hatte es Kleinparis genannt?) im Schatten der Moloche. Das Verrücktteste war tatsächlich der Palast des Volkes, er war (und ist) so groß, dass ich ihn buchstäblich nicht sehen konnte, er passte nicht zu den Mustern, die Gestaltwahrnehmung erst möglich machen, mein Hirn sagte mir: was du da siehst, ist entweder Einbildung, eine Fata Morgana (und tatsächlich flimmerte das Bild in der Hitze), oder es muss viel weiter weg sein als du glaubst, nicht einen Kilometer entfernt sondern hunderte, und deine Wahrnehmung spielt dir einen Streich, das hier ist so weit weg wie die Alpen von Zürich. Ich versuchte Fotos zu machen, zu filmen, um meinem Vater zu zeigen, was aus Bukarest geworden ist, aber die Größenunterschiede waren zu extrem, es gelang mir nicht, ein Foto zu machen, das vermittelt hätte, was ich sah. Und es gab auch nirgends Ansichtskarten. Der Text von Dana Grigorcea hat mir dieses Nichtbegreifen, Nicht- beschreibenkönnen sinnlich erfahrbar gemacht.
Und das ist auch das Dritte, was mir so gefällt: ich persönlich kämpfe mit dem Problem, etwas aus meiner Vergangenheit zu erzählen, das scheinbar kaum noch zu vermitteln ist. Als gäbe es kein Ort Echos mehr auf meine Erfahrungen. Was Dana Grigorcea da beschreibt ist so etwas Ähnliches, insbesondere im ersten Teil. Das Zusammenleben im kommunistischen Rumänien wirkt idyllisch, melancholisch, tragikomisch, (ein Problem, das ich jedesmal habe, wenn ich etwas über meine jüdische Familie schreibe, und sehe, wie die Leute ein wehmütig gerührtes Lächeln aufsetzen: pittoresk, folkloristisch, ach so bittersüß, sehe ich sie zu meinem Entsetzen denken). Was so schwer zu vermitteln ist, hängt sicher mit der Gewalt zusammen, die, solange noch nichts „passiert“ ist, auf so humoristische wirkende Weise mitten im Inneren des warmen Biotops gedeiht. Hier ist es der Oberst der Securitate mit seiner schönen Dogge, aber ich kenne dieses Gefühl auch aus vielen Beschreibungen von Freunden, die von ihrer Zeit in der DDR erzählen- und immer hat dieses enge Zusammenleben mit Spitzeln, die auch ganz menschlich sind, hat diese ständige Gefahr und Unterdrückung, mit der man auf alltäglicher Basis umgeht, auch etwas Wärmendes, der Feind liegt falls nicht im eigenen Bett dann wenigstens im eigenen Garten, und das ist nicht nur schrecklich, sondern es ist vor allem ganz anders. (Und existiert überall, wo Menschen gezwungener Maßen intim mit der Gewalt werden- ich kenne es z.B. aus dem Zusammenleben in einer Psychiatrischen Anstalt. ) Es lässt sich jemandem, der es nicht kennt, glaube ich, nicht vermitteln. Der Versuch verharmlost automatisch, oder aber er verschweigt den heimeligen, familiären Anteil der Gewalt. Was Dana Grigorcea hier aber gelingt, ist zu erzählen, auf welche Art sie selbst nicht verstanden hat, als Kind, als Jugendliche, und wie sie sich später nicht mehr verständlich machen kann. Und dieses Nichtverstehen und sich nicht Verständlichmachenkönnen ist wiederum etwas, das alle Zuhörer und Leser des Textes verstanden und mitempfunden haben. Es ist- anders als die komplizierten Gewaltverhältnisse, die ihm zugrunde liegen- offenbar „anschlussfähig“, wie man heute sagt (das englische „I can relate to that“ gefällt mir besser). Und das ist großartig! Das öffnet mir eine Tür, ich habe durch diesen Text gleich mehrere Dinge verstanden, und deshalb bin ich begeistert.
