Freitag, 3. Juli 2015

Bachmannpreis 2015. Erster Tag, Katerina Poladjan


Disclosure:

Wenn ich den Bachmannpreis anschaue, bin ich voller Neid. Ich würde viel lieber selbst dort lesen als zuschauen. Statt unvoreingenommen bin ich also prinzipiell eher missgünstig. Allerdings hoffe ich auch hier auf Texte, die mich begeistern und mir zeigen, was ich mir eigentlich von Literatur noch erhoffe- und mir einen Grund geben, selbst zu schreiben. Mir gefällt auch nicht NIE was. Ich war sowohl vom Siegertext 2013 von Katja Petrowskaya „Vielleicht Esther“ völlig begsistert, (und danach auch vom gleichnamigen Buch ), als auch von dem von Olga Martynova im Jahr davor. (Aber vielleicht kann ich nur Russinnen schätzen? Nein, ich war auch vom Text von Wolfgang Herrndorf hingerissen, „Diesseits des Van Allen Gürtels“ , der 2004 den Publikumspreis bekam, und habe danach alles von ihm gelesen. Dazwischen erinnere ich mich an fast nichts, aber ich erinnere mich generell fast nie an irgendetwas, wenn ich nicht darüber schreibe).



Tratsch: Diesmal natürlich spannend: wer sind die Neuen in der Jury?

Zunächst der Skandal: Daniela Strigl, die ich, wie die meisten, sehr gern mochte, hat nach dem Abgang von Burkhard Spinnen nicht den Vorsitz der Jury bekommen, wie es alle und wohl auch sie selbst, erwartet hatten, sondern Hubert Winkels wurde Vorsitzender. Daraufhin hat sie sich gleich ganz aus der Jury verabschiedet.

Wer war daran Schuld? Ich habe nirgends gelesen, wer überhaupt zuständig für die Jury ist. Wer beruft neue Juroren? Wer bestimmt den Vorsitzenden? Man liest immer ganz ausführlich, wie die Auswahl der Autoren vonstattengeht, aber nie, wie die Jury gewählt wird. Weiß das jemand?



Auf Hubert Winkels sind ja viele schlecht zu sprechen, weil er ein enormer Gschaftlhuber im Literaturbetrieb ist, überall dabei ist, wo es etwas zu sagen gibt und auch noch in einem Interview zugegeben hat, zum lesen käme er nur noch in den immer kürzeren Pausen zwischen seinen Auftritten. Tja. ... Ich mag ihn, finde seine Diskussionsbeiträge meist gut und interessant, und seine (immer ironisch angehauchte) Arroganz charmant. (Ich bin – natürlich - Feministin. Ich bin ja eine Frau, und verstehe nicht, wie irgendeine Frau nicht Anspruch auf dieselben Rechte und Chancen erheben könnte, wie sie Männer haben. Aber Männer, die in vorauseilendem Gehorsam so tun, als seien ihnen ihre Privilegien zuwider, imponieren mir deswegen noch lang nicht- im Gegenteil) (Außerdem gefällt mir die  Nase von Hubert Winkels,  wie beeindruckend schief sie aus dem Gesicht ragt, und dass die Nasenspitze ein eigenständiger Teil seiner Mimik ist und sich mitbewegt, wenn er redet. Sympathien beruhen ja zum großen Teil auf solchen physischen Details,  meist steckt da wohl nicht mehr ergründliches, frühkindliches Zeug dahinter. Ich vertraue zum Beispiel automatisch allen Leuten mit abstehenden Ohren, besonders wenn die Ränder der Ohren fransig sind, glaube ich ihnen alles, auch wider jede gegenteilige Evidenz, warum weiß ich nicht…. )






Russin, sie müsste mir also gefallen. Tut sie auch, tatsächlich haben alle diese Russinnen (oder jedenfalls die, die beim Bachmannpreis lesen) einen melancholischen Humor, der mich an den Wiener Tonfall vom Anfang des vorigen Jahrhunderts erinnert. Tschechow und Schnitzler haben viel gemeinsam, dieser leichte Ton, die Auslassungen, Schlittschuhlaufen auf dünnem Eis. Auch Katharina Poladjan sucht beim Schreiben nach Leichtigkeit, es ist aber moderner bei ihr, Film noir, cool, bloß nichts aussprechen. (Man merkt: sie schriebe gern wie Jazz- und tatsächlich kriegt sie in der Diskussion den Vergleich mit Miles Davis).

