Würde ich weiterlesen?
1: nach einer Seite
2: nach der Leseprobe im Heft
hier: Teil 1(Bonné, Falkner, Franzobel), Teil 2 (Helfer, Höthker, Lehr), Teil 3 (Lüscher, Menasse, Müller-Wieland)
JAKOB NOLTE Schreckliche Gewalten
1:ja
2:ja
Disclosure: In dem Fall habe ich tatsächlich sowohl nach einer als auch nach fünf Seiten weitergelesen, und dann auch gleich das Buch zu Ende. Da probiert einer mal was völlig anderes. Der erste junge Hund hier unter den ganzen alten Hasen und Häsinnen.
Es geht um die Lebensgeschichte der Zwillinge Iselin und Edvard, deren Mutter sich in einen Werwolf verwandelt und den Vater zerfleischt. Später stellt sich heraus, dass die Kinder selbst, genau wie sie befürchten- Achtung Spoiler!: Shapeshifter sind.
Die Schwester wird Mitglied einer russischen Pussy Riot artigen Gruppe, der Bruder lebt später in einem Hyänenrudel. Nicht so ganz das übliche Milieu, in dem deutsche E-Literatur sich bewegt. Bei den Amerikanern gibts natürlich eine solide Lineage an Trash Romanen und Filmen in dieser Richtung. Es erinnert (und will - ehrgeizig- erinnern :-)) z.b.an die frühen Stories von David Foster Wallace, die Filme von Cronenberg, in letzter Zeit an die Geschichten von George Saunders. In Ö an die Geschichten von Clemens Setz. Und, na klar, an die vielen verschiedenartigen Shapeshifter in "True blood".
Stil: kann man auf zwei Arten lesen. Als Sprache, mit der da ein ziemlich angeberisches, komisches, speerspitzig junges Talent auf die Kacke haut, dass es nur so spritzt und doch immer cool bleibt. Oder als hochinteressanten Versuch die innere Konstruktion der Protagonisten in der Sprache abzubilden- also die Dinge so zu erzählen, wie Wesen sie erleben würden, die so intelligent sind wie Menschen, aber von der Gefühlskonstruktion den Tieren entsprechen, in die sie sich eventuell verwandeln. dh: amoralisch sind, aber loyal den Familienmitgliedern gegenüber. Alles, was mit Sex und Konkurrenz und Status und Familenbanden zu tun hat, ebenso leidenschaftlich verfolgen wie Menschen es tun - nur "romantisch glotzen" können sie schon von ihrer Konstitution her nicht.
Hochinteressante Etüde. Lustig auch. Und am Ende- im Hyänenrudel- dann auch noch unerwartet rührend. Leseempfehlung. Für das Ganze.
Wünsche ich mir auf der Shortlist.
MARION POSCHMANN Die Kieferninseln
1: ja
2: nein
1: Ein Mann träumt, seine Frau hätte ihn betrogen. Glaubt felsenfest, dass der Traum ihm die Wahrheit gezeigt hat, stellt seine Frau zur Rede und verlässt sie. Sehr schöne Sprache, rhythmisierte Dialoge, die Sprache zieht einen weiter.
2: Die Sprache bleibt schön und ungewöhnlich. Trotzdem interessiert mich die Sache nach ein paar Seiten einfach nicht mehr. Schwer zu sagen warum. Vielleicht ist es ja auch die Zusammenstellung des Heft, vielleicht bin ich nach Werwölfen und allen Arten von Shapeshiftern von einem Mann, der nur im Flugzeug sitzt und von seiner Frau wegfliegt, einfach nicht zufrieden zu stellen.
Dieses Leseprobenheft hat seine Tücken, sobald man mehrere Texte hintereinanderliest, treten sie miteinander in Beziehung- was manchen nützt, anderen schadet.
KERSTIN PREIWUSS Nach Onkalo
1: nein
2: nein
Ein dröger Protagonist, ein Simpel. Geschrieben in diesem trocken sein wollenden Schreibschulstil. Nix für mich.
Sonntag, 10. September 2017
Mittwoch, 6. September 2017
Deutscher Buchpreis Longlist Das Leseprobenheft 3
1: ob ich nach einer Seite weiterlesen würde
2: ob ich nach der Probe im Leseprobenheft weiterlesen würde
JONAS LÜSCHER Kraft
1: ja
2: ja
1: Seite eins macht Spaß.
Der Protagonist, Kraft, sitzt an einem Schreibtisch, kommt nicht weiter, starrt auf ein Porträt von Rumsfeld. Es folgt eine sehr pointierte, angenehm bösartige Beschreibung des Porträts- in einer leicht altertümlichen Sprache mit arg verschachtelten Langsätzen. Aber anders als bei Gerhard Falkner (in Teil 1 meiner Longlistleseprobenbesprechung hier) erklärt hier schon der zweite Absatz, warum der Icherzähler so formuliert. Er sagt - im Kopf- zum an der Wand hängenden Rumsfeld:
"Dir zum Trotz werde ich nach einem europäischen Ton suchen".
2:
Schon auf Seite 2 erfährt man, worum es geht: Kraft sitzt an diesem amerikanischen Schreibtisch, weil er die Preisfrage des "Amazing Future Fonds" zu beantworten versucht:
"Optimism for a young millenium-Why whatever is is right and why we still can improve it".
Dem Gewinner winken 1 Million Dollar und Kraft ist pleite.
Philosophiesatire also. Interessant, sowas gibts selten. Will ich lesen.
ROBERT MENASSE Die Hauptstadt
1: jein
2: ja
1: "Da läuft ein Schwein" . Das ist der erste Satz, arg auf Effekt gebürstet. Funktioniert wie geplant, ich habe ihn schon an allen Ecken und Enden zitiert gehört. Eine Stadt also - Brüssel- und ein Schwein läuft herum. Auf Seite eins wird die erste Figur eingeführt, ein älterer Herr, der gerade aus seiner Wohnung auszieht und unten auf der Straße eben das Schwein. Ich bin gespalten- natürlich finde ich das auch lustig, natürlich ist das der bisher spektakulärste erste Satz. Aber diese Haha mit dem mir dieser erste Satz seinen Ellbogen in die Rippen rammt ... ich weiß nicht recht. Aber ja, ok, wahrschweinlich lese ich weiter.
2: Das Schwein rennt also an einer Figur des Romans nach der anderen vorbei, so dass man auf Seite fünf bereits sechs Figuren kennen gelernt hat, anhand ihrer Reaktionen auf das Schwein. Das Schwein ist Zeremonienmeister und Fleisch gewordene Metapher- die Sau, die durchs Dorf gejagt wird. Vermutlich typisch österreichischer Humor, auf den ich wohl so säuerlich reagiere, weil ich selbst Österreicherin bin. Ich weiß, dass das "der große Roman über die EU" ist, dass Menasse jahrelang in Brüssel dafür recherchiert hat. Ich habe auch seine Essays über die EU gelesen- also lese ich weiter. Ja eh.
BIRGIT MÜLLER-WIELAND Flugschnee
1: nein
2: nein
1 und 2: Ist mir zu poetisch, zu schwül, zuviel schwebend wollendes Gefühl. Nix für mich.
2: ob ich nach der Probe im Leseprobenheft weiterlesen würde
JONAS LÜSCHER Kraft
1: ja
2: ja
1: Seite eins macht Spaß.
Der Protagonist, Kraft, sitzt an einem Schreibtisch, kommt nicht weiter, starrt auf ein Porträt von Rumsfeld. Es folgt eine sehr pointierte, angenehm bösartige Beschreibung des Porträts- in einer leicht altertümlichen Sprache mit arg verschachtelten Langsätzen. Aber anders als bei Gerhard Falkner (in Teil 1 meiner Longlistleseprobenbesprechung hier) erklärt hier schon der zweite Absatz, warum der Icherzähler so formuliert. Er sagt - im Kopf- zum an der Wand hängenden Rumsfeld:
"Dir zum Trotz werde ich nach einem europäischen Ton suchen".
2:
Schon auf Seite 2 erfährt man, worum es geht: Kraft sitzt an diesem amerikanischen Schreibtisch, weil er die Preisfrage des "Amazing Future Fonds" zu beantworten versucht:
"Optimism for a young millenium-Why whatever is is right and why we still can improve it".
Dem Gewinner winken 1 Million Dollar und Kraft ist pleite.
Philosophiesatire also. Interessant, sowas gibts selten. Will ich lesen.
ROBERT MENASSE Die Hauptstadt
1: jein
2: ja
1: "Da läuft ein Schwein" . Das ist der erste Satz, arg auf Effekt gebürstet. Funktioniert wie geplant, ich habe ihn schon an allen Ecken und Enden zitiert gehört. Eine Stadt also - Brüssel- und ein Schwein läuft herum. Auf Seite eins wird die erste Figur eingeführt, ein älterer Herr, der gerade aus seiner Wohnung auszieht und unten auf der Straße eben das Schwein. Ich bin gespalten- natürlich finde ich das auch lustig, natürlich ist das der bisher spektakulärste erste Satz. Aber diese Haha mit dem mir dieser erste Satz seinen Ellbogen in die Rippen rammt ... ich weiß nicht recht. Aber ja, ok, wahrschweinlich lese ich weiter.
2: Das Schwein rennt also an einer Figur des Romans nach der anderen vorbei, so dass man auf Seite fünf bereits sechs Figuren kennen gelernt hat, anhand ihrer Reaktionen auf das Schwein. Das Schwein ist Zeremonienmeister und Fleisch gewordene Metapher- die Sau, die durchs Dorf gejagt wird. Vermutlich typisch österreichischer Humor, auf den ich wohl so säuerlich reagiere, weil ich selbst Österreicherin bin. Ich weiß, dass das "der große Roman über die EU" ist, dass Menasse jahrelang in Brüssel dafür recherchiert hat. Ich habe auch seine Essays über die EU gelesen- also lese ich weiter. Ja eh.
BIRGIT MÜLLER-WIELAND Flugschnee
1: nein
2: nein
1 und 2: Ist mir zu poetisch, zu schwül, zuviel schwebend wollendes Gefühl. Nix für mich.
Dienstag, 5. September 2017
Deutscher Buchpreis Longlist Das Leseprobenheft Teil 2
Ich lese die Proben im Leseprobenheft, und befrage mich, ob ich das jeweilige Buch gern weiter lesen würde- 1: nach einer Seite 2: nach dem Lesen der fünfseitigen Probe im Heft.
Heute Helfer, Höthker, Lehr. Teil 1 hier.
MONIKA HELFER Schau mich an, wenn ich mit dir rede!
