Freitag, 12. April 2024

LA STRADA MOLESTA, VIRTUAL REALITY PERFORMANCE von Silvia Albarella

        

   © Silvia Albarella

 

Die virtuelle und begehbare Performance „La strada molesta“ von Silvia Albarella  ist etwas ganz Besonderes: eine 3D Welt, die nicht von einem Computerprogramm berechnet ist, sondern komplett von Hand gemalt. Und zwar zuerst als Entwurf jedes einzelnen Bildes- etwa wie ein gezeichnetes Storybord beim Film – diese Skizzen sind im Theater ausgestellt. Und dann noch einmal im Computer dreidimensional gemalt. Ich habe natürlich keine Ahnung, wie das geht, aber es sieht aus wie Skulpturen aus Pinselstrichen.

Obwohl man die Reise in der virtuellen Welt allein unternimmt, ist es doch eine öffentliche Erfahrung.  Es beginnt mit einer Einweisung für je zwei Besucherinnen durch eine Cyber-stewardess aus Fleisch und Blut (Yuko Matsuyama), die einem die Grenzen des Raumes erklärt, innerhalb derer man sich frei bewegen kann. Zwar kann man mit Hilfe eines Controllers, den man in der Hand hält, auch fliegen, aber für das Erlebnis ist das Selbst- Gehen wichtig. Es überzeugt nämlich das Gehirn wider besseres Wissen davon, dass, wenn die eigenen Schritten real sind, die Straße, auf der man sie tut, es auch sein muss. Man setzt die Brille auf und vor einem erscheint eine  schwebende Gestalt im wein-roten Ballkleid aus sich bauschenden Pinselstrichen, der man ins Innere des Straßengewirrs folgt.

Diese Straße, die Strada molesta, belästigt die Menschen, bedrängt sie, hält sie in ständiger Alarmbereitschaft. Silvia Albarella beschwört in dieser Performance die Atmosphäre herauf, die im Neapel ihrer Kindheit geherrscht hat: die Gewalt, die in der Luft liegt, das Marktschreierische, Heißblütige, den Machismo. Dabei hat sie nicht nur die Straßen Neapels aus ihrer Erinnerung gemalt, sondern auch Fotos aus dem heutigen Neukölln benutzt, das sie in vieler Hinsicht an ihre Gefühle in Neapel erinnert. In den Straßenschluchten tauchen verschiedenste Wesen auf, Modefigurinen und Vogelscheuchen, riesige Monsterköpfe, fluoreszierende Geister. Während die meisten Schöpfer virtueller Realität versuchen, dass ihre Welt so echt wie möglich wirkt, plastisch, plausibel und realistisch, benutzt Silvia Albarella eine ganz andere Ästhetik. Alles ist Skizzenhaft hingeworfen. Die Hauswände, zwischen denen man geht, lassen einen keineswegs glauben, dass sich dahinter reale Häuser verbergen. Es sind Kulissen, bemalte, mit Fotos beklebte Stellwände. Geht man um sie herum, zeigen sie ihre Hinterseite: flirrend weiße Leere. Die Grenzen der Figuren scheinen durchlässig, sie fordern einen dazu heraus, sie auszutesten. Und wirklich kann man direkt in ihr Inneres hineingehen, die sinnvolle Gestalt zerfällt, man findet sich in einem Wald aus Pinselstrichen, vor dessen Fremdheit man sich ängstigen, in dem man sich aber auch beschützt fühlen kann.

 Es gibt auch eine erzählende Stimme (Text: Maike Wetzel), die in einer unklaren Beziehung zur Straße steht. Sie spricht von Kindheitserinnerungen, von Gewalterfahrungen, aber sie stammt aus einem Land, in dem vor kurzem noch Krieg war, die Grenzen mit Blut markiert sind, also nicht aus Italien. Und es gibt eine Tonspur, mit Musik und Geräuschen: kreischende Bremsen eines Motorrads, ein Ball fliegt, ein Fenster zerbricht. Es gibt Splitter von Geschichten: ein Vater, der den Gürtel herausholt und zuschlägt, die dreckige, bunte Front eines Spielkasinos, die Fabel vom Frosch, der durch Strampeln Milch zu Butter macht und der sich so aus dem Krug retten kann, in den er gefallen ist.

Es sind Fragmente, die aufeinander antworten, sich widersprechen, oder schroff nebeneinanderstehen. Die fehlende Kohärenz zwischen Text, Ton und Bild treibt einen in eine rastlose Suche nach der Wirklichkeit hinter den Kulissen, die, so fühlt man, einfach da sein muss. Man beginnt unwillkürlich die vielen Leerstellen mit eigenen Erinnerungen und Träumen zu flicken und man gerät in einen Zustand, der erstaunlich nah an das Traumbewusstsein herankommt. Dabei fühlt man sich nicht wie in einem eigenen privaten Traum, sondern auf unklare aber bedeutungsvolle Weise als Bürger*in eines Raumes, in dem öffentlich geträumt wird. Silvia Albarella hat eine spannende künstlerische Vision des kollektiven Unterbewussten geschaffen.

Die Reise dauert nicht lang- 25 minuten- danach ist man merkwürdig erfrischt. Man fühlt sehr klar, dass man die Welt außerhalb der Brille ebenfalls selbst konstruiert, alles ist virtual reality-  mit oder ohne VR Brille, kein inneres Bild kommt ohne die eigene Konstruktion aus. Man erinnert sich, was man in der Schule gelernt hat: dass alles  aus Atomen und den Kräften zwischen ihnen besteht.  Dabei kann man den nächsten beiden VR Touristen zusehen, wie sie mit ihren Brillen durch die Strada molesta schlendern, plötzlich zusammenzucken- wahrscheinlich weil ihnen die Monster begegnet sind, und wie sie sich ihnen tapfer stellen – oder in sie hineinkriechen.

Silvia Albarella hat ein Erlebnis kreiiert, das einen durch seine offene skizzenhafte Qualität in sein merkwürdiges Inneres hineinzieht und einen verändert. Ihr gelingt, was T.S. Eliot seinen Lesern im wüsten Lands verspricht: I show you fear in a handful of dust.