Sonntag, 5. Juli 2015
Bachmannpreis 2015. Meine Favoritenliste
1 Dana Grigorcea (für mich großem Abstand der beste Text. Ich hoffe sehr, dass sie gewinnt)
2/3 Nora Gomringer
Valerie Fritsch
Beim Publikumspreis tippe ich außer auf Dana Grigorcea (vielleicht haben ja alle im Publikum empfunden wie ich) auch auf die beiden Superperformerinnen Nora Gomringer und Teresa Präauer. (Präauer stünde auch auf meiner Liste, wenn der Text ordentlich kritisiert worden wäre. So wie es war- mit dieser Friede-Freude-Eierkuchereaktion, tut sie es nicht mehr. Ist es okay einem Text vorzuwerfen, dass er auf zu wenig Widerstand gestoßen ist?. Ja- Entweder sie wollte genau das erreichen, was war: Affirmation pur - dann stört mich das sehr. Oder es ist so gekommen, obwohl sie es nicht wollte- dann ist was am Text nicht gelungen)
Ich finde- wie alle anderen auch- dass das ein sehr guter Jahrgang war (bis auf die Männer.... die haben dieses Jahr Schaden und Spott, die Armen).
Ich würde auch Ronja von Rönne und Katerina Poladjan Preise geben- aber es gibt ja nur noch drei. Der Text von Monique Schwitter steht wahrscheinlich auf der Liste der Jury (aber nicht auf meiner).
2/3 Nora Gomringer
Valerie Fritsch
Beim Publikumspreis tippe ich außer auf Dana Grigorcea (vielleicht haben ja alle im Publikum empfunden wie ich) auch auf die beiden Superperformerinnen Nora Gomringer und Teresa Präauer. (Präauer stünde auch auf meiner Liste, wenn der Text ordentlich kritisiert worden wäre. So wie es war- mit dieser Friede-Freude-Eierkuchereaktion, tut sie es nicht mehr. Ist es okay einem Text vorzuwerfen, dass er auf zu wenig Widerstand gestoßen ist?. Ja- Entweder sie wollte genau das erreichen, was war: Affirmation pur - dann stört mich das sehr. Oder es ist so gekommen, obwohl sie es nicht wollte- dann ist was am Text nicht gelungen)
Ich finde- wie alle anderen auch- dass das ein sehr guter Jahrgang war (bis auf die Männer.... die haben dieses Jahr Schaden und Spott, die Armen).
Ich würde auch Ronja von Rönne und Katerina Poladjan Preise geben- aber es gibt ja nur noch drei. Der Text von Monique Schwitter steht wahrscheinlich auf der Liste der Jury (aber nicht auf meiner).
Bachmannpreis 2015. Dritter Tag. Teresa Präauer
Teresa Präauer, „Oh, Shimmi!“
Riesenerfolg, Lachsalven, Jury ausnahmslos begeistert.
Story: Junger Mann will Frau- sie will ihn nicht.
»Schimmi, verschwinde. Bevor du dich zum Affen machst..
Sapperlot, sie lädt mich ein, denke ich, und pfeif“
Er nimmts
als Aufforderung, holt sich im Kostümverleih ein Affenkostüm, grooved sich voll
ein auf den Affen, ein Riesensprachspaß ist das, und nicht nur Sprach-, sondern
Überhauptspaß. Der ist eins mit sich, der Shimmy- affe, der wills und ist unterwegs
um sich zu holen, was er will, da ist echte Begeisterung und Freude in seinem
Kopf, das ist das Paradies in seinem Kopf, und als Zuhörer bist du auch im Kopf
von diesem Shimmy, und der rapt in seinem Affenkostüm zurück zur Wohnung von
seiner Ninni und tritt die Tür ein...
»Ich bin Schimmi, der Affengott!«, gröle ich durch Ninnis Appartement und springe ins Schlafzimmer.
»Komm zu mir, süße Mangofrucht!«, jaule ich, werfe mich aufs Bett und breite meinen schwitzenden Affengottkörper über ihr Laken aus Nylon.
»Nie, nie,
nie« und »nee, nee, nee«, quengelt Ninni, aber ich verstehe ihre
Sprache, denn ihr Nein meint ein Ja. Nein-nein-nein, sagt sie, aber in
Summe ergibt das ein Ja.“
… und will sie begeistert vergewaltigen.
So eine unglaubliche Lockerheit! heißt es in der Jury, so leicht!! So lustig, ein Zauberstück auf offener Bühne- so ein Vergnügen!!