1: Ja
2: Vielleicht
1: Es beginnt mit einer sehr prägnanten Szene. Die Erzählerin sitzt in der U-Bahn einer Mutter und ihrer Tochter gegenüber. Die Mutter hackt auf der Tochter herum:
"Wie heißt deine neue liebe, liebe Mama? Ich vergesse ihren Namen immer, weil er so blöd ist."
Das Kind zog den Kopf ein. Sagte aber nichts.
Genau beobachtete Situation, ausgezeichnete Dialoge. Schrecklich für das Kind, die Mutter kann man aber auch verstehen. Ich würde weiterlesen um herauszufinden, was mit dem Kind passiert.
2: Es gibt noch eine zweite Ebene: den Gedankenstrom der Erzählerin. Sie überlegt, wie sie die Szene verfilmen würde, schwarz weiß, wie einen Brüder Coen Film, wie sie die Figuren nennen würde usw. Das stört mich am Anfang ein bisschen, dann immer mehr. Es wirkt ein bisschen gekünstelt auf mich, weil man das heutzutage halt so macht, Relativierung, Distanz usw. Auf Seite vier steht es dann so langsam so, dass mich die Erzählung darüber, wie das alles im Kopf der Erzählerin konstruiert wird, daran hindert, mich auf die Geschichte von Mutter und Tochter einzulassen. Nun könnte ich stattdessen mit der Erzählerin mitfühlen, nur gibts da - bis Seite fünf- nichts, womit man mitfühlen könnte. Die Erzählerin hat bis dahin kein Eigenleben, mein Interesse für das, was sie erzählt, nimmt also immer mehr ab, das für das Schicksal der Erzählerin aber nicht zu. In Summe wird mein Interesse insgesamt weniger. Wenn sich an der Erzählbewegung nicht bald was ändert, würde ich aufhören zu lesen, obwohl mich der Anfang gleich reingezogen hat.
CHRISTOPH HÖTHKER Das Jahr der Frauen
1: ja
2: ja
1: Die erste Seite besteht nur aus Dialog. Ein Mann mit seinem Psychotherapeuten, direkt nach Silvester. Der Therapeut fragt nach Vorsätzen. Drauf der Klient:
"Das Jahr hat zwölf Monate, richtig? Pro Monat werde ich versuchen, eine Frau zu verbrauchen. Wie hört sich das für Sie an?
"Das ist ein durchaus ... ambitionierter Plan. Was versprechen Sie sich davon?"
"Absolut nichts."
Falls er es schafft, das mit den zwölf Frauen, dann will er von seinem Therapeuten die Erlaubnis sich umzubringen.
Schnell, witzig, interessant- ich lese weiter.
2: Szene zwei- ab jetzt ist der Möchtegernselbstmörder der Ich-erzähler der Geschichte. Ich mag die Erzählerstimme sehr. Der Kerl ist total unsympathisch- aber auf sympathische Art. Einer von denen, die auch im Selbstgespräch nie aus dem zynischen Veleugnungsschwadronieren herauskommen, das sie selbst für elegante Ironie halten. Was er als Antwort auf eine Kontaktanzeige schreibt, um die erste der zwölf Frauen an Land zu ziehen, ist haarsträubend. Sehr unterhaltsam- ich lese weiter.
THOMAS LEHR Schlafende Sonne
1: Ja
2 :Nein. Obwohl.
1: Ich lese schon aus Ehrgeiz weiter. Dieser Text hat einen hohen Anspruch, man braucht lange um zu verstehen, was eigentlich los ist: Jonas liegt im Bett, in seinem Hirn ein Traumrest im halben Aufwachen, er denkt an seine Frau Milena, die offenbar was mit einem anderen hat, einem gewissen Rudolf. Um das zu verstehen, muss man zweimal lesen, hauptsächlich denkt Jonas nämlich an die Sonne, sein Forschungsgebiet, und auch wenn man es begriffen hat, ist immer noch nicht klar, ob die Erzählung tatsächlich irgendwann in die Perspektive der Frau hinüberwechselt, die beim Aufwachen eine sexuelle Phantasie hat, oder ob das alles Jonas' Phantasie von der Phantasie seiner abwesenden Frau ist. Außerdem gibt es noch einen diktatorischen auktorialen Erzähler, der dazwischenspricht. Alles in langen, mäandernden Sätzen, die einen schönen Rhythmus haben. Das hier will große Kunst sein, der Wille allein wirkt schon anziehend auf mich, ich lese weiter, obwohl sich in mir auch Widerstände aufbauen ....
2: ... Widerstände, die irgendwann überhand nehmen, sosehr, dass ich das alles nicht mehr will, es mich abstößt. Das dürfte zu einem großen Teil daran liegen, dass ziemlich am Anfang die sexuelle Phantasie der Frau steht, von der man nicht weiß, ob sie wirklich- also wirklich im Universum des Buches - ist, oder die Phantasie von Jonas über eine Phantasie von Milena. Jedenfalls denkt sich da aber eine Mann eine weibliche Phantasie aus- ohne die kleinsten Zweifel- und wie er das macht, ist mir total zuwider. Sie, Milena, stellt sich "einen blonden Kopf zwischen ihren Beinen" vor
"..der, als gäbe es einen Mechanismus, ihr eine lange muskulöse Zunge herausstreckt ..." .
Und kurz darauf mahnt der auktoriale Erzähler den Mann:
"Übe deine Zunge, Jonas, der du gerade zu spüren glaubst wie dich die Erde im Stich lässt..."
Ich weiß gar nicht genau, was mich daran so stört, es hängt sicher mit der selbstgewissen, allwissenden Stimme zusammen, die hier behauptet die Phantasie einer Frau zu kennen- die ich, so wie sie hier formuliert ist, in höchstem Maß unappetitlich finde. Besonders dieses biblische "Übe deine Zunge!", das offenbar ein neues Jahrhundert bezeichnet- früher musste man seine Zunge hüten, heute müssen die Männer sie üben... Ich bin vermutlich älter und prüde geworden- und gleichzeitig noch allergischer gegenüber Männern, die über die Sexualität von Frauen sprechen und sich dabei irgendwie allwissend gebärden. Sicher, das alles ist eine Figur, usw, muss erlaubt sein, nur ist mir die Stimme des auktorialen Erzählers dadurch einfach unsympathisch geworden und ich will nicht mehr so viele Seiten mit ihm verbringen. Ich lese nicht weiter.
Obwohl... es ist alles sehr kunstvoll miteinander verschränkt, die Sprache, in der der Erzähler seine mir unsympathische Weltsicht ausbreitet, ist gut, kann viel, vielleicht sollte ich doch weiterlesen...
Heute Helfer, Höthker, Lehr. Teil 1 hier.
MONIKA HELFER Schau mich an, wenn ich mit dir rede!
1: Ja
2: Vielleicht
1: Es beginnt mit einer sehr prägnanten Szene. Die Erzählerin sitzt in der U-Bahn einer Mutter und ihrer Tochter gegenüber. Die Mutter hackt auf der Tochter herum:
"Wie heißt deine neue liebe, liebe Mama? Ich vergesse ihren Namen immer, weil er so blöd ist."
Das Kind zog den Kopf ein. Sagte aber nichts.
Genau beobachtete Situation, ausgezeichnete Dialoge. Schrecklich für das Kind, die Mutter kann man aber auch verstehen. Ich würde weiterlesen um herauszufinden, was mit dem Kind passiert.
2: Es gibt noch eine zweite Ebene: den Gedankenstrom der Erzählerin. Sie überlegt, wie sie die Szene verfilmen würde, schwarz weiß, wie einen Brüder Coen Film, wie sie die Figuren nennen würde usw. Das stört mich am Anfang ein bisschen, dann immer mehr. Es wirkt ein bisschen gekünstelt auf mich, weil man das heutzutage halt so macht, Relativierung, Distanz usw. Auf Seite vier steht es dann so langsam so, dass mich die Erzählung darüber, wie das alles im Kopf der Erzählerin konstruiert wird, daran hindert, mich auf die Geschichte von Mutter und Tochter einzulassen. Nun könnte ich stattdessen mit der Erzählerin mitfühlen, nur gibts da - bis Seite fünf- nichts, womit man mitfühlen könnte. Die Erzählerin hat bis dahin kein Eigenleben, mein Interesse für das, was sie erzählt, nimmt also immer mehr ab, das für das Schicksal der Erzählerin aber nicht zu. In Summe wird mein Interesse insgesamt weniger. Wenn sich an der Erzählbewegung nicht bald was ändert, würde ich aufhören zu lesen, obwohl mich der Anfang gleich reingezogen hat.
CHRISTOPH HÖTHKER Das Jahr der Frauen
1: ja
2: ja
1: Die erste Seite besteht nur aus Dialog. Ein Mann mit seinem Psychotherapeuten, direkt nach Silvester. Der Therapeut fragt nach Vorsätzen. Drauf der Klient:
"Das Jahr hat zwölf Monate, richtig? Pro Monat werde ich versuchen, eine Frau zu verbrauchen. Wie hört sich das für Sie an?
"Das ist ein durchaus ... ambitionierter Plan. Was versprechen Sie sich davon?"
"Absolut nichts."
Falls er es schafft, das mit den zwölf Frauen, dann will er von seinem Therapeuten die Erlaubnis sich umzubringen.
Schnell, witzig, interessant- ich lese weiter.
2: Szene zwei- ab jetzt ist der Möchtegernselbstmörder der Ich-erzähler der Geschichte. Ich mag die Erzählerstimme sehr. Der Kerl ist total unsympathisch- aber auf sympathische Art. Einer von denen, die auch im Selbstgespräch nie aus dem zynischen Veleugnungsschwadronieren herauskommen, das sie selbst für elegante Ironie halten. Was er als Antwort auf eine Kontaktanzeige schreibt, um die erste der zwölf Frauen an Land zu ziehen, ist haarsträubend. Sehr unterhaltsam- ich lese weiter.
THOMAS LEHR Schlafende Sonne
1: Ja
2 :Nein. Obwohl.
1: Ich lese schon aus Ehrgeiz weiter. Dieser Text hat einen hohen Anspruch, man braucht lange um zu verstehen, was eigentlich los ist: Jonas liegt im Bett, in seinem Hirn ein Traumrest im halben Aufwachen, er denkt an seine Frau Milena, die offenbar was mit einem anderen hat, einem gewissen Rudolf. Um das zu verstehen, muss man zweimal lesen, hauptsächlich denkt Jonas nämlich an die Sonne, sein Forschungsgebiet, und auch wenn man es begriffen hat, ist immer noch nicht klar, ob die Erzählung tatsächlich irgendwann in die Perspektive der Frau hinüberwechselt, die beim Aufwachen eine sexuelle Phantasie hat, oder ob das alles Jonas' Phantasie von der Phantasie seiner abwesenden Frau ist. Außerdem gibt es noch einen diktatorischen auktorialen Erzähler, der dazwischenspricht. Alles in langen, mäandernden Sätzen, die einen schönen Rhythmus haben. Das hier will große Kunst sein, der Wille allein wirkt schon anziehend auf mich, ich lese weiter, obwohl sich in mir auch Widerstände aufbauen ....