 

 

Künstlerische Leitung/VR Bühnen-/Kostümbild Silvia Albarella Performance Yuko Matsuyama Künstlerische Mitarbeit/VR CyberRäuber (Björn Lengers, Marcel Karnapke) Text Maike Wetzel Soundcollagen Tobias Dutschke Assistenz Ivan Maaz Produktionsleitung Elisa Calosi Klangszenografie TAUCHER Sound Scenografy Stimmen Vernesa Berbo / Yvette Coetzee / Carla Ferraro Produktion Silvia Albarella 

 

Dienstag, 17. September 2019

Deutscher Buchpreis 2019 - Leseprobenheft- 4.und letzter Teil mit Shortlist Prognose


    

Ich muss von meiner teilweisen Kapitulation berichten. Je mehr Buchanfänge ich gelesen habe, desto unwirscher wurde ich. Ich wollte weniger und weniger drüber nachdenken, warum mir etwas nicht gefällt, mich nicht hineinzieht - und noch weniger wollte ich es formulieren. Bei den Buchanfängen, die ich mochte, wollte ich hingegen lieber sofort dieses Buch weiterlesen als nach einem neuerlichen Interruptus gleich wieder zum nächsten Anfang hüpfen. Das habe ich auch getan- ich habe inzwischen drei der Bücher gelesen (zwei davon,  Saša Stanišić- "Herkunft" und Angela Lehner "Vater unser", mochte ich sehr. Ulrich Woelks"Der Sommer meiner Mutter" hat mich nach einiger Zeit immer weniger überzeugt und zuletzt geärgert. Nora Bossongs "Schutzzone" bekomme ich in den nächsten Tagen und bin schon sehr gespannt)

Ich bespreche also nur noch ein paar Buchanfänge aus der zweiten Hälfte des Leseprobenhefts und werde dann- erleichtert- zum Lesen ganzer Bücher zurückkehren. Gelernt habe ich, dass mir die Stimme, der "Sound", eines Buches das Allerwichtigste ist, wenn ich die Autorin noch nicht kenne. Es ist wie ein erstes Rendezvous- entweder jemand ist mir sympathisch oder eben nicht. Damit meine ich nicht, dass mir die Figur des Erzählers oder die Hauptfigur sympathisch sein muss, sondern direkt der Autor oder die Autorin- und die muss "zu ihrer Stimme gefunden haben", damit ich sie überhaupt erkennen kann. Bei zwei Drittel der Buchanfänge in diesem Heft ist das nicht der Fall. Ich habe das Gefühl, dass sich da jemand verstellt, verrenkt, herumtüdelt, um mir oder irgendwelchen phantasierten Kriterien zu genügen, so dass ich ein wenig peinlich berührt bin und das Rendezvous so schnell wie möglich beenden möchte. Und ich merke auch, dass ich älter und verzopfter werde, ohnehin nur noch bereit bin, mich auf neue Autorinnen einzulassen, wenn "meine" Schriftsteller, die ich als meine Freunde betrachte, zu lange nichts Neues liefern und ich ohne Stoff dastehe. Frisch verlieben kann ich mich leider nur noch selten (zuletzt in Helen Oyeyemi- ist aber noch nicht heraus, ob es etwas Festes wird)- und bei den diesjährigen Gelonglisteten war diesbezüglich keine Kandidatin für mich dabei.

Hier also eine Auswahl aus der zweiten Hälfte- 1 meint immer, ob ich nach einer Seite weiterlesen würde 2 ob ich nach der ganzen Leseprobe gern weiterlesen würde.

 https://imageservice.azureedge.net/api/getimage?productId=27670794 Bildergebnis für schachinger nicht wie Bildergebnis für stanisic herkunftBrüderBildergebnis für sommer meiner mutter

Tonio Schachinger - "Nicht wie ihr" 

1: ja

2: ja

1: Das Innenleben eines österreichischen Fußballprofis- fiktiv, aber mitten unter die "Echten" hineingemischt. Das mag ich schon mal sehr, die Mischung aus echten Personen des öffentlichen Lebens und einer da hineinverpflanzten fiktiven Figur. (Habe ich bei Bolano lieben gelernt). Sehr direkter Ton, witzig-lakonisch, Wienerisch (obwohl hochdeutsch, aber in der Melodie der Sätze erkennbar- wir Österreicher*innen sind ja patriotisch und freuen uns wenn wir unsere Sprache lesen)

2: Die Hauptfigur wird einem schnell sehr sympathisch und im selben Zug wird klar, dass der Kerl ein übler Macho ist, überheblich usw.- sehr gut gemacht- bin schon mit ihm befreundet und er geht mir schwer auf die Nerven- ganz wie ein echter Freund also.
 

Norbert Scheuer "Winterbienen"

1: ja

2: nein 

(Fingierte) Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 44/45. Der Mann beschreibt, wie er mitten im Krieg Bienen züchtet, beschreibt seine Familie, Vater und Großvater waren ebenfalls Bienenzüchter, die Landschaft, die Auswirkungen des Krieges. Alles in sehr schöner Sprache- es birgt auch ein Geheimnis, das scheint mir ein wirklich sehr guter Text zu sein- nur leider nicht für mich. Für mich ist das einfach zu ruhig, zu undramatisch, ich kann aber spüren, dass das in diesem Fall ganz und gar an mir liegt und dass das ein Buch ist, das hohe Qualität hat und vielen Menschen gefallen wird.   

 Saša Stanišić "Herkunft"

1 und 2: ja und ja und habs auch schon getan

Stanišić ist das, was man im alten Sprachgebrauch als "geborenen Erzähler" bezeichnet. Er kann von allem und jedem so lebendig erzählen, dass man die Personen vor sich sieht, er übertreibt gerade soviel, dass man alles lustig und interessant findet und es gerade noch so glauben kann. Er ist ein Kaffeehaus oder Wirtshauserzähler, und man will sich jederzeit zu der Gruppe gesellen, die sich um ihn schart, will erfahren, was seine demente Großmutter alles erzählt und was sie vergessen und wie neu zusammengebastelt hat. Dies ist gar kein richtiger Roman, sondern eine Mixtur aus Familiengeschichten und einem Essay über Herkunft- und ich widerspreche ihm bei so ziemlich jeder seiner Erkenntnisse, und zwar während ich es lese "Blödsinn!" sage ich laut- "du widersprichst dir und merkst es nicht einmal!"- streite also laut mit ihm und lese weiter- eine sehr angenehme Leseerfahrung!