WTF!! Darf sie das? So lustig affirmativ in einen Machomöchtegernvergewaltiger hineinschlüpfen, einfach so, zum Spaß? Jajja, sie darf, Autoren sollen alles dürfen. Aber darf die Jury, - dürfen die Frauen in der Jury, so begeistert sein- von der Leichtigkeit? Ich finde: nein! Weil es die Art von leichtem, lustigen Vergewaltigerspaß für Frauen nicht gibt, nur in einer virtuellen Welt, in der sie ein Mann sein können. Und weil der Text völlig auslässt, dass es die Art von Spaß nur für die eine Hälfte der Menschen gibt, und das ist für die andere Hälfte außerhalb von Popvergnügen zumindest ärgerlich, man kann das auch noch viel übler finden. Und diese strukturelle Ungleichheit, die da leider nicht nur eine körperliche ist, sondern auch eine, die den möglichen Seelenspaß betrifft, den man im Leben so haben kann, die ist durch den Feminismus noch keineswegs beseitigt worden. Schlimmer: es gibt kaum Vorstellungen davon, wie das überhaupt gehen könnte. Und: ja: das mäkelnd einzuwenden, dagegen mürrisch aufzutreten, das ist diese blödsinnige feministische Unzufriedenheit, vor der sich z.B. die süße kleine Ronja von Rönne ekelt. Ich verstehs. Das ist nicht sexy. Wer so motschgert nach einem sooo lustigen, sooo
spielerischen Text, der versteht keinen Spaß. Da geht’s doch nicht um Flugblätter sondern um Sprache, Spiel usw., stimmts? Da gehts um den Rhythmus wo man mit muss. Solche Weiber, die das nicht verstehen, sind Spaßbremsen, sagen sie oben in Deutschland. Und in Ö, dort wo Shimmy der Affe unterwegs ist, täten sie sagen: So eine is eine zuag‘nahte Fut, auch Klammerfotze genannt. Und so eine bin ich also, wenn ich mich nicht mitfreuen kann mit der Jury.
Wie hat Teresa Präauer das gemacht? Der Text macht ja wirklich Spaß. Ich denke, er handelt wirklich vom tiefsten und schönsten Vergnügen, das es gibt. Man muss nur an junge Tiere denken, die sich balgen. Wie die sich an ihrer Kraft freuen, und ausprobieren, gegen wen sie wie gewinnen könnten- und das Leben voll solcher aussichtsreicher Kämpfe liegt vor ihnen. Wenn man da zuschaut, geht einem „das Herz auf“, vor soviel Lebensfreude, Vitalität- vor soviel Ungebremstheit. Den Schimpansen sind wir ja wirklich extrem nah- und können sehen, wie es läuft: Gruppentiere sind das. Und sie wollen um ihren Platz in der Hierarchie kämpfen und wollen Sex haben. Und beides hängt eng zusammen und beides ist nicht gänzlich genetisch festgelegt, sondern was festgelegt ist, sind verschiedene mögliche Muster. Und in sich in ein solches Muster hineinfallen lassen und dabei die eigene Kraft spüren und wissen, dass man eine Chance hat zu gewinnen – das ist wohl „das Schönste, das ist das Schönste, auf der Welt“.
Aber viel davon ist reguliert- ist nicht „einfach so“ erlaubt, bei den
Schimpansen schon nicht und bei uns erst Recht nicht. Es soll ja eine
funktionierende Gruppe bleiben- Konkurrenzkämpfe dürfen nicht zum Tod des
Schwächeren führen, sondern nur zu dazu dass er die Niederlage akzeptiert und
im Status jetzt eine Stufe tiefer steht. Es gibt- auch schon bei Schimpansen- ein Gerechtigkeitsgefühl, das Statusunterschiede
nur bis zu einem gewissen Grad akzeptiert (der bei uns wohl zur Zeit weit
überschritten ist). Und bei der sexuellen Balz dürfen die Schimpansenmännchen
zwar auch solche Weibchen pimpern, die deutlich nicht zugestimmt haben, aber
sie dürfen sie nicht grob verletzen. Aber immer ist bei diesen Mustern ein
gerütteltes Maß an Gewalt im Spiel, keine vernichtende, nur
unterwerfende Gewalt. Und der Spaß, die Begeisterung, ist von der Gewalt nicht
zu trennen. Verlangen die Regeln der Gruppe, dass man die Gewalt bremsen muss,
dann gibt es einen moralischen Konflikt (auch schon bei den Schimpansen) – und der
ganze Vorgang beginnt zu ruckeln, es läuft nicht mehr glatt, nicht mehr so schön, so leicht, so froh. Im
Paradies, so stellen wir uns das vor, gab es diese moralischen Konflikte noch
nicht- und daher paradiesische Zuständ-.
Shimmy, der
Junge in seinem Affenkostüm, hat eine solche Freude. Die gibt’s, die ist
bestimmt herrlich- die lässt sich nicht ablösen von der Gewalt. Wir- „zivilisiert“
wie wir sind, wollen von den
Zusammenhängen von Lebensfreude und Gewalt meist nichts wissen.
