Freitag, 3. Juli 2015

Bachmannpreis 2015, erster Tag, Nora Gomringer

Zweite Lesung: Nora Gomringer

Ein fulminantes Ein-Frau- Hörspiel.

Story: Eine Autorin namens Nora Bossong betreibt Recherche für ein Buch, das „Der Gott
der verlorenen Dinge“ heißen soll. Sie klappert mit einem Recorder die Wohnungen in einem Mietshaus ab, in dem sich vor kurzem ein 13-jähriger Junge aus dem Fenster gestürzt hat. Es gibt drei Arten von Stimmen: die von Nora Bossong, die drüber nachdenkt, was sie da tut. Die der Bewohner des Hauses, die wiederum über Nora Bossong nachdenken, und in mehreren Fällen, nachdem sie bei der Tür draußen ist, daran denken, was sie ihr nicht erzählt haben. Und eine mysteriöse auktoriale Stimme, teils Erzähler, teils unaufgeklärte spirituelle Präsenz.

Vor dem Haus sitzt auf einer Schaukel ein grünes Monster- es ist der Erlkönig, der den Jungen geholt hat. Nora sieht ihn zuerst aus einem Fenster, am Ende, als sie aus dem Haus kommt, holt er sie dann schließlich auch:

„Die sonst hellsichtige Autorin bemerkt nicht, wie der Mann, der keiner ist und gleichzeitig viele, abrupt sein Schaukeln stoppt und langsam auf sie zugeht, die nichts vernimmt als eine vom Wind noch angestoßene Schaukel und die dieses Bild die absolute Verlorenheit begreifen lässt. Es wird ein kurzes Begreifen sein, das ihr der Sammler noch schenkt. 

Denn so enden alle Wesen, alle Dinge, auch die Betrachtung der Betrachtungen in den feuchten Augen eines Wesens, fremder als der Nachbar, kaum bei Tageslicht gesehen, doch keineswegs scheu. Und die einen nennen es Gott und die anderen wissen es besser.“
Nora Gomringer liest brillant, schlüpft in die verschiedenen Figuren, es ist ein großes Vergnügen ihr zuzuhören.

In der Jurydiskussion kommt wie jedes Jahr die Frage: darf sie das? Darf man hier beim Bachmannpreis so gut lesen, dass es einem womöglich einen unlauteren Vorteil gegenüber den schauspielerisch weniger begabten Konkurrenten mit ihren weniger hörspieltauglichen Texten verschafft?
(Ich komme vom Theater und finde: das darf man unbedingt! Das ist doch hier ein Vorlesewettbewerb- zum öffentlichen Vergnügen! Und natürlich sind so gut gelesene Texte Favoriten für den Publikumspreis).


Mir fehlt aber schon wieder was.

Dabei ist der Text - meta- meta- meta superhyper postmodern wie er ist- eine Freude für Rätselfreunde, wie ich es bin.

Rätsel eins: wieso heißt die Autorin im Text Nora Bossong? Das ist doch eine echte, existierende Autorin! Darf die "andere Nora" das denn? (Ich nehme an, dass Nora Gomringer Nora Bossong gefragt hat, ob es okay ist- es gibt ja Telefon). Also warum? Nur wegen der Vornamensgleichheit? Dann- vor lauter Nachdenken verpasse ich ein paar Sätze-  fällt mir die Lösung ein: die Autorin sucht nach Gott (dem Gott der verlorenen Dinge)- wo wird heute noch nach Gott gesucht: im Cern! Das Gottesteilchen heißt Higgs- BOSON!! Was für ein schöner Zufall, dass es eine Autorin gibt, die fast genauso heißt, nur das „g“ fehlt, das gibt’s dafür in „Higgs“- und dann auch noch Nora. Bei der Jurydiskussion sitze ich auf Nadeln: werden sie draufkommen? Oder kann ich anrufen und meine Super-wer-wird- Millionär-lösung durchgeben? Endlich- als vierte oder fünfte Wortmeldung kommt Juri Steiner mit der Higgs Bosong Sache. Gut!! Ich vermisse aber die Hotline, auf der ich meine Lösung hätte durchgeben und was gewinnen können…. 


meta meta: Der Text heißt "Recherche" , der text im Text : "Gott der verlorenen Dinge". Recherche + verloren = .... (usw usw)

Meta meta: der Bachmannpreis kommt vor- einerseits direkt im Text – eine der Hausbewohnerin, eine Literaturprofessorin, die die Leiche ihres Mannes unter signierten Büchern im Bett neben sich begräbt, stellt sich immer den Wecker, damit sie keine Bachmannpreislesung versäumt. Und:  Das berühmte Hörspiel (sic!) von Ingeborg Bachmann: ,“Der gute Gott (sic!) von Manhattan“ – rund um die Aufklärung eines „faits divers“ geschrieben- einem Bombenattentäter in New York.