 Jackie Thomae "Brüder"

1: ja

2: nein

1: Angenehmer, lakonischer Ton...
2:... aber etwas fehlt. Der Junge, von dem da erzählt wird, interessiert mich einfach noch nicht genug. Ist nicht mein Typ - so ein cooler kurz vor Ende DDR. Vielleicht bin ich aber eben auch nur buchanfangsmüde- s.o.  Ich werds in ein paar Wochen nocheinmal probieren,

Ulrich Woelk "Der Sommer meiner Mutter

1: ja 
2: ja

"Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben." Schockierender Anfang - die Erzählung springt zurück, der dreizehnjährige Sohn ist Icherzähler- und am Anfang ist die spießige Kleinfamilienidylle in einem Vorort von Köln natürlich deshalb interessant, weil man weiß, dass in wenigen Monaten dieses Unglück hereinbrechen wird. Der Junge ist extrem naiv, macht in diesem Sommer seine ersten sexuellen Erfahrungen und begreift weder was in ihm selbst vorgeht, noch was mit den Erwachsenen los ist. Das ist am Anfang plausibel, aber dann wird es immer konstruierter. Von mir selbst und vielen Anderen kenne ich die drängenden Fragen, die man am Beginn der Pubertät über alles hat, und dass dieser Junge so gar keine Neugier über das Innenleben der Menschen entwickelt, wirkt zunehmend enervierend, irgendwann eitel und letzlich einfach falsch. Die zu Anfang gewährte Suspension of disbelief nehme ich als Leserin wieder zurück. 


Meine Shortlist - Wunschkandidaten:

Saša Stanišic, Nora Bossong, Angela Lehner und Tonio Schachinger

Meine Shortlist- Prognose: 

Saša Stanišic, Nora Bossong, Norbert Scheurer, Ulrich Woelk, Marlene Streeruwitz und Miku Sophie Kühmel oder Jackie Thomae.

Der oder die Gewinnerin sollte unter den ersten Dreien sein.  Saša Stanišic ist schon zum dritten Mal nominiert- "Herkunft" finde ich von seinen drei Büchern das schwächste- trotzdem wäre es wirklich angemessen, wenn er ihn bekommt. Nora Bossong gefällt mir vom Anfang her sogar noch besser- und ich denke auch vielen Anderen- aber ich weiß noch nicht, wie das Buch weitergeht. 

P.S.: Und wenn ich die Jury wäre, wäre ich über die Beleidigungen in der Zeitung so böse, dass ich Karen Köhlers "Miroloi" justament auf die Shortlist setzen würde. Aber die sind ja vielleicht nicht so trotzig und kindisch wie ich.... Morgen Mittag wird man es sehen.

 










Freitag, 6. September 2019

Deutscher Buchpreis 2019 - Longlist Leseproben Teil 3 ( Lehner, Maeß, Osang)


Weiter gehts mit dem dritten Teil des Leseprobentests. Ich frage mich 1: würde ich nach einer Seite weiterlesen 2: würde ich nach der Leseprobe im Heft das ganze Buch lesen wollen?

Hier war Teil 1 und hier Teil 2.

Angela Lehner Vater unser 

1:ja

2:ja

1und 2 : Perfekt für mich - und sicher auch für viele Andere. Für das Thema bin ich Spezialistin: Die Icherzählerin ist eine junge, eloquente Manikerin, die gerade in der Psychiatrischen Anstalt eingeliefert wurde und jetzt das Erstgespräch mit ihrem zuständigen Arzt führt. Ich kenne sowohl die Wiener Psychiatrie - das berühmte Otto-Wagner-Krankenhaus "Am Steinhof"-  von innen, als auch das Kopfrasen in der Manie. Wäre da irgendwas in meinen Augen "nicht ganz richtig", würde ich sofort herumpingeln. Ist es aber nicht, Angela Lehner trifft alles perfekt. Wie die Icherzählerin sich innerlich über alles lustig macht, den Arzt an der Nase herumführt (denkt sie jedenfalls), ohne jedes Gefühl für die Mieslichkeit ihrer Lage die ganze Anstalt in einen grandiosen inneren Vergnügungspark für sich selbst und die Leser*innen-komplizen verwandelt- das ist herrlich. Nach fünf Seiten ist noch alles möglich: das kann so lustig weitergehen oder irgendwann in eine furchtbare Katastrophe kippen- mir wäre beides Recht. Das Buch ist schon bestellt! (Und inzwischen auch für den Österreichischen Buchpreis nominiert.)


EMANUEL MAESS Gelenke des Lichts 

1: jein

2: ja

1:  Da sitzt ein Icherzähler und plaudert mit sich selbst über den Mond. So gehts los: "Vor einigen Jahren, als ich einen Abend lang vergeblich auf Dich wartete, ergab sich die Gelegenheit, wieder einmal einem Mond zuzusehen." Ihm ist also romantisch zu Mute und dann ironisiert er das sofort wieder- in endlosen und in der Mehrzahl tatsächlich gelungenen Wendungen. Das ist eine sprachliche Angeberei höchster Güte- denn natürlich ist es schon schwer, auch nur einen einzigen Satz über den Mond zu schreiben, der nicht völlig abgedroschen ist- geschweige denn drei (!) Seiten über nichts Andreres herumzumäandern. Man kann und muss schon den Hut ziehen- andererseits ist es natürlich so eitel und leer und unangemessen für die Figur- die ein noch sehr junger und sehr verliebter Bub sein soll- dass das in seiner Verkehrtheit nervt, aber man kann es auch schon wieder lustig finden. Ein sehr langer manieristischer Sermon eben. 