2: ... Widerstände, die irgendwann überhand nehmen, sosehr, dass ich das alles nicht mehr will, es mich abstößt. Das dürfte zu einem großen Teil daran liegen, dass ziemlich am Anfang die sexuelle Phantasie der Frau steht, von der man nicht weiß, ob sie wirklich- also wirklich im Universum des Buches - ist, oder die Phantasie von Jonas über eine Phantasie von Milena. Jedenfalls denkt sich da aber eine Mann eine weibliche Phantasie aus- ohne die kleinsten Zweifel- und wie er das macht, ist mir total zuwider. Sie, Milena, stellt sich "einen blonden Kopf zwischen ihren Beinen" vor
"..der, als gäbe es einen Mechanismus, ihr eine lange muskulöse Zunge herausstreckt ..." .
Und kurz darauf mahnt der auktoriale Erzähler den Mann:
"Übe deine Zunge, Jonas, der du gerade zu spüren glaubst wie dich die Erde im Stich lässt..."
Ich weiß gar nicht genau, was mich daran so stört, es hängt sicher mit der selbstgewissen, allwissenden Stimme zusammen, die hier behauptet die Phantasie einer Frau zu kennen- die ich, so wie sie hier formuliert ist, in höchstem Maß unappetitlich finde. Besonders dieses biblische "Übe deine Zunge!", das offenbar ein neues Jahrhundert bezeichnet- früher musste man seine Zunge hüten, heute müssen die Männer sie üben... Ich bin vermutlich älter und prüde geworden- und gleichzeitig noch allergischer gegenüber Männern, die über die Sexualität von Frauen sprechen und sich dabei irgendwie allwissend gebärden. Sicher, das alles ist eine Figur, usw, muss erlaubt sein, nur ist mir die Stimme des auktorialen Erzählers dadurch einfach unsympathisch geworden und ich will nicht mehr so viele Seiten mit ihm verbringen. Ich lese nicht weiter.
Obwohl... es ist alles sehr kunstvoll miteinander verschränkt, die Sprache, in der der Erzähler seine mir unsympathische Weltsicht ausbreitet, ist gut, kann viel, vielleicht sollte ich doch weiterlesen...
Deutscher Buchpreis Longlist Das Leseprobenheft Teil 1
Welches Buch von der Longlist würde ich weiterlesen wollen, nachdem ich den Anfang gelesen habe?
In den Buchhandlungen bekommt man zur Zeit ein Buch mit Leseproben von allen 20 Titeln, die auf der Longlist stehen- für einen minimalen Unkostenbeitrag. In "meiner"Buchhandlung, Ocelot in der Brunnenstraße, hat die Buchhändlerin auf meine Frage, was ich dafür schuldig wäre, gesagt: "Ein Lächeln".
Ich werde jetzt die 20 Leseproben lesen und immer zwei Bewertungen abgeben:
1: Ich lese weiter oder nicht - nach einer Seite. Ich persönlich entscheide normaler Weise immer spätestens nach einer Seite.
2: Ich lese weiter oder nicht nach der Leseprobe in diesem Heft - die ist immer ca. fünf Seiten lang.
Ich werde versuchen nicht zu berücksichtigen, was ich über die Autoren weiß.
Außerdem werde ich mich beim Entstehen meiner Entscheidungen beobachten und versuchen zu beschreiben, wie meine Intuition zu ihren Schnellschüssen kommt. Einige meiner Lieblingsbücher hätte ich niemals gelesen, wenn ich dieser meiner Methode gefolgt wäre. Gott sei Dank gibt es auch noch Empfehlungen von Freunden und Kritiken, die mich Bücher auch dann lesen lassen, wenn ich von der ersten Seite nicht begeistert bin. Trotzdem finde ich es interessant, wonach ich da eigentlich entscheide. Natürlich auch, um demnächst eine erste Seite zu schreiben, nach der wenigstens ich unbedingt weiter lesen würde.
Wenn ich alle durchhabe, werde ich meinen Tipp für die Short-list abgeben. Über MIt und Gegentipper in den Kommentaren würde ich mich freuen!
Ich gehe nach der Reihenfolge im Buch vor. Die ist alphabetisch.
MIRKO BONNÉ Lichter als der Tag
1: nein
2: ja
Warum ich nach einer Seite nicht weitergelesen hätte: Die erste Seite handelt von einem bestimmten Licht, über das der Protagonist schon als Junge oft nachgedacht hat. Zweimal heißt es "Licht", zweimal "Leuchten", wird verglichen mit dem Leuchten auf einem impressionistischen Gemälde, "Pracht der Himmels" "nicht sattsehen können", "Lichtweh" "Rosiger Schimmer". Spätestens bei "rosiger Schimmer" wäre ich draußen, nicht weil es mich nicht genügend packt, sondern aus regelrechtem Widerwillen. Das bin ich ganz persönlich - mit einer Figur, die über ihre Liebe zu diesem rosigen Leuchten eingeführt wird, will ich nichts zu tun haben, außer es wäre ironisch gemeint, ich würde irgendeinen Hinweis darauf kriegen, dass der Autor da nicht 1: 1 innig mit seinem Protagonisten mitschwingt. Einen solchen Hinweis gibt es da nicht.
Ich persönlich denke bei diesem speziellen Licht immer an Brechts Ballade von Jakob Apfelböck:
In mildem Lichte Jakob Apfelböck
erschlug den Vater und die Mutter sein
Warum ich am Ende doch weiterlesen würde: Zunächst hätte ich es auf Seite zwei und drei immer weniger und weniger weiterlesen wollen. Das milde Licht leuchtet nämlich immer weiter rosig, der Protagonist, inzwischen äußerst erwachsen, hat keinerlei Ehrgeiz und geht immer zum Bahnhof und wartet auf das "ersehnte Licht", das ihm dann "eine Wohltat" ist. Der Mann ist definitiv nicht mein Typ. Auf drei unten wird es besser, weil es endlich eine weitere Person gibt, seine Tochter, ein hässliches Entlein, das in der Schule stiehlt. Schon besser, die könnte ich eventuell mögen. Und dann taucht am Bahnhof eine gewisse Inger auf, er duckt sich weg, "sie folgt ihm nicht", "Inger hatte ihn nicht erkannt". Das ist ein ordentlicher Cliffhanger- wenigstens der Editor des Leseprobenhefts hats drauf- ich würde weiterlesen um herauszufinden, was es mit Inger auf sich hat. (Aber beim nächsten Licht wäre ich wieder draußen!)
GERHARD FALKNER Romeo und Julia
1:nein
2:nein
Hier habe ich massive Schwierigkeiten mit der Sprache, das pfeffert mich gleich beim ersten Satz raus, in dem sich ein "ungewöhnlich seltsamer Vorfall" ereignet. Das ist ein Pleonasmus. Gleich im nächsten Satz "scheinen die Prozeduren seines Fortgangs so an den Haaren herbeigezogen...." Was, bitte schön könnten denn "Prozeduren eines Vorfalls" sein? Vielleicht ja die Prozeduren, die im Verlauf des Vorfalls angewandt wurden? Aber selbst das passt nicht so recht. Noch weniger kann ich mir vorstellen, wie Prozeduren an den Haaren herbeigezogen scheinen können. Und so gehts munter weiter. Es handelt sich hier allerdings um einen Ich-erzähler, ergo um Rollenprosa. Und dieser Erzähler redet enorm elaboriert, ist auch ein Schriftsteller, vielleicht soll es ja ein lächerlich schlechter Schriftsteller sein. Ich kriege aber nicht ausreichend Hinweise, wie die Sache gemeint sein soll. Mich von Anfang an damit herumschlagen zu müssen, ermüdet mich. Ich würde aufhören zu lesen.
P.S.: Ich weiß, dass Gerhard Falkner immer besonders wegen seiner Sprache gelobt wird. Kann sein, dass es total an mir liegt, dass ich verstimmt bin, weil ich die Absicht nicht spüre.
FRANZOBEL Das Floß der Medusa
1: ja
2: ja
Ja und ja. Drei Sprachebenen: leicht altertümlich, dann mitten rein Gegenwartssprache, dann funkt ein auf ironische Weise betulicher auktorialer Erzähler dazwischen und wendet sich direkt an die Leser - all das angenehm gemischt, nicht um zeigen, wie kunstfertig der Autor ist, sondern zum Vergnügen der Leser. Tolle Abenteuergeschichte, die sofort losgeht: Schiffbrüchige, die sich gerettet haben, indem sie ihre Kollegen aufgefressen haben- viele Kollegen. Letzter Satz der Leseprobe:- Die Welt muss wissen und sie wird erfahren, was wir erlebt haben.
Ich auf jeden Fall- Buch bestellt.
Morgen gehts weiter mit Monika Helfer, Christoph Höthker, Thomas Lehr
In den Buchhandlungen bekommt man zur Zeit ein Buch mit Leseproben von allen 20 Titeln, die auf der Longlist stehen- für einen minimalen Unkostenbeitrag. In "meiner"Buchhandlung, Ocelot in der Brunnenstraße, hat die Buchhändlerin auf meine Frage, was ich dafür schuldig wäre, gesagt: "Ein Lächeln".
Ich werde jetzt die 20 Leseproben lesen und immer zwei Bewertungen abgeben:
1: Ich lese weiter oder nicht - nach einer Seite. Ich persönlich entscheide normaler Weise immer spätestens nach einer Seite.
2: Ich lese weiter oder nicht nach der Leseprobe in diesem Heft - die ist immer ca. fünf Seiten lang.
Ich werde versuchen nicht zu berücksichtigen, was ich über die Autoren weiß.
Außerdem werde ich mich beim Entstehen meiner Entscheidungen beobachten und versuchen zu beschreiben, wie meine Intuition zu ihren Schnellschüssen kommt. Einige meiner Lieblingsbücher hätte ich niemals gelesen, wenn ich dieser meiner Methode gefolgt wäre. Gott sei Dank gibt es auch noch Empfehlungen von Freunden und Kritiken, die mich Bücher auch dann lesen lassen, wenn ich von der ersten Seite nicht begeistert bin. Trotzdem finde ich es interessant, wonach ich da eigentlich entscheide. Natürlich auch, um demnächst eine erste Seite zu schreiben, nach der wenigstens ich unbedingt weiter lesen würde.