Stellvertretend genießen wollen wir sie aber schon. Erlaubt ist das im Sport.
Und in der Literatur dürfen wir mit Kämpfern mitfühlen, die als Ausgangspunkt
eine arge Benachteiligung haben. Wenn es einer unbedingt schaffen will, der aus
ganz armen Verhältnissen kommt, am besten eine Waise, oder einer, der nur ein Bein hat,
oder aus irgendeinem Grund, den wir falsch finden, einfach keine gleichen
Ausgangschancen bekommt, weil er oder sie schwul ist oder schwarz
z. B., dann dürfen wir es mitgenießen, wenn sich so jemand hinaufkämpft, und da
darf uns auch die Gewalt gefallen – ist ja „Gegengewalt“ (so hieß das früher). Sonst nicht. Wie macht das also die Präauer mit ihrem
Shimmi, dass sich alle in der Jury erlauben können, sich mit der Gewalt
mitzufreuen?
Erstens
macht sie‘s mit einem billigen Ende. Die Vergewaltigung (die in seinen Augen
nie eine war, denn im Balzritual von dem ich
glaube, dass es uns wirklich in den Genen steckt, geht es um Verfolgung
und Flucht, um Unterwerfung und Hingabe- und es steckt also wirklich im Ritual,
dass einer von beiden nein sagt und ja meint. Wenn man das umstoßen will (die
Bonobos scheinen es getan zu haben) dann bringt man sich um ein paar Hundert
Tausend Jahre des ungebrochenen paradiesischen Vergnügens …. Die Feministinnen
verlangen wohl nicht weniger als das, und da kann man schon wütend auf sie
werden- sie verlangens und versuchens, weil das Vergnügen der Unterwerfung lang
nicht so paradiesisch ist, wie auf der eigenen Kraft mit Wumms und allen Segeln
der Natur gewaltsam in den andern hineinzurauschen)- diese Art der
Vergewaltigung, die für Shimmi keine ist, die gelingt nicht. Nini ist stärker
und verprügelt ihn. Ist also „nix passiert“.
(Gibt’s übrigens bei Schimpansen auch- manchmal trifft einer, ders „unbedingt
wissen will“ auf ein Weibchen, dass nicht nur keine Lust hat, sondern auch
stärker ist als er, und ihn verprügelt.)
Das ist,
wie ich finde, ein billiger Trick, denn alles, was in Shimmi vorher vorgeht,
und was so viel Spaß macht beim Zuhören, wäre ganz genauso, wenn
die Autorin ihn auf eine ein bisschen schwächere Gegnerin hätte zugrooven
lassen – und dann hätte sie den Text mit derselben Begeisterung in einen
erfolgreichen und mit einiger Gewalt erzwungenen Beischlaf münden lassen müssen. Wie wär das gewesen, Jury? Immer noch so leicht? Immer noch ein Sprachspiel?
Ich bin übrigens ungerecht: Sandra Kegel hat dieses Ende moniert. Als Einzige hätte sie sich gewünscht, dass das nicht so einfach aufgelöst würde.
Also: die Gewalt samt Spaß war zwar da, aber Shimmi hat verloren. Und: dieses lustige Österreichisch! Da ist die Gewalt ja von vornherein nicht so ernst, bei so einem Dialekt. (Von Helmut Qualtinger gibt’s natürlich viele schauspielerische Gegenbeispiele).
Die Bedingung, unter der wir bereit sind Großmäuligkeit lustig zu finden, ist, dass sie von Underdogs kommt. Ich kenne das! Ich arbeite mit türkischen Kids und gegen den Machocharme der Jungs kann man sich kaum wehren. Dieser unbedarfte Genuss am eigenen Testosteronspiegel ist ungemein attraktiv. Wie die Jungs ihren vierjährigen kleinen Brüdern beibringen, wie sie mit ihren kleinen Babyspeckbeinen breitbeinig in der Mitte des Gehsteigs gehen und auf keinen Fall auszuweichen sollen - das ist soooo lustig und süß. Aber es ist nicht ebenso lustig für eine Frau, die dann ständig ausweichen muss. Und- und das ist das eigentlich Prekäre: eine Frau , die versucht NICHT auszuweichen, ist nicht sexy und es verschafft ihr nicht denselben Genuss- weil sie nicht in ihre Muster sinken, nicht auf vorgegebene Weise ihre Kraft erproben kann. Sie kann nie so ein Shimmiaffe sein- ein Text, der ihr das vorgaukelt, betreibt vorsätzliche Täuschung.