2: Seite zwei und drei: immer noch Mond. Gekonnt, wie der Autor Vorwürfe, von denen er ahnt, dass die Leser sie machen werden, vorwegnimmt und sie seinerseits an den Mond richtet:
"Gelassen und ein wenig selbstgefällig ging er über meiner wachsenden Ungeduld..auf". ... "Vielleicht schleppte er ein bisschen viel Biedermeier mit sich herum und für den Anlass zu grelles Silber" ("Oh ja!!! Allerdings!"denkt die Leserin- und muss dann natürlich lachen. Noch mehr Mond hätte ich nicht mehr vertragen. Muss aber aus sehr persönlichen Gründen weiterlesen: auf Seite 4 erfährt man endlich, wo der Junge ist: in einem heruntergekommenen Strandhotel, in den 80er Jahren, das in der DDR zu einem Arbeiterferienheim umfunktioniert wurde. Da der Roman, an dem ich schreibe, "Grand Hotel Walfisch", in einem heruntergekommenen Strandhotel spielt, das in der DDR zu einem Arbeiterferienheim umfunktioniert wurde, (allerdings ist "meins" ein ehem. Grandhotel mit einer phantastischen Kuppel!) muss ich jetzt natürlich weiterlesen. Tatsächlich beginnt mich der Roman jetzt auch zu interessieren- ob das auch Leuten so geht, die nicht gerade selbst über so ein altes Strandhotel schreiben, kann ich nicht beurteilen- dazu fehlt mir die nötige Distanz.

 alexander osang Die Leben der Elena Silber

1:ja

2:ja 

1: "Sina Krasnowa schob die letzten Scheite in den Ofen, als sie draußen in der Stadt ihrem Mann einen Holzpfahl in die Brust schlugen." Na, das ist jedenfalls ein entschlossener Anfang. Nicht drauf aus, zu zeigen, wie fein der Autor Sätze drechseln kann, sondern dazu da, die Leser*innen mit sofortiger Wirkung zu beeindrucken und zu fesseln. Und das funktioniert auch.

2: Der Anfang spielt in Russland - wahrscheinlich vor der Oktoberrevolution. Nach etwa drei Seiten springt die Erzählung nach Berlin in die Jetzzeit. Wahrscheinlich ist das dieselbe Familie- die Geschichte der Großeltern damals und des Enkels jetzt. Ein Panorama des Jahrhunderts also. Der Stil: fast nur Hauptsätze, eine schnelle folge, eingängige Bilder, "süffig"- das ist ein Unterhaltungsroman. Und als solchen will ich ihn auch gern lesen.


Mein Ergebnis zur Halbzeit: 

Bisher hat mich keiner der Buchanfänge so begeistert, dass ich gedacht hätte: das ist es! Das muss den Buchpreis bekommen.  Auf die Shortlist wünsche ich mir bisher die Bücher von Nora Bossong und Angela Lehner.

>
<div style='clear: both;'></div>
</div>
<div class='post-footer'>
<div class='post-footer-line post-footer-line-1'>
<span class='post-author vcard'>
Eingestellt von
<span class='fn' itemprop='author' itemscope='itemscope' itemtype='http://schema.org/Person'>
<meta content='https://draft.blogger.com/profile/15134710615100816436' itemprop='url'/>
<a class='g-profile' href='https://draft.blogger.com/profile/15134710615100816436' rel='author' title='author profile'>
<span itemprop='name'>g.</span>
</a>
</span>
</span>
<span class='post-timestamp'>
um
<meta content='http://gretelwallfisch.blogspot.com/2019/09/deutscher-buchpreis-2019-longlist.html' itemprop='url'/>
<a class='timestamp-link' href='https://gretelwallfisch.blogspot.com/2019/09/deutscher-buchpreis-2019-longlist.html' rel='bookmark' title='permanent link'><abbr class='published' itemprop='datePublished' title='2019-09-06T00:04:00+02:00'>00:04</abbr></a>
</span>
<span class='post-comment-link'>
<a class='comment-link' href='https://gretelwallfisch.blogspot.com/2019/09/deutscher-buchpreis-2019-longlist.html#comment-form' onclick=''>
Keine Kommentare:
  </a>
</span>
<span class='post-icons'>
<span class='item-action'>
<a href='https://draft.blogger.com/email-post/9075782930909587991/8505777700563995322' title='Post per E-Mail senden'>
<img alt='' class='icon-action' height='13' src='https://resources.blogblog.com/img/icon18_email.gif' width='18'/>
</a>
</span>
<span class='item-control blog-admin pid-1876605396'>
<a href='https://draft.blogger.com/post-edit.g?blogID=9075782930909587991&postID=8505777700563995322&from=pencil' title='Post bearbeiten'>
<img alt='' class='icon-action' height='18' src='https://resources.blogblog.com/img/icon18_edit_allbkg.gif' width='18'/>
</a>
</span>
</span>
<div class='post-share-buttons goog-inline-block'>
<a class='goog-inline-block share-button sb-email' href='https://draft.blogger.com/share-post.g?blogID=9075782930909587991&postID=8505777700563995322&target=email' target='_blank' title='Diesen Post per E-Mail versenden'><span class='share-button-link-text'>Diesen Post per E-Mail versenden</span></a><a class='goog-inline-block share-button sb-blog' href='https://draft.blogger.com/share-post.g?blogID=9075782930909587991&postID=8505777700563995322&target=blog' onclick='window.open(this.href,

Dienstag, 27. August 2019

Deutscher Buchpreis 2019- Leseprobenheft Teil 2 (Grill, Köhler, Kühmel)

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis ist da, es gibt wieder ein gratis Heft mit Leseproben (Hier gibts eine Liste der Buchhandlungen, in denen man es sich holen kann). Unter dem Motto "Testet die Anfänge" stelle ich mir bei jedem Text zwei Fragen:
1: Würde ich nach der ersten Seite weiterlesen? Ich persönlich entscheide normaler Weise immer spätestens nach einer Seite.
2: Würde (oder werde) ich nach der ganzen Leseprobe in diesem Heft weiterlesen ? 
Ich beantworte diese Fragen spontan und versuche dann herauszufinden, was es war, das mich zu diesen Entscheidungen gebracht hat. Das ist natürlich vollkommen subjektiv, hat nichts mit seriöser Kritik zu tun und ist auch noch von meiner jeweiligen Augenblicksverfassung abhängig. Umso mehr würde ich mich über  Kommentare freuen.