Ich habe sie schon vor zwei Monaten in Berlin beim Wettlesen für den Döblinpreis aus demselben Roman lesen hören. (Den Preis hat dann Natscha Wodin gewonnen, deren Stil ich überhaupt nicht mag, ich mag also doch nicht ALLE Russinnen)- und da hat K.P. einen Text vom Anfang des Buches gelesen. Das ist gut für mich, dadurch kenne ich die Figuren schon, heute hat sie nämlich einen späteren Abschnitt vorgelesen, und in der Diskussion fanden einige, der Text sei überladen, weil sie so viel auf einmal über die Figuren aufnehmen mussten- insofern war die Auswahl dieser späteren Stelle  vielleicht nicht ideal.



Die Figuren- und die Story:  Anna, eine Frau in mittleren Jahren, ist in Trauer um ihren vor ein paar Monaten verstorbenen Mann, den sie sehr geliebt hat. Sie begegnet in einem Salzburger Hotel einem Kommissar, der gerade wegen einer Konferenz in der Stadt ist - und die beiden brechen aus, aus dem, was sie tun sollten (Trauerfeier für den toten Mann bzw. Konferenz) fahren weg und verbringen die Nacht miteinander. In der Früh wacht der Kommissar auf, Anna ist weg- und zwar mitsamt seinem Auto. Erzählt wird abwechselnd aus seiner und aus ihrer Perspektive, aber beide sind auch von innen „cool“- obwohl es klar wird, dass die Nacht sehr hot war.  

Schön fand ich, dass am Morgen nach einer solchen  Nacht nicht er weg ist, wie üblich, sondern sie. Nicht nur weg, sie hat sich auch sein Auto genommen. Schön auch, dass K.P. die Situation nicht einfach umdreht, es nicht so konstruiert, als sei die spiegelbildliche Situation psychologisch für eine Frau ebenso normal, wie man sie bei einem Mann empfinden würde. Anna kann sich nicht binden, obwohl ihr der Kommissar gefällt, weil sie noch an ihrem toten Mann hängt- und findet sich dadurch in einer klassischen Konstellation in der Rolle des Mannes wieder.



Mir gefällt es also- aber ich bin auch irritiert. Ich würde mir wünschen, dass es ein Krimi wird. Den würde ich sofort lesen wollen. Ich fürchte aber, dass es kein Krimi ist, dass es außer Annas verstorbenem Ehemann keine weitere Leiche geben wird.

Warum wünsche ich mir, der Text möge zum Krimi werden? Hat wohl mit der Coolness zu tun. Es ist die klassische Coolness der desillusionierten, melancholischen Detektivromane, ist wie bei Chandler, zum Beispiel. Diese Detektive leiden an der Welt und können sich an niemanden binden, solange die Welt so schlecht ist, wie sie ist, aber sie würden darüber niemals ein Wort verlieren. Sie werden es nicht einmal denken, und falls ein Text mich in ihre inneren Monologe hineinlässt, ist da auch nur Coolness und Zynismus. Cool bedeutet: eine Menge Dinge werden nur über die Bande gespielt, aber dazu braucht es eine Bande!! Im Krimi: der Detektiv kämpft ganz ohne Belohnung drum, dass der Böse zur Strecke gebracht wird.. „nur so“. Das ist die Bande. Dadurch weiß ich, dass er sich nach einer besseren Welt sehnt- und solange es die nicht gibt, kann er nicht bürgerlich und sesshaft werden, denn die bürgerlichen Institutionen sind durch und durch korrupt (und die sogenannte Liebe ist eine von ihnen) - das ist die „große Sache“, dargestellt im Mordfall, der einem ansonsten egal sein kann.