Rätsel--- wieder Juri Steiner: "Von den Physikern wissen wir, dass sie die Antwort kennen: „The answer ist he universe but what ist he question?“ Darauf Hubert Winkels, halblaut: „42“. (Was natürlich die Antwort auf die Frage: was ist der Sinn des Lebens? aus „The hitchhikers guide tot he universe“ ist. Auf dem Dating Portal, auf dem ich mich herumtreibe, werden zig Fragen gestellt, eine davon ist „Was ist der Sinn des Lebens?“ und die Hälfte der Männer, deren „Profil“ ich mir angesehen habe, antworten „42“. – Und das passt auch wirklich gut zu der Art wie Nora Gomringer in ihren Text- postmodern- Trivialliteratur mischt- und auch den Erlkönig als Trivialliteratur benutzt.)


Das macht alles viel Spaß--- und doch und doch…. Was stört mich?

Der „arme süße Junge“ der aus dem Fenster gesprungen ist, weil er schwul war und in einer Welt von lauter mitleidlosen Monstern leben musste. Aber halt, hoppla. Wir, die Zuhörer, sollen ja keine Monster sein. Das Fallen dieses Jungen aus dem fünften Stock soll ja auch die Fallhöhe des Textes sein- und die ist dann doch hoch, wegen unseres angenommenen Mitleids mit diesem Jungen. Erst 13, mein Gott!! Und solche üblen, kalten Menschen um ihn herum! Wir sind nicht wie die! Nora Gomringer ist auch nicht „wie die“- sie geht davon aus, dass wir Mitleid empfinden werden, weil das ja „das Natürliche“ ist, das, was sie von sich kennt. Nur die Bewohner des Hauses, die kennen es nicht. Aber dadurch werden sie zu leblosen Schablonen und der Text zu einem- hochintelligenten – Kabarett, das letztlich den Zuhörer in seiner Selbstgerechtigkeit bestätigt.

Was fehlt, ist die Frage: was haben diese Menschen verloren? Das soll zwar der Inhalt der Recherche von Nora Bossong sein, aber die Figuren, die hier vorkommen, jedenfalls die meisten von ihnen, sind keine Menschen wie du und ich- sondern einfach schrecklich, sind Monster aus einer lustigen Geisterbahn. Und für die Frage des Kommunisten Brecht : „Was für eine Kälte muss über die Leute gekommen sein? Wer schlägt da so auf sie ein? Dass sie so durch und durch erkalten?“ gibt es hier keinen Aufhänger mehr.


Was mir zum Vergleich einfällt: „Eine Unbekannte aus der Seine“, Theaterstück von Ödön von Horvath. Ebenso wie in „Recherche“ ist ein unaufgeklärter Selbstmord, ein fait divers, der Auslöser der Geschichte- und das Stück recherchiert in einem Mietshaus. In den 30-er Jahren wurde die Leiche einer jungen Frau aus der Seine gefischt, sie wurde von niemandem vermisst und ihre Identität konnte nicht aufgeklärt werden. Aber jemand hat ihre Totenmaske abgenommen und sie soll so friedlich und überirdisch süß ausgesehen haben, dass Replikate dieser Maske enorm populär wurden und halb Paris welche gekauft hat. So ist Horvath drauf gestoßen- und fragt danach, warum diese Person sich wohl umgebracht hat. Das Stück spielt in einem Mietshaus, man lernt die verschiedenen Bewohner kennen, einen blinden Uhrmacher, eine Blumenhändlerin, ihren Ex- und ihren neuen Liebhaber, ein pubertierendes Gör usw. Und aus all den Geschichten setzt sich eine Welt zusammen, in die die Unbekannte nicht gepasst hat, und die sie am Ende in den Selbstmord getrieben hat. So weit ist die Geschichte sehr ähnlich (allerdings ohne Erlkönig, aber mit feuchtem Nass, dem Wasser, in das die Unbekannte geht). Aber im Gegensatz zur Geschichte von Nora Gomringer ist die von Horvath nicht postmodern- die Figuren haben ihre guten Gründe für ihre Handlungen. Zwar sind sie ebenfalls ohne Mitgefühl, aber man begreift wieso. Das sind keine Monster, sondern im Gegenteil ganz normale Menschen, und die Umstände- Armut und Wirtschaftskrise und die prekäre Rolle der Liebe in einer solchen Zeit- bringen sie dazu, so zu sein, wie sie sind. (und das Stück von Horvath ist trotzdem auch sehr lustig- wer es nicht kennt: lesen!! Ganz toll!! Hier gratis im Projekt Gutenberg)


Trotzdem: "Recherche" ist ein sehr guter Text, großartig vorgetragen-  Mein Favorit vom ersten Tag.

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