Ich bespreche die Proben in Dreierschippeln. Hier war Teil 1. Jetzt folgt Teil 2:





ANDREA GRILL Cherubino

1: nein

2: nein

1:Der erste Absatz irritiert mich gleich schrecklich: "Sie sah wieder aus dem Fenster. Grün, unerwartet grün, auch hier. Grashalme spiegelten sich in den Fliesen der Fensterbank, und da, auf den lanzettförmigen Silhouetten, lag der Stab. Er würde zeigen, ob sie recht hatte." Ich bin völlig ohne Orientierung: wo ist die Protagonistin? Und was ist das für ein mysteriöser Stab? Zwei Absätze später stellt sich heraus: die Frau ist auf dem Klo einer Konditorei und der mysteriöse "Stab" ist ein Teststäbchen von einem Schwangerschaftstest. Der wabernde Nebel der Unklarheit spiegelt dabei nicht etwa den Geisteszustand der Protagonistin wieder, sondern wird von einer auktorialen Erzählerin eingesetzt, die offenbar meint, Leser*innen, würden einen Text, bei dem man nur Bahnhof versteht, automatisch für literarisch wertvoll halten.

2: Prätentiös gehts auch weiter. Eine Erinnerung- nicht etwa ans Schwangerwerden- sondern an den Moment, als sie den Test gekauft hat- und wo nichts weiter passiert ist; als dass sie den Test gekauft hat. Allerdings: 
"Hinter der Apotheke ließ sich eine Landschaft ausklappen." Was soll denn das nun wieder heißen? Wieder kein Paralleluniversum, sondern ein Fenster, durch das sie eine Wiese sieht. Bilder, die so schief sind, dass man sich die einfachsten Dinge nicht vorstellen kann..... Ärgerlich. 

KAREN KÖHLER Miroloi 

Der Sturm, den die Nominierung dieses Buchs im Feuilleton ausgelöst hat, war so groß, dass es mir nicht gelungen ist, ihn zu ignorieren. Die Kritker*innen halten es in der Mehrzahl für unglaublich schlecht und weil so etwas für den Buchpreis nominiert ist, sehen sie die Welt der Literatur endgültig untergehen. Hier Marlen Hobrack im Freitag über die Kriterienkrise.
Ich war also natürlich gespannt, wie das klingen würde.

1: ja

2: vielleicht

1: Ich lese schon deshalb weiter, weil ich noch nichts so furchtbar Schlechtes gefunden habe, wie ich es nach der Aufregung in den Kritiken erwartet habe. Als Leserin folge ich dem  inneren Monolog einer jungen Frau, die in einem archaischen Dorf den Berg hinaufhumpelt. Die Beschreibung der Landschaft passt zu einer griechischen Insel. Die Frau ist ein Findelkind von "drüben", gilt als hässlich und ist ein Außenseiter, und ist innerlich voller Wut. Das finde ich erst einmal interessant. Und - ja- sprachlich ist das ein bisschen holprig, diese Frau soll gleichzeit einfach und doch poetisch denken, aber es entgleist seltener als manche andere Anfänge von Büchern auf der Longlist und hat einen schönen Rhythmus.

2: Obwohl es mir bisher (Seite 5) beiweitem nicht so missfällt wie dem Gros der Kritikerinnen, drängt es mich auch nicht wirklich zum Weiterlesen. Das liegt, glaube ich, daran, dass die Protagonistin die Zustände an diesem archaischen Ort von Anfang an schrecklich findet- und nicht nur ihre persönliche Lage. Sie hat in gewisser Weise einen Blick von außen, obwohl sie den Ort ja noch nie verlassen haben soll, und dadurch ist die Geschichte zu wenig glaubwürdig um mich hineinzuziehen.


miku sophie kühmel  Kintsugi

1: ja

2: ja 

1: Sprachlich ist das schon wieder ein überinstrumentierter Text voller gesuchter Formulierungen. (Es scheint eine Trendwende zu geben, die lakonische Hemingway Sprache, die jahrzehntelang state of the art war, scheint bei den Debütant*innen passé zu sein. Schade) ABER: hier gibts eine interessante Konstellation. Zwei Männer in den Dreißigern kommen in ihrem Wochenendhaus an. Sie sind schon länger ein Paar, nett und kultiviert, aber unterschwellig gehen sie sich gegenseitig schon gehörig auf die Nerven.  Da will ich sofort wissen, wie es weitergeht.

2: Alles wie bei 1. Die Sprache immer noch überladen- dann auch noch vom Lektorat übersehene Wiederholungen- aber die Spannung zwischen den beiden Männern steigt. Zuerst ist man in den Gedanken des einen, den die minimalistische  Feng-shui Ästhetik seines Freundes schön langsam in den Wahnsinn treibt. Und gerade rechtzeitig, kurz bevor man den Feng-shuianer überhaupt nie mehr würde leiden können, wechselt man in dessen Innenperspektive, aus der natürlich alles ganz anders aussieht. Das Drama des ganz normalen Lebens- auf Seite 5 will ich immer noch wissen wies weitergeht und habe mich daran gewöhnt, die Adjektivhäufchen zu überlesen.

Hier gehts weiter zu Teil 3.

 

Freitag, 23. August 2019

Deutscher Buchpreis 2019- Leseprobenheft zur Longlist. Teil 1


 Die Longlist für den Deutschen Buchpreis ist da und es gibt wieder ein gratis Heft mit Leseproben aus den 20 nominierten Büchern. Hier gibts eine Liste der Buchhandlungen, in denen man es sich holen kann. Ich habe meins wie immer aus der Buchhandlung OCELOT in der Berliner Brunnenstraße.

Ich werde wieder die 20 Buchanfänge lesen und je zwei Kommentare abgeben:

1: Würde ich nach der ersten Seite weiterlesen? . Ich persönlich entscheide normaler Weise immer spätestens nach einer Seite.

 2: Würde (oder werde) ich nach der ganzen Leseprobe in diesem Heft weiterlesen ? Die Proben scheinen immer die tatsächlichen Buchanfänge zu sein und sind jeweils ca. 5 Seiten lang.
Falls ich schon etwas über die Bücher weiß- zB schon Kritiken gelesen habe-  werde ich versuchen, es bei der Lektüre der Anfänge zu vergessen. Nur eins der Bücher ("Herkunft" von Sasa Stanisic) habe ich schon zur Gänze gelesen- da werde ich versuchen, mich an das erste Lesen des Anfangs zu erinnern.

Ich werde spontan entscheiden, ob ich weiterlesen will und dann "in mich gehen" und kurz beschreiben, wie meine Entscheidung zustande gekommen ist.

Wenn ich alle durchhabe, werde ich meinen Tipp für die  Short-list abgeben. Über Diskutanten, Mit-  und Gegentipper in den Kommentaren würde ich mich freuen!