Ich bin übrigens ungerecht: Sandra Kegel hat dieses Ende moniert. Als Einzige hätte sie sich gewünscht, dass das nicht so einfach aufgelöst würde.
Also: die Gewalt samt Spaß war zwar da, aber Shimmi hat verloren. Und: dieses lustige Österreichisch! Da ist die Gewalt ja von vornherein nicht so ernst, bei so einem Dialekt. (Von Helmut Qualtinger gibt’s natürlich viele schauspielerische Gegenbeispiele).
Die Bedingung, unter der wir bereit sind Großmäuligkeit lustig zu finden, ist, dass sie von Underdogs kommt. Ich kenne das! Ich arbeite mit türkischen Kids und gegen den Machocharme der Jungs kann man sich kaum wehren. Dieser unbedarfte Genuss am eigenen Testosteronspiegel ist ungemein attraktiv. Wie die Jungs ihren vierjährigen kleinen Brüdern beibringen, wie sie mit ihren kleinen Babyspeckbeinen breitbeinig in der Mitte des Gehsteigs gehen und auf keinen Fall auszuweichen sollen - das ist soooo lustig und süß. Aber es ist nicht ebenso lustig für eine Frau, die dann ständig ausweichen muss. Und- und das ist das eigentlich Prekäre: eine Frau , die versucht NICHT auszuweichen, ist nicht sexy und es verschafft ihr nicht denselben Genuss- weil sie nicht in ihre Muster sinken, nicht auf vorgegebene Weise ihre Kraft erproben kann. Sie kann nie so ein Shimmiaffe sein- ein Text, der ihr das vorgaukelt, betreibt vorsätzliche Täuschung.
Klaus Kastberger
bedankt sich bei dem Text, weil er sich durch ihn jung fühlt. Ja, ich verstehe
das. Er hat da auch eine wunderbare Erlaubnis bekommen als Mann. Denn was man
spürt, ist männliche Vitalität. Aber wunderbarer Weise durch Mund und Stift
einer Frau- und daher genehmigt. Denn freilich gibt es auch Gangsta Rapper, die
mit ihren Phantasien so ein Vergnügen beschwören, aber da voll einzusteigen darf sich ein erwachsener Intellektueller nicht erlauben. Der muss behaupten,
es sei ironisch- wo doch die Freude darauf beruht, dass man ganz mit sich eins
ist, also eben gerade nicht ironisch.
Wer fällt dem Feminismus entschiedener in den Rücken, Ronja
von Rönne oder Teresa Präauer? Ich finde dieser Jugendpreis geht eindeutig an
Teresa Präauer (und wird ihr daher auch einen der Preise eintragen und Ronja von
Rönne nicht. Das übrigens diese BEIDEn von Hubert Winkels eingeladen wurden,
lässt mich schon ein bissl nachdenklich werden bezüglich seiner Präferenzen)
Spaß machen beide auf dieselbe Weise: sie trauen sich, den
Spaß an Gewalt auszustellen. Ronja von Rönne denkt über ein alternatives
Rastamädchen in der Kneipe, die solle eine Burka anziehen, so hässlich wie sie
sei. Selbe Art von Lacher: sie gibt zu, dass es Konkurrenz gibt, und sie
trommelt sich an ihre Brust und sagt: da schaut her, wie hübsch ich bin, ich
bin die Schönste! Ich mach die alle fertig mit meinem Aussehen, ich gewinne
diese Konkurrenz und das macht mir auch Spaß. Das zu zeigen, ist politically
incorrect- deshalb ein Vergnügen. Und sie macht aber auch schnell einen
Rückzieher, was die Freude betrifft- schon eine Seite später sehnt sie sich
nach Geborgenheit und will lieber nicht mit den Mädchen kämpfen. Aber davor
redet sie vom Spaß an der Gewalt, sagt, sie wünscht sich ein bisschen Krieg und
schüttet ein Bier um. Sie wünscht sich Testosteronspaß wie die Jungs ihn jetzt
in so einer Kneipe bestimmt hätten. Obwohl sie sich offiziell vor
Feminismus ekelt, wünscht sie sich
Gleichberechtigung- die sie nicht hat. Und was ist das? – Genau. Präauer hingegen: verschleiert und verwitzelt, dass es für eine
Frau einen ähnlichen Gewaltspaß, wie Shimmi ihn erlebt, nicht geben könnte. Man
muss sich nur vorstellen, dass eine Frau, der ein Mann gefällt und die Sex mit
ihm anbahnen möchte, sich ein Affenkostüm holt und sich dann voll in die Automatismen
fallen lässt, die wir von (weiblichen) Schimpansen kennen. Wäre da so ein Spaß
denkbar? No no no.