Wenn ich alle durchhabe, werde ich meinen Tipp für die Short-list abgeben. Über MIt und Gegentipper in den Kommentaren würde ich mich freuen!
Ich gehe nach der Reihenfolge im Buch vor. Die ist alphabetisch.
MIRKO BONNÉ Lichter als der Tag
1: nein
2: ja
Warum ich nach einer Seite nicht weitergelesen hätte: Die erste Seite handelt von einem bestimmten Licht, über das der Protagonist schon als Junge oft nachgedacht hat. Zweimal heißt es "Licht", zweimal "Leuchten", wird verglichen mit dem Leuchten auf einem impressionistischen Gemälde, "Pracht der Himmels" "nicht sattsehen können", "Lichtweh" "Rosiger Schimmer". Spätestens bei "rosiger Schimmer" wäre ich draußen, nicht weil es mich nicht genügend packt, sondern aus regelrechtem Widerwillen. Das bin ich ganz persönlich - mit einer Figur, die über ihre Liebe zu diesem rosigen Leuchten eingeführt wird, will ich nichts zu tun haben, außer es wäre ironisch gemeint, ich würde irgendeinen Hinweis darauf kriegen, dass der Autor da nicht 1: 1 innig mit seinem Protagonisten mitschwingt. Einen solchen Hinweis gibt es da nicht.
Ich persönlich denke bei diesem speziellen Licht immer an Brechts Ballade von Jakob Apfelböck:
In mildem Lichte Jakob Apfelböck
erschlug den Vater und die Mutter sein
Warum ich am Ende doch weiterlesen würde: Zunächst hätte ich es auf Seite zwei und drei immer weniger und weniger weiterlesen wollen. Das milde Licht leuchtet nämlich immer weiter rosig, der Protagonist, inzwischen äußerst erwachsen, hat keinerlei Ehrgeiz und geht immer zum Bahnhof und wartet auf das "ersehnte Licht", das ihm dann "eine Wohltat" ist. Der Mann ist definitiv nicht mein Typ. Auf drei unten wird es besser, weil es endlich eine weitere Person gibt, seine Tochter, ein hässliches Entlein, das in der Schule stiehlt. Schon besser, die könnte ich eventuell mögen. Und dann taucht am Bahnhof eine gewisse Inger auf, er duckt sich weg, "sie folgt ihm nicht", "Inger hatte ihn nicht erkannt". Das ist ein ordentlicher Cliffhanger- wenigstens der Editor des Leseprobenhefts hats drauf- ich würde weiterlesen um herauszufinden, was es mit Inger auf sich hat. (Aber beim nächsten Licht wäre ich wieder draußen!)
GERHARD FALKNER Romeo und Julia
1:nein
2:nein
Hier habe ich massive Schwierigkeiten mit der Sprache, das pfeffert mich gleich beim ersten Satz raus, in dem sich ein "ungewöhnlich seltsamer Vorfall" ereignet. Das ist ein Pleonasmus. Gleich im nächsten Satz "scheinen die Prozeduren seines Fortgangs so an den Haaren herbeigezogen...." Was, bitte schön könnten denn "Prozeduren eines Vorfalls" sein? Vielleicht ja die Prozeduren, die im Verlauf des Vorfalls angewandt wurden? Aber selbst das passt nicht so recht. Noch weniger kann ich mir vorstellen, wie Prozeduren an den Haaren herbeigezogen scheinen können. Und so gehts munter weiter. Es handelt sich hier allerdings um einen Ich-erzähler, ergo um Rollenprosa. Und dieser Erzähler redet enorm elaboriert, ist auch ein Schriftsteller, vielleicht soll es ja ein lächerlich schlechter Schriftsteller sein. Ich kriege aber nicht ausreichend Hinweise, wie die Sache gemeint sein soll. Mich von Anfang an damit herumschlagen zu müssen, ermüdet mich. Ich würde aufhören zu lesen.
P.S.: Ich weiß, dass Gerhard Falkner immer besonders wegen seiner Sprache gelobt wird. Kann sein, dass es total an mir liegt, dass ich verstimmt bin, weil ich die Absicht nicht spüre.
FRANZOBEL Das Floß der Medusa
1: ja
2: ja
Ja und ja. Drei Sprachebenen: leicht altertümlich, dann mitten rein Gegenwartssprache, dann funkt ein auf ironische Weise betulicher auktorialer Erzähler dazwischen und wendet sich direkt an die Leser - all das angenehm gemischt, nicht um zeigen, wie kunstfertig der Autor ist, sondern zum Vergnügen der Leser. Tolle Abenteuergeschichte, die sofort losgeht: Schiffbrüchige, die sich gerettet haben, indem sie ihre Kollegen aufgefressen haben- viele Kollegen. Letzter Satz der Leseprobe:- Die Welt muss wissen und sie wird erfahren, was wir erlebt haben.
Ich auf jeden Fall- Buch bestellt.
Morgen gehts weiter mit Monika Helfer, Christoph Höthker, Thomas Lehr
Montag, 24. April 2017
"Girls" black baby boy
When I started watching “Girls” final episode and saw Lena Dunham as Hanna Horvath holding a black baby in her arms - without anybody commenting on the baby’s color- I was convinced I had, by mistake, skipped an episode. In the last one I had seen, the baby had not been born yet, but we already knew it would be a boy (so they did not go for a sentimental ending of “Girls”: another girl being born.) The guy that had made Hanna pregnant was a sweet surf instructor played by a British- Pakistani actor. If this was meant to be realistic, the black color of the baby should have been a huge surprise, to Hannah as well as to her friends and parents. We know it is possible that a black baby comes from black ancestors, way back in the family line- possible but highly improbable. More often, there is a simpler solution to such mysteries: the guy that is believed to be the biological father actually isn’t. The conversation I was sure to have missed was everybody asking Hannah if there had been secrets in her love life that neither her friends nor the audience knew.
Endings are a big thing for me. I
always have a hard time to find endings for my own stories. Therefore, I am
eager to analyze the solutions people I admire come up with. I was very curious
how Lena Dunham and Jenny Konner would wrap up “Girls”, a show I loved. I wondered how I could have missed an entire
part of the final countdown. It turned
out I hadn’t. It was exactly as I had seen it: in one scene she was pregnant.
In the next one, she had a black baby - and nobody seemed to wonder how that
had happened. Incomprehensible, at least to me. I waited for an explanation
later on in the episode but nobody ever mentioned the color of the baby.
Ok, I thought after a while, it must
be a joke. There had been many discussions about the almost all-white cast of
"Girls"- how the series did not reflect the diversity of Brooklyn, how
those “Girls” lived in a bubble. Lena Dunham had reacted to those accusations-
both in interviews and by giving Hannah a storyline, in a later season, about an
affair with a black guy who accused her of being color blind. The joke would
have been: “You, the audience, told us all the time we were color blind. What
do you mean by that? What color? The color of the baby? Is there anything
special about the baby’s color? We didn’t see it- we must be colorblind.” I concluded it must have been this kind of a joke,
and I had just been a little slow to get it. Who could blame me- the show is
not about my generation and not about my country. I turned to Emily Nussbaum,
my oracle and imaginary girlfriend, to check out what she thought about that
kind of joke: wasn’t it a little lame? A little over the top, in a moment when
everybody was so emotional about seeing those girls for the very last time? Emily Nussbaum
is the television critic for The New
Yorker. In my head I am discussing everything about my favorite shows with
her. None of my actual friends is watching them, but I consider Emily Nussbaum
a close- if imaginary- friend. Even closer than the characters in my favorite
shows. So, I was eager to find out what
she had to say about that black baby joke. But in her
critic of the girls finale there is not a single word about the baby’s
color.
That’s when I started to feel
ashamed. Emily Nussbaum never misses a joke. So, there was no joke. I checked
on the other big magazines: same thing everywhere. No one mentioned the baby’s color.
Was I crazy? I watched the episode again. The baby was clearly black. But the
educated writers from the good magazines did not consider this an issue that
had to (or could?) be talked about. Just as the characters in “Girls”. When
this was so disturbing to me, was it because I was terribly racist? Racist to
an amount unpresentable among the educated people of nowadays?
I googled and found a lot of
comments on Twitter. “WTF- how is Hannah’s baby black? Did I miss something?”.
Those people were as confused as I was, they were my peers, but those where the
naïve watchers, probably very young ones, and what was worse: the same people
that had commented endlessly about Lena Dunham’s body, about her belly being
too fat etc. Was the black baby kind of
an educational program?
The many scenes in which Lena Dunham
appeared naked sure were kind of an education. I love and admire her as an
actress, as she apparently does not to give a fuck about her body not
fulfilling the conventional norms of beauty. She is clearly not ashamed and
acts naked on screen with complete freedom. I cannot praise this highly enough.
It is a huge thing. It sure liberated hundreds of thousands of women enslaved
by the dictate of the pictures of the porn industry. What she did there as an
actress has to be celebrated by all feminists.
I have more ambivalent feelings
about the writing, though. The series is taking it for granted that the shape
of a female body should not be an issue to any decent person. So, it is mostly
not talked about in the series. While Lena Dunham's naked body produced an
outcry all over the social media Hannah Horvath's body was (almost) never
commented among the cast. Just like the color of the baby. So, this seems to be
the same tactic here. What is disturbing is that in the middle of a writing
that is psychologically realistic- to a point that the characters seem to be
completely alive- there is one thing that is treated very different from the
way it is “in real life”. While the girls are depicted as fighting with all the
difficulties that come from their different flaws, their narcissism, egotism,
from the burdens they got from their parents, they never have issues with their
looks. They have issues with their bodies, with allergies, illness etc. but not
with their looks. In one way, this is great. It is education- it says: you
simply can’t talk about this anymore if you are a decent person. Just stop
thinking in those terms. Look at us: a whole crowd of people who never judge
anybody in terms of their looks. And what’s more: among us even sexual attraction
doesn’t follow the dictate of the media. I am sure that works. Just by seeing a
world with different rules over and over again creates possibilities of change
inside the heads of the audience.
On the other hand, issues that
are excluded from the discussion obviously cannot be discussed. Good or bad?
On one level the series scored a big win against the dictate of a misogynist
beauty industry. On another level, it is possible that women “oppressed by the
figures of beauty” felt even more miserable when the series seemed to say that
it was not ok to mention those feelings of discrimination.