Ich gehe nach der Reihenfolge im Buch vor. Die ist alphabetisch.

NORA BOSSONG   Schutzzone

1: ja

2: ja

1: Der Text nimmt mich sofort für sich ein, trifft den richtigen Ton. Eine Person spricht vom Ankommen in Burundi im Jahr 2012; davon, wie unterschiedlich die Menschen das Land wahrnehmen: 
".. und die einen sahen zuerst die Schönheit der grünen Hügel, die anderen den Konvoi mit den Flüchtlingen, die zurückgeführt wurden, und keine Meldestelle hatte offen, sie wurden einfach von der Laderampe ins Nichts entlassen, und das Nichts war ebenfalls grün, und das Grün war schön, man möchte mit der Hand über die Hügel streichen, so schön sind sie, wie über die Wange eines Geliebten...".
Die Stimme vermittelt sehr eindrücklich das gleichzeitige Eintauchen in eine menschenfeindliche, chaotische Situation und in die magische Schönheit Afrikas. Indem die Erzählerin lange nur von "den einen" und "den anderen" spricht,  bevor das erste Mal ein "ich" auftaucht, zieht sie mich in die Widersprüche hinein und in die Unmöglichkeit überhaupt noch ein konsistentes Gefühl zu haben.  Wie sie mitten im Satz vom Imperfekt in die Gegenwart rutscht:  "..und das Grün war schön, man möchte mit der Hand über die Hügel streichen, so schön sind sie"- das erwischt mich sofort- ich will weiter hören, was sie erzählt. 

2: Es geht genauso an- und hineinziehend weiter: scheinbar ungeordnet bekommt man eine Menge Informationen: Burundi, sie war Teil einer UN Kommission, "damals dachten wir noch..." Menschenrechtsverletzungen, ein Tribunal, ein Abgeordneter, den sie für einen von den Guten hält, eine Frau, die ihre Hand hält und sagt: "Aber es wird ein Urteil geben?". Die Fakten erscheinen nur spärlich und diskontinuierlich im Text, dessen eigentliches Thema ihr Bewusstseinszustand zu sein scheint. Auch das gefällt mir sehr, dass ich nicht belehrt werde. Ich schaue bei Wikipedia nach, wie 2012 die Lage in Burundi war- bin angeregt und interessiert- und habe beschlossen, das Buch zu lesen.


JAN PETER BREMER  Der junge Doktorand

1: nein

2: nein

1: Der Tonfall irritiert mich. Zwar gibts Gründe für das tüddelige Biedermeiern mit den viel zu vielen Adjektiven- es ist Rollenprosa einer ältlichen Dame, aber die Dame ist nicht allein Schuld,  ich spüre den Autor, der ihr über die Schulter schaut, sich dann zu mir, der Leserin, umdreht, und möchte, dass ich über seine Figur schmunzle. Und: nein danke!  Schmunzeln will ich nicht.

2: Es bleibt auch auf den nächsten Seiten so. Es stellen sich zwar  schon eine paar Fragen, die einen zum Weiterlesen bringen könnten, wenn man sich denn für die beiden Figuren- die ältliche Dame und ihren Gatten- interessieren würde. Tu ich aber leider nicht, sie gehen mir auf die Nerven und ich verlasse sie bei nächster Gelegenheit. 

RAPHAELA EDELBAUER  Das flüssige Land

1: ja

2: nein

1: Auf der ersten Seite wird man von einer Metaphernlawine überrollt, dass einem die Hirnwindungsknie nur so schnackerln. Der oder die Erzählerin- Geschlecht noch nicht definiert (find ich gut!)- geht durch seinen Heimatort, der über einem gigantischen Hohlraum steht und dessen Gebäude immer mehr absacken. Dieses Loch ist in einem einzigen Absatz beschrieben als "wie ein unterirdisches Myzel", "ein unter der Gemeinde schwelendes Aneurysma", "ein Abyss", "ein unendliches Ausatmen des Landes, dessen Brustkorb sich bis an die Rippen senkte" (wie soll das gehen? der Brustkorb wird durch die Rippen gebildet ...) usw. Das geht also öfter schief als dass es klappt und kaum sitzt ein Bild, wird es schon vom nächsten erschlagen. Allerdings gefällt mir das Ambitionierte und die unerschrockene sprachliche Krafthuberei. Ich lese weiter um zu sehen wo das hinführt.

2: Leider geht es auf den nächsten vier Seiten so weiter- nach einem kurzen Einschub, in dem der oder die Erzählerin in der Apotheke große Mengen Codein kauft und ich auf den Beginn einer Handlung hoffe, kehrt der Text zurück zum Metapherngeröll über Abgrund und Höhle. Jetzt wirds mir zu lang und ich will nicht mehr weiterlesen. Hätte ich das ganze Buch, würde ich allerdings nach vor blättern und schauen, ob es mich zehn Seiten weiter doch noch interessiert.