Direkt danach kam Dana Grigorcea mit einem großartigen Text, Besprechung folgt. Sie ist meine Favoritin.
Freitag, 3. Juli 2015
Bachmannpreis 2015. Zweiter Tag, Monique Schwitter, Ronja von Rönne
An diesem Nachmittag tickt es in mir zweimal hintereinander anders als in der Jury.
Monique Schwitter, „Esche“
Die Autorin ist Schauspielerin (wie auch Katerina Poladjan) und liest ausgezeichnet, prägnant, schöne Stimme. Überhaupt gibt es in diesem Jahr viel gute Vorträge, die Zeit, in der es als besonders genialisch galt, wenn Autoren sich in den eigenen Texten hauchend verschwurbelten und niedergedrückt vom Gewicht ihrer Kunst am Wasserglas hingen, scheint vorbei zu sein. Gott sei Dank.
Story: (da geht mein Problem los: ich wünsche mir offenbar mehr altmodische Story, mit Konflikt und Pointe, als sämtliche Mitglieder der Jury.) Also: Eine Icherzählerin geht mit dem schwulen Freund der Familie durch den Wald. Es ist ein „Friedwald“ wo man die Asche von Toten beerdigen kann, die neueste Mode. Die beiden suchen eine bestimmte Esche, der Freund, Nathanael (Thanatos, sic!), soll für seine demente Mutter entscheiden, ob sie hier begraben werden soll- neben ihrem Mann, dessen Geliebter und deren Mann, der wiederum als einziger von diesen Vieren schon tot ist und bereits hier liegt. „Verzwickte Liebesverhältnisse“: Der Vater hat sich nachdem die Mutter dement wurde, mit der Nachbarin zusammengetan, die die Mutter, als sie noch klar im Kopf war, nicht leiden konnte. Soll die Asche der Mutter also neben der Asche dieser beiden liegen?
Auf Seite drei kommt dann doch noch sowas wie der Beginn einer konventionellen Geschichte ( wo man, oder wenigsten ich, sich bereits ziemlich ungeduldig fragt, worum es denn eigentlich geht):
„Was machen wir jetzt bloß?“ fragte er, als ich ihn letzte Woche anrief, und schnäuzte sich. „Kommst du klar, mit allem? Mit den Kindern? „Weiß ich nicht“, antwortete ich. Er bot an, uns abends zu besuchen, mit den Kindern zu spielen, sie ins Bett zu bringen, gemeinsam zu kochen.
Endlich eine Frage, der ich als Leser nachgehen kann: was ist passiert? Offenbar ist der Mann der Erzählerin weg, warum? Aber die Frage wird sofort wieder fallen gelassen. Absatz. Und weg ist sie. Die beiden, die da im Wald herumspazieren, erwähnen das mit keinem Wort. Über drei Seiten kommt es nicht mehr vor, so dass ich es nicht mehr als Bogen empfinde.
Stattdessen erzählt Nathanael von einem weiteren Dreieck in der Generation seiner Eltern: (all diese Erzählungen sind ebenso unaufgeregt wie die Kommentare, die die Erzählerin zu ihnen abgibt- als ginge es die beiden handelnden Personen nur ganz am Rande etwas an):
Der Onkel Wolf und seine Bärbel. Die beiden waren eine Kinderliebe, Bärbel war sehr dick, der Onkel hat sie gefüttert, dafür durfte er sexuelle Sachen mit ihr machen. Sie wurde schwanger, kam ins Erziehungsheim, der Onkel hat eine andere geheiratet, die dünn war und Dinkelkekse aß. Nach vierzig Jahren trafen sich Onkel und Bärbel zufällig wieder, seitdem sind sie wieder ein Paar. Der Onkel füttert Bärbel, die jetzt schon so fett ist, dass sie nicht mehr aufstehen kann. Die Ehefrau des Onkels ist gestorben. („Feeding“ heißt diese Perversion, und die „Fütterer“ füttern dabei ihre Liebesobjekte bis zum Tod. Ich habe davon gehört, mich schauderts, aber welche Funktion hat das nun in der Geschichte? Und überhaupt: welche Geschichte?