In German there is a phrase of
Willhelm Busch that says:
“Darum aber merket scharf
nicht sein kann was nicht sein darf”
(Stick to the following wisdom: what
is not allowed to happen cannot happen). This is funny because obviously very
often people act in a way that is not allowed. It will not work not to say: no
decent person can respond sexually to features promoted by the beauty industry. There are clearly other forces at work that
cannot be annihilated by a moral claim. At least not immediately. Maybe they
can be weakened by mere repetition, though.
So, maybe the black baby no one
talked about was the same kind of strategy as letting no character talk about Hannah’s body fat. But to me, there seems to be an important difference: in the battle
about women's bodies, Lena Dunham belongs to the party of designated victims.
Ignoring that battle means standing up against the victimization of a group she
herself is a part. While ignoring the battle that is going on about race means
acting as if a fight in which she belongs to the privileged party was over. I think
it is problematic to just ignore privileges you were born with , on the ground you never wanted them in the first place. It is for sure not the same thing as bravely ignoring when society wants
you to be a victim.
But if this is true, how come that
Emily Nussbaum didn’t say so? I still feel that I am missing something. And I am still confused about what to think of that
black baby- and would love to read some comments.
Freitag, 11. November 2016
Leonard Cohen, † 10.11.2016
Das darf er nicht. Er darf nicht tot sein. Seine Songs sind doch, woraus meine Seele gemacht ist. Es kann nicht sein, dass er sterblich ist.
Field commander Cohen, you promised to stand guard.
Was wär ich geworden ohne ihn? Ich kann es mir nicht vorstellen; kein Mensch. Nicht in dem Sinn, in dem die Juden sagen: das is "a Mensch" Ohne ihn wär ich nur ein Klumpen Lehm.
Field commander Cohen, you promised to stand guard.
Was wär ich geworden ohne ihn? Ich kann es mir nicht vorstellen; kein Mensch. Nicht in dem Sinn, in dem die Juden sagen: das is "a Mensch" Ohne ihn wär ich nur ein Klumpen Lehm.
Er war meine Freude.
Ich habe nie verstanden, wenn manche sagen, sie hören seine Songs nur um in
Traurigkeit zu baden. Mir haben sie gezeigt, wie das geht mit der Freude.
Wenn alle Versuche immer wieder scheitern, die erträumte
Revolution, der Versuch zu lieben, der Versuch frei zu sein, der Versuch die Wahrheit
zu erkennen; wenn man begreift, dass man all das nicht haben kann, nie haben
wird – und wenn aus dieser Erkenntnis die Sehnsucht erst Recht in die Höhe
schießt, wie sie es in seinen Liedern tut: das löst bei mir unbändige Freude aus. Ich
spüre: das bin ich. Aus diesem
Widerspruch bin ich gemacht. Und nicht nur ich bin so - so sind auch alle anderen.
Alle scheitern, alle sind einsam, alle erkennen die Sinnlosigkeit, alle sind
überrascht über die ewige Wiederkehr der Sehnsucht. Ich bin nicht allein mit
meiner Einsamkeit.
And even
though it all went wrong
I'll stand before the Lord of song
With nothing on my tongue but Hallelujah
I'll stand before the Lord of song
With nothing on my tongue but Hallelujah
Ich habe
gesehen, wie er selbst überrascht war, was seine Songs bewirkt haben, und wie
er sich darüber gefreut hat. Das war auf dem legendären Konzert in Berlin 2008,
in der monströsen O2 Halle, eines der ersten Konzerte nach seinem Wiederauftauchen
aus dem Zen Kloster.
Er war da
schon alt. Ich auch nicht mehr jung. Rund um mich viele Menschen in meinem Alter,
jeder auf seine Art gescheitert, alle verlegen bei dem Versuch so auszusehen,
so zu sein, wie damals. Und er,
Cohen, klein und weit weg, mit demselben Anzug, demselben Hut wie früher. Am Anfang haben sich, glaube ich, alle geschämt, wie wir so
dastanden, mit nackter Seele, so bedürftig. Und dann, obwohl es peinlich war, begannen
die ersten ganz leise mitzusingen: I have tried in my way. Und dann immer mehr- I have tried- aber ganz leise
und sauber. Alle kannten alle Texte. Jedes Wort.
Cohen kam an die Rampe und sagte, er habe Schriftsteller werden wollten.
Singen wollte er nur nebenbei, bis die Bücher Erfolg hätten. Und jetzt, vierzig
Jahre später, sei er hier. Und es sei ihm nicht möglich, ganz zu erfassen, wieviel seine Songs über all die Zeit für so viele Menschen bedeutet hätten. Das war keine falsche Bescheidenheit, wie er das sagte. Man konnte
spüren, dass er das ganze Ausmaß wirklich nicht in sich aufnehmen konnte, dass
es zu viel war, in diesem Riesensaal, all diese Menschen, für die er den
Soundtrack zu allen wichtigen Momenten ihres inneren Lebensfilms geliefert
hatte. Man konnte seine Freude spüren. Ich glaube alle, wirklich alle
zigtausend Menschen, die da waren, haben geweint. Danach war Pause, die Frauen auf dem Klo waren aufgelöst, Ströme
von Wimperntusche, die sie achtlos verschmierten. Und strahlende, strahlende
Gesichter.
Nach der letzten geplanten
Zugabe: „It’s closing time“ nach „First we take manhatten, then we take berlin“,
ging das Konzert noch über zwei Stunden
weiter und bei manchen Songs wusste man nicht, wer sie angestimmt hatte: er oder irgendwer im Saal-
like a drunk in a midnight choir- das war nicht zu unterscheiden.
In den
letzten Wochen habe ich das Hören seines letzten Albums immer wieder
abgebrochen. Einen so direkten Kommentar zu seinem Tod wollte ich von
ihm nicht hören. Lass mich damit in
Ruhe, habe ich gedacht. Das gehört sich
nicht, dass Du, dem ich das Leben meiner Seele verdanke, mich jetzt mit deinem Sterben
belästigst.
Und dann spricht er auch noch direkt zu Gott. Dabei hat er nach dem Verlassen des Zen
Klosters gesagt: "Some kind of relaxation overtook me since I realized I
was no longer a religious seeker. And I am grateful for that." Vorbei.
A million candles burning for the love that
never came
You want it darker
We kill the flame
You want it darker
We kill the flame
Du willst
es noch dunkler, Gott? Noch schwärzer als ein Leben lang nicht zu antworten? Dann
löschen wir das Licht- dann sterbe ich eben.
Ich wollte
das nicht hören- auch noch mit seiner inzwischen schrecklich tiefen Stimme, aus
der das Alter all die Höhen des „Hallelujah" herausgefiltert hat. Ich war
voller Wut auf einen Gott, der sich nicht einmal davon rühren lässt- der sich
ihm trotz einer so vollkommenen Hingabe nicht zeigt. Natürlich nicht zeigt, weil
es ihn nicht gibt, wie wir immer schon wussten. Wie auch Cohen von Anfang an
immer wusste.
Ich wollte
es nicht hören, weil es mir so endgültig vorkam, so unironisch. Als ob er wirklich gleich Sterben wollte,
nachdem er dieses Letzte gesagt hatte, willentlich, wie die Indianer, die zum
Sterben auf einen Berg steigen. Wie die Buddhistischen Mönche, die im Zazen
sterben und deren toter Körper tagelang nicht umfällt, weil ihre Sitzhaltung so
perfekt ist.
Aber dann erschien
vorige Woche ein Interviewschnipsel auf seiner Facebook Seite- da sieht man ihn
verschmitzt lachen und er sagt: " I said I was ready to die,
recently- I think I was exaggerating. One is given to self-dramatization from time to time. (er lacht) I intend to live forever."
Da war ich
so froh, so getröstet. Und dann konnte ich auch die zweite, ironische Ebene in
den Songzeilen hören:
All die
tausend Kerzen- und nichts. Na gut, wenn Du's lieber im Dunkeln machen willst …
dann löschen wir eben das Licht …
Hineni, hineni, I'm ready, my Lord.
Und dann
sieht man ihn da im Finstern stehen, nachdem er all die Kerzen ausgepustet hat,
mit nackiger Seele, wie er immer noch, entgegen allem, was er gerade gesagt hat,
zu irgendjemandem spricht. There's still
a paradox to blame. Immer weiter spricht,
zu etwas, das er dort im Finstern, im Bett vermutet, spricht, zu was auch
immer.
Wie er immer noch
spricht. Und ewig sprechen wird.
Oh, my love
Samstag, 16. April 2016
"Die lächerliche Finsternis" von Wolfram Lotz- in Wien und Jena, ein Vergleich
Oben aus der Postmoderne wieder raus Teil 2: Jena- Wien 1:0
“Ich habe mir eine Nektarine in den
Arsch stecken lassen, eine Anthologie mit isländischer Lyrik, eine Dose
Katzenfutter, die Schublade eines Nachtschränkchens. Man kann viel Geld dafür
bekommen, glaub mir, aber es ist nicht gut”.
In Jena ist das ein Lacher, in Wien
heult Stefanie Reinperger an dieser Stelle so, dass es einem schier das Herz
zerreißt. Dafür sind in Wien Oberfeldwebel Pellner und sein Gefreiter Dorsch grobe
Karikaturen, während in Jena das Scheitern der Freundschaft zwischen diesen beiden zu Tränen rühren kann. Die beiden Aufführungen machen eigentlich an fast jeder
Stelle alles genau umgekehrt. Deshalb ist es so spannend sie zu vergleichen. Man
sieht „Die lächerliche Finsternis“ aus zwei ganz verschiedenen Blickwinkeln-
und wie bei einem kubistischen Bild kriegt man dadurch erst richtig mit, was
man vor sich hat- was für ein großartiges Stück (meine Besprechung ist hier).
Wolfram Lotz wollte mit seinem Stück „oben aus der Postmoderne“ wieder heraus. Die
Wiener Aufführung hat ein paar Tentakel, die er da mutig aus dem
Episch-Ironischen hat herauswachsen lassen, wieder in postmoderne Schubladen
gestopft. Im Wiener Burgtheater hat der Regisseur Dusan Parizek alle Männerrollen mit Frauen besetzt, und die „schöne
Distanz“, die die Aufführung dadurch dazugewonnen hat, wurde sehr gelobt. Bei
Jan Langenheim in Jena werden die beiden machistischen Bundeswehrsoldaten (und
auch sonst alle Männer bis auf einen) von Männern gespielt. Und wirklich: da
ist keine Distanz- Niederkirchner und Zera gelingt es, Mitgefühl für
ihre mehr als dubiosen Charaktere zu wecken, und das mit dem uralten Mittel der
Identifikation. Das ist allerdings im postmodernen Kontext verpönt, ebenso wie
die stringente, spannende Story zwischen den beiden, die Lotz sich da einfach
zu erzählen traut, und die die Wiener mit Fremdtexten torpediert haben. Schon
allein deshalb sollte man die Jenaer Aufführung anschauen.