Dienstag, 7. August 2018

Ab jetzt: Bonusmaterial zu Nachtkritiken

Ich schreibe nun seit zweieinhalb Jahren Theaterkritiken für die Seite nachtkritik.de. Diese Kritiken werden direkt in der Nacht nach einer Premiere verfasst und müssen um sieben Uhr Früh in der Redaktion eintreffen. Um 9 Uhr stehen sie dann im Netz- Samstag und Sonntag um 10:00. Sie sollten die Länge von 4.500 Zeichen nicht überschreiten, das scheint genug Platz für eine ausführliche, fundierte Besprechung zu sein- nur ist das Eindampfen eines Textes auf eine verlangte Länge der schwerste Teil des Schreibens, jedenfalls für mich.  Ungefähr eine Stunde vor dem Abgabetermin schaue ich meist auf den Wortzähler, ich bin da schon völlig übernächtigt, alles ist von weißen Flimmerlinien umrahmt, und sehe unter "Zeichen mit Leerzeichen" mit Entsetzen eine Zahl irgendwo zwischen zehn und fünfzehntausend. Mehr als das Doppelte vom Erlaubten! Torschluss panik. Ich werde es nicht schaffen, all das was ich unbedingt sagen wollte, unterzubringen. Binnenkürzungen reichen nicht, ein oder sogar zwei große Gedankenblöcke müssen komplett raus. Was dann unter den Tisch fällt, sind oft Überlegungen, die mir in meinem dann schon halbdeliranten Zustand als die bedeutendsten vorkommen, und nahezu jedesmal, wenn ich die Kritik abschicke,-meist sind es immer noch 1000 Zeichen zu viel, was die diensthabenden Editoren zur Weißglut treibt, - ärgere ich mich furchtbar über mich selbst, dass ich das, was mir wichtig war, wieder einmal nicht unterbringen konnte. 
                  Am Anfang habe ich immer inständig gehofft, dass irgendein*e Kommentator*in mich missverstehen und mir die Möglichkeit geben würde, zu antworten und mich ausführlich über irgendwas auszubreiten, das ich in der Nacht hatte streichen müssen. Die menschenfreundlichen und langmütigen Redakteur*innen haben mich machen lassen, haben aber auch durchblicken lassen, dass sie das nicht gerade elegant fänden. Und 24 Stunden nach dem Erscheinen interessiert die Kritik ohnehin keinen mehr, außer vielleicht die beteiligten Künstler - und mich. Mir gehen diese nicht untergebrachten Reste und Gedankenfetzen oft tage- und wochenlang im Kopf herum. Deshalb werde ich ab jetzt ab und zu „Bonusmaterial“ zu meinen nachtkritiken auf meinem Blog veröffentlichen. Verspätet, unaktuell und unstrukturiert- für alle, die es vielleicht doch noch interessiert. 

Hier wird die aktuelle Liste der Bonuseinträge und der ursprünglichen Kritiken stehen. Den Anfang macht morgen ein Interview mit dem Komponisten Günther Rabl, dem Hausherrn des "Wirtshaus zur letzten Latern".

Sonntag, 10. September 2017

Deutscher Buchpreis Longlist Das Leseprobenheft Teil 4

Würde ich weiterlesen?
1: nach einer Seite
2: nach der Leseprobe im Heft
hier: Teil 1(Bonné, Falkner, Franzobel), Teil 2 (Helfer, Höthker, Lehr)Teil 3 (Lüscher, Menasse, Müller-Wieland)

JAKOB NOLTE  Schreckliche Gewalten

1:ja 
2:ja

Disclosure: In dem Fall habe ich tatsächlich sowohl nach einer als auch nach fünf Seiten weitergelesen, und dann auch gleich das Buch zu Ende. Da probiert einer mal was völlig anderes. Der erste junge Hund hier unter den ganzen alten Hasen und Häsinnen.
Es geht um die Lebensgeschichte der Zwillinge Iselin und Edvard, deren Mutter sich in einen Werwolf verwandelt und den Vater zerfleischt. Später stellt sich heraus, dass die Kinder selbst, genau wie sie befürchten- Achtung Spoiler!:  Shapeshifter sind.
Die Schwester wird Mitglied einer russischen Pussy Riot artigen Gruppe, der Bruder lebt später in einem Hyänenrudel. Nicht so ganz das übliche Milieu, in dem deutsche E-Literatur sich bewegt. Bei den Amerikanern gibts natürlich eine solide Lineage an Trash Romanen und Filmen in dieser Richtung. Es erinnert (und will - ehrgeizig- erinnern :-)) z.b.an die frühen Stories von David Foster Wallace, die Filme von Cronenberg, in letzter Zeit an die Geschichten von George Saunders. In Ö an die Geschichten von Clemens Setz. Und, na klar, an die vielen verschiedenartigen Shapeshifter in "True blood".
Stil: kann man auf zwei Arten lesen. Als Sprache, mit der da ein ziemlich angeberisches, komisches, speerspitzig junges Talent auf die Kacke haut, dass es nur so spritzt und doch immer cool bleibt. Oder als hochinteressanten Versuch die innere Konstruktion der Protagonisten in der Sprache abzubilden- also die Dinge so zu erzählen, wie Wesen sie erleben würden, die so intelligent sind wie Menschen, aber von der Gefühlskonstruktion den Tieren entsprechen, in die sie sich eventuell verwandeln. dh: amoralisch sind, aber loyal den Familienmitgliedern gegenüber. Alles, was mit Sex und Konkurrenz und Status und Familenbanden zu tun hat, ebenso leidenschaftlich verfolgen wie Menschen es tun - nur "romantisch glotzen" können sie schon von ihrer Konstitution her nicht.

Hochinteressante Etüde. Lustig auch. Und am Ende- im Hyänenrudel- dann auch noch unerwartet rührend.  Leseempfehlung. Für das Ganze.

Wünsche ich mir auf der Shortlist.

MARION POSCHMANN  Die Kieferninseln 

1: ja
2: nein

1: Ein Mann träumt, seine Frau hätte ihn betrogen. Glaubt felsenfest, dass der Traum ihm die Wahrheit gezeigt hat, stellt seine Frau zur Rede und verlässt sie. Sehr schöne Sprache, rhythmisierte Dialoge, die Sprache zieht einen weiter.

2: Die Sprache bleibt schön und ungewöhnlich. Trotzdem interessiert mich die Sache nach ein paar Seiten einfach nicht mehr. Schwer zu sagen warum. Vielleicht ist es ja auch die Zusammenstellung des Heft, vielleicht bin ich nach Werwölfen und allen Arten von Shapeshiftern von einem Mann, der nur im Flugzeug sitzt und von seiner Frau wegfliegt, einfach nicht zufrieden zu stellen.
Dieses Leseprobenheft hat seine Tücken, sobald man mehrere Texte hintereinanderliest, treten sie miteinander in Beziehung- was manchen nützt, anderen schadet.

KERSTIN PREIWUSS Nach Onkalo

1: nein
2: nein

Ein dröger Protagonist, ein Simpel. Geschrieben in diesem trocken sein wollenden Schreibschulstil. Nix für mich.




Mittwoch, 6. September 2017

Deutscher Buchpreis Longlist Das Leseprobenheft 3

1: ob ich nach einer Seite weiterlesen würde
2: ob ich nach der Probe im Leseprobenheft weiterlesen würde

JONAS LÜSCHER Kraft

1: ja
2: ja

1:  Seite eins macht Spaß.
Der Protagonist, Kraft, sitzt an einem Schreibtisch, kommt nicht weiter, starrt auf ein Porträt von Rumsfeld. Es folgt eine sehr pointierte, angenehm bösartige Beschreibung des Porträts-  in einer leicht altertümlichen Sprache mit arg verschachtelten Langsätzen. Aber anders als bei Gerhard Falkner (in Teil 1 meiner Longlistleseprobenbesprechung hier) erklärt hier schon der zweite Absatz, warum der Icherzähler so formuliert. Er sagt - im Kopf- zum an der Wand hängenden Rumsfeld:

"Dir zum Trotz werde ich nach einem europäischen Ton suchen".