(Gut gefallen hat mir auf dieser Linie der Polizeiruf von Christian Petzold, „Kreise“, am vorigen Sonntag. Matthias Brandt und Barbara Auer als desillusionierte mittelalterliche Kommissare. Der Film geht nur um die Liebesgeschichte zwischen den beiden- die die Frau beendet, bevor überhaupt was passiert. Beide sind total cool, nichts wird ausgesprochen, nur Stimmung- die „Bande“ über die sie spielen: die ewigen Kreise, in denen sich der Mittelstand bewegt wie eine Modelleisenbahn, und die den Mörder zum Mörder gemacht haben)



Beim Döblinpreis, wo das Publikum mitdiskutieren durfte, hat ein sehr junger, sehr ernsthafter Jüngling , offenbar ein Kämpfer für die wahre Literatur, nach der Lesung von K.P. empört in die Runde geworfen, dass ihr Text ihm „zu wenig“ sei- und das sagte er sehr wütend, - weil es da ja „um nichts GINGE!“ Das sei vielleicht gut geschrieben und unterhaltsam, aber das hier sei doch ein LITERATURpreis, und bei Literatur müsse es doch um etwas gehen, da wünsche er sich mehr. Und Katherina Poladjan sagte drauf mit einem kleinen sophisticated Lächeln, das verstehe sie, das gehe ihr auch oft so. (Fand ich bezaubernd gemacht, so klein und höflich war das, dass der junge Mann noch nicht einmal verstand, wie herablassend sie war). Ich war also auf ihrer Seite - aber auch gerührt von dem jungen Mann, der noch jung genug war, um eine hohe/ tiefe Bedeutung einzufordern. Er erwartete noch von der Literatur, dass sie ihn gefälligst retten solle aus seinem unerleuchteten Jammertal. Und vielleicht ist es das, vielleicht bin ich, obwohl keineswegs mehr so jung, insgeheim noch genauso.

So jung (und störrisch naiv) wie der junge Mann, oder so altmodisch wie meine Mutter. Sie ist 85, Akademikerin, und liebt die Oxfordkrimis mit Inspector Lewis. Als es keine neuen Folgen mehr gab, habe ich versucht, ihr „Downton Abbey“ als Ersatz schmackhaft zu machen. Bildung, der Untergang des Adels, ironische Behandlung von Klassengegensätzen- gute britische Schauspieler, hätte ja alles gepasst. Aber nach der ersten Folge war sie irritiert, nach der zweiten empört: wo ist der Mord?, fragte sie. Es gibt keinen, musste ich ihr gestehen. -Aber worum geht es dann? – Darum, wie die Leute miteinander umgehen, kleine Intrigen, Liebesgeschichten, Oberschicht versus Unterschicht, genau wie bei den Oxfordkrimis eigentlich. Sie, empört: Aber doch nicht ohne Mord! Na, das ist nix!

(Und jetzt gerade stelle ich fest: im Grunde empfinde ich das bei K.P. genau wie meine Mutter bei „Downton Abbey“- oder wie der junge Mann auf der Lesung. Mir fehlt was!- die Bande)



Aus der Jurydiskussion:

Hubert Winkels: ungefähr so: In der Geschichte werde ihm zu viel erzählt für ein bisschen Sex, das sei „literarischer Missbrauch eines One night stands“. 



Nationale Unterschiede:

Diskutiert wird, ob der Kommissar, der am Ende des Textes statt nach unten ins Tal nach oben auf den Berg fährt, und dort in ein Gewitter gerät, am Ende stirbt. (no way! Bin nicht im Entferntesten auf diese Idee gekommen)

Dazu sagt der (halb) Schweizer Juror Stefan Gmünder: wir Schweizer haben eine Bergliteratur- wenn einer in die Berge geht, dann wartet dort der Tod oder der Wahnsinn oder beides. Meistens beides.



Der neue österreichische Juror, Klaus Kastberger, mag den Text, findet ihn aber ein bisschen brav.  An manchen Stellen hätte es für ihn mehr zur Sache gehen können (ihm gefällt, dass Anne über die Pflanzen am Grab ihres Mannes zum Sohn sagt: „schau Theo, wie schön alles auf deinem Vater wächst!“ Jaha, die Österreicher! Der Satz ist mir auch gleich positiv aufgefallen!)  Darauf antwortet der Schweizer Juror, Juri Steiner : Sex lässt sich schwer beschreiben, da kann man nicht so leicht zur Sache gehen, da wird’s ein bisschen pornografisch und vielleicht ein bisschen mühsam, also ich denke, das Österreichische in Ihnen, war da vielleicht ein bisschen zu schnell, Herr Kastberger, ich als Schweizer lese den Text mehr französisch. “

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