Lotz und Brecht
Lotz sagt, er sieht sich in der Tradition von Brecht, will aber auf das
Mittel der Identifikation nicht verzichten. Brecht ging es um Veränderbarkeit. „Glotzt
nicht so romantisch“ hat er plakatiert, weil er nicht wollte, dass seine
Zuschauer in einer Illusion gefangen blieben. Sie sollten das große Ganze
sehen, das System, und auch, dass es nicht Gott gegeben sondern veränderbar
wäre. Er wollte den Zuschauern nicht erlauben, dass sie sich wie im Kino wohlig zurücklehnen und für zwei Stunden in etwas eintauchen könnten, was sie für die Wirklichkeit hielten. Deshalb traten seine Schauspieler immer wieder aus ihren Rollen heraus und gaben Kommentare ab- damit auch die Zuschauer drüber nachdenken konnten, ob das, was sie da sahen unter anderen Umständen auch anders laufen könnte.
Die Postmoderne hat das zu einem Gesetz erhoben. Immer öfter nennen sich Schauspieler bei ihrem echten Namen und sagen zum Publikum " Vergessen Sie nicht, dass ich der Schauspieler Max Mustermann bin und nicht etwa Hamlet oder ein somalischer Pirat. Dabei wird dieses Ausstellen der Distanz oft wichtiger als die Sache selbst. Wovon aber eigentlich Distanz gehalten werden soll- nämlich von einer Geschichte, die doch dem Publikum nahe gehen müsste, geht inzwischen oft unter.
Ein schönes Beispiel wie man als Schauspieler ganz beiläufig beides sein kann: die Figur und man selbst aus Schauspieler- und dann auch noch diese verwirrende Doppelrolle mit dem Zuschauer teilen kann, liefert Maciej Zera in der Jenaer Aufführung.
In seiner Rolle als Gefreiter Dorsch fährt er mit seinem Vorgesetzen auf einem Boot durch den Dschungel ins Herz der Finsternis. Irgendwann pinkelt er vom Boot aus in den Fluß. Das spielt Zera so, wie es jetzt im Theater immer gemacht wird: mit einer Wasserflasche, die er sich gut sichtbar zwischen die Beine klemmt und dann klares Wasser rauslaufen lässt. Im altmodischen Illusiontheater wurden früher immer Mechanismen gebaut, die es möglichst echt aussehen ließen, wenn eine Figur bluten, pinkeln, sich erbrechen sollte. Da gab es, versteckt ins Kostüm, eingenähte Plastikbeutel und gefinkelte kleine Pumpen, mit denen die Schauspieler im entscheidenden Moment plötzlich Flüssigkeit aus sich heraussrinnen lassen konnten. Das waren kleine Zaubertricks, die die Zuschauer in ihrem Glauben an die Echtheit der Bühnensituation bestärken sollten.
Im postdramatischen Theater ist das verpönt- Zuschauer*innen sollen immer genau sehen können, wie etwas gemacht wird. Daher gilt es jetzt als "State of the art" große Flaschen mit Theaterblut auf die Bühne zu stellen. Wird eine Figur verwundet, dann holt sich der Schauspieler so eine Flasche und übergießt sich mit dem Theaterblut. Anfangs spielten die Schauspieler trotzdem das Verwundetwerden noch genauso realistisch wie zur Zeit der verborgenen Blutbeutel. Das war die ersten Male sehr beeindruckend.
Inzwischen ist aber auch das oft nicht mehr postmodern genug. Man sieht Schauspieler*innen, die sich überhaupt keine Mühe mehr geben die Situation darzustellen sondern nur noch ganz sachlich Flüssigkeit aus eine Flasche schütten - und das ist dann allen egal- ihnen und dem Publikum.
Bei Zeja gibts da eine kleine Etude zu sehen- sie dauert weniger als eine Minute und hat doch viele Ebenen. Er holt sich- als Schauspieler- die Flasche und klemmt sie sich zwischen die Beine. Dann spielt er -als Dorsch-, dass er vom Bootsrand pinkelt- sehr realistisch, soweit das eben mit der Flasche geht. Kurz darauf geht er -als Schauspieler- über die Bühne zur nächsten Szene. Die Wasserflasche hat er immer noch in der Hand und nimmt, scheinbar ohne nachzudenken, einen Schluck. Klar: ein durstiger Schauspieler zwischen zwei Auftritten. Kaum hat er das Wasser im Mund, spuckt er es angewidert wieder aus. Jeder versteht wieso: iiihhh!! es schmeckt nach Pisse! Er hat sich so gut in die Pinkelszene eingefühlt, dass er selbst alles geglaubt hat, auch, dass die Flüssigkeit, die da zwischen seinen Beinen herausrinnt, Pisse ist. Er hat getan, was ein klassischer Schauspieler tut: hat an die Handlungen, die er als Figur ausführt, geglaubt und damit das Publikum dazu gebracht, sie ebenfalls zu glauben.
Momente später wird das postmodern ironisiert: ist nicht echt, Leute! Ist nur eine Wasserflasche! Aber weil er als Schauspieler nicht weiter drüber nachdenkt, im Kopf schon ganz woanders ist- hat sich in seiner Phantasie die Flüssigkeit noch nicht zurückverwandelt. Ein Teil von ihm ist Zeja, der aus einer normalen Wasserflasche trinkt, ein anderer Teil ist noch Dorsch. Weil aber beide Teile nur einen gemeinsamen Körper haben, schmeckt jetzt das Wasser für Zeja nach Pisse und er spuckt es erschrocken aus. (Und wenn man drüber nachdenkt gibt es hier sogar noch einen Dritten, der in dem Moment sowohl Dorsch als auch Zeja spielt).
Das ist nur eine winzige Scherzszene am Rand- aber in ihr sind der postmoderne und der alte Ansatz, der alles echt erscheinen lassen will, vereint. Und sie hält die Zuschauer für so klug und so flexibel, dass sie sie das Durcheinander im Inneren des Schauspielers mitempfinden lässt. Das ist ein wirklich schönes Beispiel, wie es Theater schaffen kann, zwischen Identifikation und Distanz zu wechseln, so schnell, dass es fast schon im selben Augenblick möglich wird- und ohne eine der beiden Haltungen völlig aufzugeben.
Das Problem ist der Adressat. Brecht wollte Theater für Arbeiter machen. Das Theater sollte Zusammenhänge sichtbar machen und das Publikum dazu bringen, sich gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu wehren. Die Zuschauer sollten lernen, dass sie ein Recht auf ihre Leidenschaften und Gefühlen hatten.Wenn man ihnen nicht erlaubte sie auszuleben, so war die Botschaft, dann deshalb, weil sie den Mächtigen nicht in den Kram passten, zum Produktionsprozess quer lagen. Die Gefühle der Arbeiter galten in jedem Fall als gut, sie würden der Motor der Rebellion sein.
Die Postmoderne hat das zu einem Gesetz erhoben. Immer öfter nennen sich Schauspieler bei ihrem echten Namen und sagen zum Publikum " Vergessen Sie nicht, dass ich der Schauspieler Max Mustermann bin und nicht etwa Hamlet oder ein somalischer Pirat. Dabei wird dieses Ausstellen der Distanz oft wichtiger als die Sache selbst. Wovon aber eigentlich Distanz gehalten werden soll- nämlich von einer Geschichte, die doch dem Publikum nahe gehen müsste, geht inzwischen oft unter.
Ein schönes Beispiel wie man als Schauspieler ganz beiläufig beides sein kann: die Figur und man selbst aus Schauspieler- und dann auch noch diese verwirrende Doppelrolle mit dem Zuschauer teilen kann, liefert Maciej Zera in der Jenaer Aufführung.
In seiner Rolle als Gefreiter Dorsch fährt er mit seinem Vorgesetzen auf einem Boot durch den Dschungel ins Herz der Finsternis. Irgendwann pinkelt er vom Boot aus in den Fluß. Das spielt Zera so, wie es jetzt im Theater immer gemacht wird: mit einer Wasserflasche, die er sich gut sichtbar zwischen die Beine klemmt und dann klares Wasser rauslaufen lässt. Im altmodischen Illusiontheater wurden früher immer Mechanismen gebaut, die es möglichst echt aussehen ließen, wenn eine Figur bluten, pinkeln, sich erbrechen sollte. Da gab es, versteckt ins Kostüm, eingenähte Plastikbeutel und gefinkelte kleine Pumpen, mit denen die Schauspieler im entscheidenden Moment plötzlich Flüssigkeit aus sich heraussrinnen lassen konnten. Das waren kleine Zaubertricks, die die Zuschauer in ihrem Glauben an die Echtheit der Bühnensituation bestärken sollten.
Im postdramatischen Theater ist das verpönt- Zuschauer*innen sollen immer genau sehen können, wie etwas gemacht wird. Daher gilt es jetzt als "State of the art" große Flaschen mit Theaterblut auf die Bühne zu stellen. Wird eine Figur verwundet, dann holt sich der Schauspieler so eine Flasche und übergießt sich mit dem Theaterblut. Anfangs spielten die Schauspieler trotzdem das Verwundetwerden noch genauso realistisch wie zur Zeit der verborgenen Blutbeutel. Das war die ersten Male sehr beeindruckend.
Inzwischen ist aber auch das oft nicht mehr postmodern genug. Man sieht Schauspieler*innen, die sich überhaupt keine Mühe mehr geben die Situation darzustellen sondern nur noch ganz sachlich Flüssigkeit aus eine Flasche schütten - und das ist dann allen egal- ihnen und dem Publikum.
Bei Zeja gibts da eine kleine Etude zu sehen- sie dauert weniger als eine Minute und hat doch viele Ebenen. Er holt sich- als Schauspieler- die Flasche und klemmt sie sich zwischen die Beine. Dann spielt er -als Dorsch-, dass er vom Bootsrand pinkelt- sehr realistisch, soweit das eben mit der Flasche geht. Kurz darauf geht er -als Schauspieler- über die Bühne zur nächsten Szene. Die Wasserflasche hat er immer noch in der Hand und nimmt, scheinbar ohne nachzudenken, einen Schluck. Klar: ein durstiger Schauspieler zwischen zwei Auftritten. Kaum hat er das Wasser im Mund, spuckt er es angewidert wieder aus. Jeder versteht wieso: iiihhh!! es schmeckt nach Pisse! Er hat sich so gut in die Pinkelszene eingefühlt, dass er selbst alles geglaubt hat, auch, dass die Flüssigkeit, die da zwischen seinen Beinen herausrinnt, Pisse ist. Er hat getan, was ein klassischer Schauspieler tut: hat an die Handlungen, die er als Figur ausführt, geglaubt und damit das Publikum dazu gebracht, sie ebenfalls zu glauben.