Auf Seite 5 hat der Mann eine Nachricht auf dem AB hinterlassen:
„Er vermisse die Kinder. Und mich. Auch wenn ich das nicht hören wolle. Und er habe Neuigkeiten: Er komme voraussichtlich in zehn Tagen zurück.“
Aha. Sie will nicht hören, dass er sie vermisst. Hat sie ihn gebeten zu gehen? Trennung auf Zeit? Aber er kommt in zehn Tagen zurück. Wenn er das entscheiden kann, dann ging es doch nicht von ihr aus? Und wieder versinkt der kleine rote Faden um kommt nun bis ganz zum Ende nicht mehr vor.
Nathanael bringt- als Sandmann- die Kinder ins Bett. Der Größere träumt, dass er fliegt und abstürzt, hat am nächsten Tag arge Kopfschmerzen. Weil sie nicht wissen, ob das Kind nicht vielleicht aus dem Bett gefallen ist und eine Gehirnerschütterung hat, bringen sie ihn zum Arzt. Im Wartezimmer sitzt eine Bekannte (eine “sehr dumme Frau“), die glaubt, Nathanael sei der neue Partner der Erzählerin. Die weist sie zurecht:
„ Philipp und ich sind verheiratet, es hat wahrscheinlich wenig Sinn, dir das zu erklären, aber wir tragen denselben Namen, dieselben Sorgen, dieselbe Verantwortung, und nun, leb wohl“.
Der Arzt sagt, das Kind habe nichts, es sei ja oft so, dass ihn die Eltern brauchen würden, nicht die Kinder. Auf dem Heimweg fragt Nathanael die Erzählerin, ob das, was sie über die Ehe gesagt hat, als Bekenntnis zu verstehen sei. Sie antwortet nicht, stattdessen zeigt sie ihm eine Esche am Kanal. Er sagt „sieht schön aus, wir sollten die hier nehmen, was meinst du?“. Ende.
Ich war überzeugt, dass ich irgendeinen Satz verpasst hätte. Dachte bei Beginn der Jurydiskussion, nun würde gleich irgendwer die Story zusammenfassen- mir erklären, warum der Mann weg war und was die Entscheidung am Ende bedeutet. Aber nichts! Im Gegenteil, niemand schien diesen Strang überhaupt bemerkt zu haben. Andererseits fehlte auch niemandem ein roter Faden. Alle waren begeistert von der, wie sie alle wiederholten, barocken Aufhäufung von „unerhörten“ Geschichten. Nun funktionierten die Geschichten in der Geschichte für mich aber auch nicht, denn auch das waren ja nur Situationsbeschreibungen ohne jeglichen Konflikt. Wieso ticke ich auf einmal so anders? Fehlt mir ein literarischer Schlüssel? (Abgesehen davon, dass ich den Text sprachlich sehr schön fand, fehlerfrei – aber er war mir egal, löste nichts aus.)
Eigentlich glaube ich, dass die Story so gemeint ist: Frau fragt sich, ob sie sich von ihrem Mann trennen soll. Geht mit schwulem Freund über den Friedhof. Sie muss dran denken, dass es die „normale“ Konvention für Beerdigung nicht mehr gibt. Die Kirche hat ja gesagt: „Bis dass der Tod euch scheidet“- und: Ehepaare gehören zusammen in ein Grab. Punktum. Jetzt hat eine diffuse Naturreligion übernommen, da können alle unter einem Baum liegen. Keine ordentlichen Institutionen mehr. Woran soll sie sich dann halten? Der schwule Hausfreund ist eigentlich der ideale Partner- nur dass es keinen Sex gibt. Und Sex ist ja nicht unbedingt schön- das Paar mit dem „Feeding“- da gibt es zwar das heute so wichtige beiderseitige Einverständnis- aber irgendwo ist das doch trotzdem nicht in Ordnung? Dann fällt das Kind aus dem Bett und hat einen Albtraum- vermutlich weil es lieber eine sichere Familie hätte als den schwulen Hausfreund als Sandmann. Daraufhin entscheidet die Frau sich für die Institution der Ehe. Nicht wegen „Liebe“ oder „Sex“, sondern weil sie eine Institution braucht, an die sie sich halten kann.