Momente später wird das postmodern ironisiert: ist nicht echt, Leute! Ist nur eine Wasserflasche! Aber weil er als Schauspieler nicht weiter drüber nachdenkt, im Kopf schon ganz woanders ist- hat sich in seiner Phantasie die Flüssigkeit noch nicht zurückverwandelt. Ein Teil von ihm ist Zeja, der aus einer normalen Wasserflasche trinkt, ein anderer Teil ist noch Dorsch. Weil aber beide Teile nur einen gemeinsamen Körper haben, schmeckt jetzt das Wasser für Zeja nach Pisse und er spuckt es erschrocken aus. (Und wenn man drüber nachdenkt gibt es hier sogar noch einen Dritten, der in dem Moment sowohl Dorsch als auch Zeja spielt).
Das ist nur eine winzige Scherzszene am Rand- aber in ihr sind der postmoderne und der alte Ansatz, der alles echt erscheinen lassen will, vereint. Und sie hält die Zuschauer für so klug und so flexibel, dass sie sie das Durcheinander im Inneren des Schauspielers mitempfinden lässt. Das ist ein wirklich schönes Beispiel, wie es Theater schaffen kann, zwischen Identifikation und Distanz zu wechseln, so schnell, dass es fast schon im selben Augenblick möglich wird- und ohne eine der beiden Haltungen völlig aufzugeben.
Kritisches Theater, dass zur Veränderung der Gesellschaft beitragen will, hat ein Problem.
Das Problem ist der Adressat. Brecht wollte Theater für Arbeiter machen. Das Theater sollte Zusammenhänge sichtbar machen und das Publikum dazu bringen, sich gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu wehren. Die Zuschauer sollten lernen, dass sie ein Recht auf ihre Leidenschaften und Gefühlen hatten.Wenn man ihnen nicht erlaubte sie auszuleben, so war die Botschaft, dann deshalb, weil sie den Mächtigen nicht in den Kram passten, zum Produktionsprozess quer lagen. Die Gefühle der Arbeiter galten in jedem Fall als gut, sie würden der Motor der Rebellion sein.
Diese schöne Zeit der
moralischen Gewissheit ist vorbei. Seit die Globalisierung real geworden ist, kann man nicht mehr leugnen, dass die meisten, die hierzulande in den Theatern sitzen im Weltmaßstab zu
den Reichen und Mächtigen gehören, zu denen, die von Ausbeutung
profitieren auch wenn sie es gar nicht wollen. Was jetzt? Leidenschaften zu spüren und sie auszuleben gilt meist nicht mehr als „gut“, wenn ein reicher Mächtiger es tut. Das Theater kann dem Publikum nicht mehr so einfach das Angebot machen mit den Opfern mitzuleiden- obwohl es in vielen Fällen strukturell zur Seite der Täter gehört. Das postdramatische Theater will das nicht
mehr erlauben. Zuschauer sollen nicht mehr
einfach sagen dürfen: „Ich bin Anne Frank“, „Ich bin eine schwarze
Obdachlose auf einer Müllhalde“, „Ich bin ein Kind in einer indischen
Textilfabrik“. Stattdessen sollen sie Informationen sammeln, ein schlechtes
Gewissen haben, sich empören, und den Armen helfen. Leidenschaften, mit
denen sie etwas für sich selbst wollen, gelten nicht mehr als gut und das
Theater will sie nicht mehr für wecken.Das ist verständlich. Aber zu Herzen geht woran man leidet, wo man Schwierigkeiten hat, man fiebert mit, wenn eine Figur unerfüllten Wünschen hinterherjagt- nicht mit intellektuellen Überlegungen. Das ist ein Riesenproblem- den Theater spielt mit Gefühlen und Leidenschaften und für sie- das ist sein Wesen.
Im Fremden immer sich selbst erkennen wollen- das war einmal normal
Früher galt es als links die eigenen Abgründe zu erforschen. Man dachte
man würde Sprengstoff für die Revolution ausgraben. Jetzt gilt das nicht mehr.
Wenn es überhaupt noch Gefühle
abzuholen gibt, dann die eines gemeinsamen Empörtseins über multinationale
Konzerne oder über Menschen, die noch weniger gut sind als man selbst. Spaß ist
das keiner. Und flach ist es auch. Lotz will da wieder raus.
Zwar sagt auch Lotz, dass wir nicht einfach behaupten können, wir
verstünden einen somalischen Piraten, aber er will wieder Ambivalenz zulassen.
Schon Captain Marlow in Joseph Conrads "Herz der Finsternis" , der Vorlage für dieses Stück, hasste die brutale Kolonialherrschaft
der Belgier in Kongo als er den Fluß hinunterfuhr. Aber er war auch der Junge, der, wie Joseph Conrad selbst, mit elf
Jahren auf einen weißen Fleck auf der Landkarte gezeigt und mit leuchtenden
Augen geschworen hatte: da werde ich einmal hinkommen.
Coppola, der in "Apokalypse now" eine ähnliche Geschichte mitten im Vietnamkrieg gefilmt hat, war, wie alle an dem Film beteiligten, ein leidenschaftlicher Kriegsgegner. Aber er war auch fasziniert vom Dschungel, und von dem was im Krieg aus der inneren Finsternis der Menschen herausbricht. Er wollte das erforschen, wollte herausfinden, was davon auch in seinem eignen Inneren verborgen war. Heute kommt einem diese Haltung unfassbar gewagt vor.
Coppola, der in "Apokalypse now" eine ähnliche Geschichte mitten im Vietnamkrieg gefilmt hat, war, wie alle an dem Film beteiligten, ein leidenschaftlicher Kriegsgegner. Aber er war auch fasziniert vom Dschungel, und von dem was im Krieg aus der inneren Finsternis der Menschen herausbricht. Er wollte das erforschen, wollte herausfinden, was davon auch in seinem eignen Inneren verborgen war. Heute kommt einem diese Haltung unfassbar gewagt vor.
Mitfühlen- ja. Aber mit wem? Und mit welchen Anteilen von "Wilden" und "Fremden"?
Lotz hat geniale Monologe für die Figuren der Unterdrückten, Ausgebeuteten und Kriegsopfer geschrieben. Es sind alles Kunstfiguren, Anhaltspunkte sind die Situationen, in denen sie sich befinden, was man annehmen kann, das sie wollen: ein mildes Urteil, Asyl, aus der Armut heraus, etwas verkaufen, Sicherheit. Sie sind nicht da um „ihr Leid zu klagen“. Wenn sie es tun, dann weil sie etwas damit erreichen wollen.
Das Team der Wiener Aufführung lässt sich das einfach nicht gefallen. Sie
proklamieren ihr Recht mit den Opfern zu leiden und brettern an vielen Stellen
über den Text drüber, der sich dafür gar nicht eignet. Allerdings haben sie dafür
eine Wunderwaffe: Stefanie Reinsperger.
Sie spielt sämtliche Opferrollen in der Wiener Aufführung: den somalischen Piraten, den Hausierer, der Frau und Kinder verloren hat, den sprechenden Papagei, der von den Gräueln des Krieges erzählt. Ihr Schmerz ist so groß und so allgemeingültig wie bei einem griechischen Klageweib. Das erreicht sie mit Körper, Haltung, Selbstbewusstsein und Unschuld eines wuchtigen Kindes. Sie kann aus dem Stand, und völlig gegen das, was der Text nahelegt, zu heulen anfangen, und man spürt dass es zutiefst echt ist. Ihr Weinen ist frei von Selbstmitleid, es ist eine Anklage gegen den Zustand der Welt. Es steht wie eine Säule im Raum, es ist ein Protest. Man fühlt, dass dieses diese Riesen Kind, das da breitbeinig steht und nichts versteckt, ein Recht darauf hat, das eigene Leid mit dem der Verdammten dieser Erde gleichzusetzen. Ihr Weinen verlangt nichts von den Zuschauer*innen, im Gegenteil, es gibt ihnen die Erlaubnis auch zu weinen, wenn sie es wollen
.
Sie spielt sämtliche Opferrollen in der Wiener Aufführung: den somalischen Piraten, den Hausierer, der Frau und Kinder verloren hat, den sprechenden Papagei, der von den Gräueln des Krieges erzählt. Ihr Schmerz ist so groß und so allgemeingültig wie bei einem griechischen Klageweib. Das erreicht sie mit Körper, Haltung, Selbstbewusstsein und Unschuld eines wuchtigen Kindes. Sie kann aus dem Stand, und völlig gegen das, was der Text nahelegt, zu heulen anfangen, und man spürt dass es zutiefst echt ist. Ihr Weinen ist frei von Selbstmitleid, es ist eine Anklage gegen den Zustand der Welt. Es steht wie eine Säule im Raum, es ist ein Protest. Man fühlt, dass dieses diese Riesen Kind, das da breitbeinig steht und nichts versteckt, ein Recht darauf hat, das eigene Leid mit dem der Verdammten dieser Erde gleichzusetzen. Ihr Weinen verlangt nichts von den Zuschauer*innen, im Gegenteil, es gibt ihnen die Erlaubnis auch zu weinen, wenn sie es wollen
.
Das ist ein ganz anderes Erlebnis als in den schrecklichen Stücken, in denen
echte Flüchtlinge auf die Bühne gestellt und aufgefordert werden, möglichst
ergreifend von ihrem Schicksal zu erzählen. Natürlich erhoffen
sich diese Leute Hilfe, sie wollen nicht „ihre Erfahrungen teilen“, sie wollen
Geld, eine Wohnung, eine Arbeit und deshalb überwinden sie notgedrungen ihre Scham. Aber unten im Zuschauerraum sitzen Hunderte,
von denen sie nichts kriegen, nur angestarrt werden. Das ist widerlich.
Stefanie Reinsperger will nichts, es ist Theater, sie wird dafür bezahlt. Deshalb kann man sich tatsächlich mit
diesem abstrakten Leid identifizieren, kann mitleiden, „gut“ sein. Drei mal
drei Minuten Katharsis- bei jedem Opfer eine. Sie hat in allem eine herrliche
Kraft und Entschiedenheit. Sie spielt auch als Einzige nicht, dass sie ein Mann
sei. Sie ist einfach die, die sie ist. Die, die die Situation als Schrecken erlebt und das mit voller Wucht auf die Bühne bringt. Sie
ist dafür zurecht sowohl als Schauspielerin des Jahres als auch als beste
Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet worden.
Trotzdem geht bei den Texten auf die Art viel verloren. In Jena weint der somalische
Pirat (Benjamin Mährlein) nicht. Er sieht aus wie Johnny Depp. Und das führt
gleich in die eigene Finsternis. Warum wollen wir überhaupt wissen, was diesen
Piraten getrieben hat? Ist es für uns nur eine moralische Pflicht? Weil er vor
einem deutschen Gericht steht, sollten wir uns informieren? Aber sind wir nicht
von Piraten fasziniert? Haben alle Teile von „Pirates oft the carribean“ gesehen?
Bewundern wir so einen nicht auch für sein Outlaw Dasein? Und ist das nicht
verrückt was er von seinem Kumpel erzählt, der sich für Geld Bände mit
isländischer Lyrik in den Arsch stecken lässt? Sicher, da muss sich einer
prostituieren und es ist entsetzlich und damit ist alles klar. Aber es ist auch
absurd, und es sind herrliche Bilder dafür wie absurd einem eine fremde
sexuelle Präferenz vorkommen kann, die man nicht teilt. Und ist außer dem einen
Entsetzlichen nicht noch viel Anderes Unklares da drin? Ist es nicht traurig,
dass es Menschen gibt, die dafür zahlen müssen, dass sie das mit der
isländischen Lyrik machen dürfen? Ist das nicht eine furchtbare Einsamkeit? Und
ist das nicht vielleicht etwas, das gar keinen Schuldigen kennt? Über all das
wird in Jena nicht hinweggeweint.
Aber der größte Unterschied zwischen den Aufführungen ist die zentrale
Geschichte zwischen Pellner und Dorsch. Lotz war ja selbst empört über die
Verurteilung eines somalischen Piraten durch ein deutsches Gericht. Aber dann
hat er sich gesagt: wenn es anständig sein soll, dann muss es um mich gehen.
Und ihm ist „Die Reise ins Herz der Finsternis“ eingefallen- auch Joseph Conrad
war zerrissen von seinem Widerwillen gegen die Kolonialherren und seiner Sehnsucht, in der Wildnis etwas über sich selbst
herauszufinden. Ohne die Angst-Lust vor fremden Ländern und vor den „Wilden“
lässt sich so eine Reise nicht beschreiben, und auch nicht die humanitären
Einsätze unseres Militärs. Pellner ist unser Alter Ego, er hat den Auftrag,
Gutes zu tun, und ist ein postkolonialer Rassist und Sexist, - und seine Ängste schauen ihn aus dem Dschungel heraus an.
Catrin Striebeck als Pellner
Catrin Striebeck parodiert diesen verklemmten, paranoiden Macho nach allen
Regeln der Kunst. Aber die Gefühle, die sie vermittelt, haben nichts mit ihm zu
tun, es sind Kommentare der Frau, die solche Gestalten kennt und unter ihnen zu
leiden hatte. Sie verachtet diesen Pellner, entlarvt ihn als mickriges
Würstchen, serviert seine testosterongeschwellten Gesten mit demonstrativem
Widerwillen. Das ist Kabarett- böse, gut
gemacht, aber oberflächlich. Hier wird nicht gegen die Gebote der Postmoderne
verstoßen: bestimmt wird niemand der Illusion verfallen, das sei ein echter Mensch;
niemand wird sich identifizieren- aber was man sieht, ist eben auch nur ein Klischee.
Ilja Niederkirchner ist Pellner
Ilja Niederkirchner hingegen hat die Teile, aus denen er seinen
mindestens ebenso lächerlichen Pellner zusammensetzt, aus der Tiefe seiner
eigenen Männerfinsternis, Blödigkeit und Not heraufgeholt.
Auch er spielt bei Leibe keine naturalistische Figur. Die Filmvorbilder sind deutlich zu sehen und wunderbarer Weise traut er sich, sich so zu bewegen, so zu sprechen, wie man es nur von den allerschamlosesten Schauspielern kennt- oder eben aus der Wirklichkeit, die sich auch oft weder um Dezenz noch um Wahrscheinlichkeit schert. Aber wenn er den zähnefletschenden, augenrollenden Jack Nicholson imitiert, dann passiert bei ihm etwas ganz Anderes als beim Striebeck’schen Macho. Bei den Faxen, die Niederkirchner macht, gerät etwas tief in ihm in Schwingung und dagegen bäumen sich furchtbare Gegenkräfte auf. Das ist “authentisch”, stimmt in ihm zusammen, und steckt deshalb die Zuschauer an. Die grauenhafte Mischung aus Wollen und Hemmung und dem Selbsthass, mit dem er im Sekundentakt auf alle Impulse draufhauen muss, fährt einem beim Zuschauen auch in die eigenen Glieder. Ein Zauber, der einen von diesem Joch der Zivilisation befreien könnte, den hat ein Capitain Marlow sich im Herzen der Finsternis erhofft- der Gedanke daran beutelt auch einen Pellner mit Angst-Lust.
Auch er spielt bei Leibe keine naturalistische Figur. Die Filmvorbilder sind deutlich zu sehen und wunderbarer Weise traut er sich, sich so zu bewegen, so zu sprechen, wie man es nur von den allerschamlosesten Schauspielern kennt- oder eben aus der Wirklichkeit, die sich auch oft weder um Dezenz noch um Wahrscheinlichkeit schert. Aber wenn er den zähnefletschenden, augenrollenden Jack Nicholson imitiert, dann passiert bei ihm etwas ganz Anderes als beim Striebeck’schen Macho. Bei den Faxen, die Niederkirchner macht, gerät etwas tief in ihm in Schwingung und dagegen bäumen sich furchtbare Gegenkräfte auf. Das ist “authentisch”, stimmt in ihm zusammen, und steckt deshalb die Zuschauer an. Die grauenhafte Mischung aus Wollen und Hemmung und dem Selbsthass, mit dem er im Sekundentakt auf alle Impulse draufhauen muss, fährt einem beim Zuschauen auch in die eigenen Glieder. Ein Zauber, der einen von diesem Joch der Zivilisation befreien könnte, den hat ein Capitain Marlow sich im Herzen der Finsternis erhofft- der Gedanke daran beutelt auch einen Pellner mit Angst-Lust.
In der Wiener Vorstellung kann man sich als guter Mensch fühlen, in Jena nicht
Hier kann also die “Typbesetzung” etwas, was der postmoderne
Geschlechtertausch nicht zustande bringt. Der Wiener Pellner von Catrin Striebeck
ist eine Witzfigur, und er ist böse. Wer im Publikum sitzt, kann sich selbst ungestört
weiter für einen durch und durch guten Menschen halten, denn mit diesem Pellner
ist keiner verwandt.
In Jena hat das Publikum es nicht so leicht. Hier ist Pellner Unterdrückter
und Unterdrücker in einem. Mit ihm vergleicht man sich fast zwangsläufig. Ja,
er ist schrecklich, aber was er in seinem bornierten Exotismus von sich gibt,
wird fast jeder auch schon einmal gedacht haben: ob die „Wilden“ nicht
glücklicher sind; ob man nicht etwas verloren hat- nein: ob es einem nicht
weggenommen wurde, - das das Leben lebenswerter gemacht hat. Und man spürt, was
Wolfram Lotz für sich als die einzig mögliche Position bezeichnet: „Eigentlich
geht es immer nur um mich.“
Eine echte Story!

Pellner
fühlt sich zunehmend bedroht, eingeklemmt zwischen dem Dschungel, („die
schrecklichen Wälder umgaben uns wie gewaltige schlafende Körper“) und dem
immer zutraulicher werdenden Dorsch. Es entsteht eine für Pellner fast
unerträgliche Nähe- er sieht Dorsch weinen. Er überlegt, dass er ihn töten
könnte- „Aber warum“ fragt er sich verunsichert „sollte ich das tun?“. Dann ist
Dorsch auf einmal verschwunden. Pellner gerät in Panik. Als Dorsch zurückkommt
und behauptet er wäre nur mal kacken gewesen, entsteht ein Riss zwischen den
beiden. Und dann finden sie im Herzen der Finsternis IHN, Deutinger, den
schrecklichen wahnsinnigen Mörder, den sie gesucht haben. Und genau wie bei
Conrad und Coppola ist da nichts, das Herz der Finsternis ist hohl.
Das Grauen! Das Grauen...
Bei
Conrad gibt es danach noch ein Kapitel, nach der furchtbaren Wahrheit kommt noch eine
gnädige Lüge. Die Frau des toten Kurtz besucht Marlow. Sie ist überzeugt, ihr
Mann sei der beste Mensch der Welt gewesen und habe sie abgöttisch geliebt.
Marlow verschweigt ihr alles, was er gesehen hat, und lügt, Kurtz’ letzte Worte
hätten ihr, seiner Frau gegolten (während er in Wirklichkeit das berühmte „Das
Grauen! Das Grauen..“ gesagt hat. Obwohl der unverbrüchliche Glaube dieser Frau
an ihren Mann nicht weiter weg von der Wahrheit sein könnte, wirkt ihre Liebe,
die nun für immer im Raum bleiben wird, trotzdem tröstlich. Lotz hat etwas ganz
Ähnliches gemacht. Dorsch bleibt bei Deutinger zurück um ihn zu schützen. Er
ist sicher, dass Pellner seinen Auftrag die Koordinaten von Deutingers
Aufenthaltsort durchzugeben, damit er via Luftangriff liquidiert werden kann,
nicht durchführen wird, wenn der Angriff auch Dorsch treffen müsste- so sicher
wie Kurtz’ Frau sich seiner Liebe war. Und er liegt genauso falsch. Aber die
letzten Worte des Stücks zeigen sein Vertrauen, das ist herzzerreißend- und
auch tröstlich:
Deutinger: Ich verstehe, dass es schwer war, nicht mit ihm zu gehen. Du hast
ja auch sowas zu ihm gesagt, bevor er ging.
Dorsch Was denn?
Deutinger: Du hast zu ihm gesagt, dass du die Hoffnung hast, dass ihr euch
immerhin erkannt habt, auch wenn du wüsstest, dass ihr keine Freunde geworden
seid.
Dorsch: Und was hat Pellner geantwortet?
Deutinger: Ich weiß nicht. Ich glaube, er hat gesagt „Mag sein“. Oder
irgendwas Ähnliches.
In Jena kann man dieser Geschichte in allen Details folgen. Die Aufführung ist lustig und verstörend und Lotz ein Hoffnungschimmer in einem Theaterjahr, in dem überall Eindeutigkeit auf den Bühnen verlangt wird - was dann tatsächlich oft zu Heuchelei führt.
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