Diese Geschichte ist merkwürdig antiklimaktisch, und die Autorin hat soviel wie möglich mit Auslassungen gearbeitet. Dabei hat sie – jedenfalls für mich- ein bisschen zu viel weggelassen. Die Ängste der Icherzählerin waren für mich nicht nachvollziehbar. In der Jury sahen die meisten in Alt-68er Manier barocke Freuden in der alten Generation. Das hat ihnen gefallen- ich glaube aber, das ist nicht das, was in der Erzählerin vorgehen sollte um die „Story“ voranzutreiben. Einzig der jüngere, dünn und schweizerisch- asketisch wirkende Juri Steiner war von den Schrecken und der Lieblosigkeit der Beziehungen in der älteren Generation erschüttert…
Ronja von Rönne, „Welt am Sonntag“
Hier wiederum fast nur Naserümpfen in der Jury. Ich hingegen fand das zwar auch keine „große Literatur“- habe aber mindestens zehnmal laut gelacht. Noch öfter und vergnügter als bei Nora Gomringer.
Wieder eine Icherzählerin. Keine Story sondern eine Schimpftirade. Ein – teilweises- Alter ego der Autorin verbringt den Sonntag in Karlruhe, schreibt auf die „to do“-Liste für den Tag: „hassen“ und schimpft dann auf alles und jedes. Sehr sehr lustig!! Klar ist es am einfachsten aus enthemmtem Geschimpfe Witz zu ziehen, aber das ist schon gekonnt- ein Pointenfeuerwerk! Eigentlich ein Text fürs Feuilleton.
Der Gestus: die gute alte Verzweiflung der Adoleszenz. Ich denke (genau wie Kastberger) sofort an Sallinger. Natürlich gibt es das in jeder Generation wieder. Jemand wird erwachsen und sieht, dass die Welt hohl und verlogen ist. Keine Authentizität, nirgends. Nur totale Einsamkeit und Idioten. Und man empfindet, man sei der Einzige, der wirklich fühlen könne, der Einzige, der das Entsetzen des Todes begriffen habe.
Mir geht es wie immer mit diesen wütenden Jugendtexten (wen sie gut sind): ich fühle mich genauso! Und ich bin sofort wieder in dieser Phase in meinem eigenen Leben und denke, dass ich danach nie mehr so heftig empfunden habe wie damals. Und ich beneide diese Jugend, die noch provozieren darf und nichts sein als wütend- weil es ja noch keine Verantwortung gibt und pures Dagegensein noch eine Tugend ist.
„Sie wollen nicht zuschlagen, sie wollen nicht herumbrüllen, dabei sehe ich doch, dass sie Lust auf Gewalt haben, irgendwer muss ja die Millionen Shades-of-Grey-Bücher gekauft haben.
„Ich will nur ein bisschen Krieg“, sage ich matt und ziehe einen Stuhl anden Tisch.
„Hä?“, fragt das Mädchen mit dem NO PEGIDA-Shirt.
„Ich will nur ein bisschen Krieg. Ich will nicht, dass alles so gemütlich ist“, sage ich und trinke ihr Bier aus.
Ahahahaha!!!! Ist das nicht herrlich?In der Jury scheint sich aber kaum wer zu freuen, sie haben auch nicht gelacht. Sind aber auch nicht provoziert- einzige Ausnahme: Meike Feßmann (Respekt!).
Das sind also keine verkappten Berufsjugendlichen, so wie ich. Aber so abgeklärt wie sie hier erscheinen (und ich denke gleich: „die Erwachsenen“) will ich nicht sein. Nein, ich will so jung sein wie Ronja von Rönne, so verzweifelt und so witzig.
Ein Unterschied zu früheren Texten, z.b. Sallinger: diese Erzählerin schimpft hauptsächlich auf Gleichaltrige, weniger auf Erwachsene. (Alternative Studentinnen: „Sie sind die Rädchen im System, die sich für den Sand halten“ )
Und die Autorin ist der Erzählerfigur gegenüber, mit der sie sehr viel gemeinsam hat, genauso gnadenlos zynisch wie gegen den Rest der Welt. Die Erzählerin muss nämlich „was leisten“, performt eine erfolgreiche Geschäftsfrau (die Ronja von Rönne ja ist), „hasst“ als Arbeitsaufgabe (und erstellt dabei den Hasstext, mit dem sie hier eingeladen wurde). Betrunken kriegt sie dann das heulende Elend und wäre doch gern geborgen in der Gruppe der doofen Alternativstudentinnen- geht aber nicht.
Also: die Provokation ist abgeperlt. Aber das ostentative Nicht-lustig-finden der Jury ist wahrscheinlich doch eine beleidigte Reaktion. Damit wird Ronja von Rönne wohl keinen Preis kriegen- aber viele, viele Aufträge. Und das verdient! Wer lachen will , (und sich jung fühlen) sollte den Text lesen!
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