 2: 
 Schon auf Seite 2  erfährt man, worum es geht: Kraft sitzt an diesem amerikanischen Schreibtisch, weil er die Preisfrage des "Amazing Future Fonds" zu beantworten versucht:
"Optimism for a young millenium-Why whatever is is right and why we still can improve it".
Dem Gewinner winken 1 Million Dollar und Kraft ist pleite.

Philosophiesatire also. Interessant, sowas gibts selten. Will ich lesen.

ROBERT MENASSE  Die Hauptstadt

1: jein
2: ja

1: "Da läuft ein Schwein" . Das ist der erste Satz, arg auf Effekt gebürstet. Funktioniert wie geplant, ich habe ihn schon an allen Ecken und Enden zitiert gehört. Eine Stadt also - Brüssel- und ein Schwein läuft herum. Auf Seite eins wird die erste Figur eingeführt, ein älterer Herr, der gerade aus seiner Wohnung auszieht und unten auf der Straße eben das Schwein. Ich bin gespalten-  natürlich finde ich das auch lustig, natürlich ist das der bisher spektakulärste erste Satz. Aber diese Haha mit dem mir dieser erste Satz seinen Ellbogen in die Rippen rammt ... ich weiß nicht recht. Aber ja, ok, wahrschweinlich lese ich weiter.

2: Das Schwein rennt also an einer Figur des Romans nach der anderen vorbei, so dass man auf Seite fünf bereits sechs Figuren kennen gelernt hat, anhand ihrer Reaktionen auf das Schwein. Das Schwein ist Zeremonienmeister und Fleisch gewordene Metapher- die Sau, die durchs Dorf gejagt wird. Vermutlich typisch österreichischer Humor, auf den ich wohl so säuerlich reagiere, weil ich selbst Österreicherin bin. Ich weiß, dass das "der große Roman über die EU" ist, dass Menasse jahrelang in Brüssel dafür recherchiert hat. Ich habe auch seine Essays über die EU gelesen- also lese ich weiter. Ja eh.

BIRGIT MÜLLER-WIELAND  Flugschnee

1: nein
2: nein

1 und 2:  Ist mir zu poetisch, zu schwül, zuviel schwebend wollendes Gefühl. Nix für mich.

Dienstag, 5. September 2017

Deutscher Buchpreis Longlist Das Leseprobenheft Teil 2

Ich lese die Proben im Leseprobenheft, und befrage mich, ob ich das jeweilige Buch gern weiter lesen würde- 1: nach einer Seite 2: nach dem Lesen der fünfseitigen Probe im Heft.

Heute Helfer, Höthker, Lehr. Teil 1 hier.

MONIKA HELFER Schau mich an, wenn ich mit dir rede!

1: Ja
2:  Vielleicht

1: Es beginnt mit einer sehr prägnanten Szene. Die Erzählerin sitzt in der U-Bahn einer Mutter und ihrer Tochter gegenüber. Die Mutter hackt auf der Tochter herum:

"Wie heißt deine neue liebe, liebe Mama? Ich vergesse ihren Namen immer, weil er so blöd ist."
Das Kind zog den Kopf ein. Sagte aber nichts. 

Genau beobachtete Situation, ausgezeichnete Dialoge. Schrecklich für das Kind, die Mutter kann man aber auch verstehen. Ich würde weiterlesen um herauszufinden, was mit dem Kind passiert.


2: Es gibt noch eine zweite  Ebene: den Gedankenstrom der Erzählerin.  Sie überlegt, wie sie die Szene verfilmen würde, schwarz weiß, wie einen Brüder Coen Film, wie sie die Figuren nennen würde usw. Das stört mich am Anfang ein bisschen, dann immer mehr. Es wirkt ein bisschen gekünstelt auf mich, weil man das heutzutage halt so macht, Relativierung, Distanz usw. Auf Seite vier steht es dann so langsam so, dass mich die Erzählung darüber, wie das alles im Kopf der Erzählerin konstruiert wird, daran hindert, mich auf die Geschichte von Mutter und Tochter einzulassen. Nun könnte ich stattdessen mit der Erzählerin mitfühlen, nur gibts da - bis Seite fünf- nichts, womit man mitfühlen könnte. Die Erzählerin hat bis dahin kein Eigenleben, mein Interesse für das, was sie erzählt, nimmt also immer mehr ab, das für das Schicksal der Erzählerin aber nicht zu. In Summe wird mein Interesse insgesamt weniger. Wenn sich an der Erzählbewegung nicht bald was ändert, würde ich aufhören zu lesen, obwohl mich der Anfang gleich reingezogen hat.

  
CHRISTOPH HÖTHKER  Das  Jahr der Frauen

1: ja
2: ja

1: Die erste Seite besteht nur aus Dialog. Ein Mann mit seinem Psychotherapeuten, direkt nach Silvester. Der Therapeut fragt nach Vorsätzen. Drauf der Klient:

"Das Jahr hat zwölf Monate, richtig? Pro Monat werde ich versuchen, eine Frau zu verbrauchen. Wie hört sich das für Sie an?
"Das ist ein durchaus ...  ambitionierter Plan. Was versprechen Sie sich davon?"
"Absolut nichts." 

Falls er es schafft, das mit den zwölf Frauen, dann will er von seinem Therapeuten die Erlaubnis sich umzubringen.
Schnell, witzig, interessant- ich lese weiter.

2: Szene zwei- ab jetzt ist der Möchtegernselbstmörder der Ich-erzähler der Geschichte. Ich mag die Erzählerstimme sehr. Der Kerl ist total unsympathisch- aber auf sympathische Art. Einer von denen, die auch im Selbstgespräch nie aus dem zynischen Veleugnungsschwadronieren herauskommen, das sie selbst für elegante Ironie halten.  Was er als Antwort auf eine Kontaktanzeige schreibt, um die erste der zwölf Frauen an Land zu ziehen, ist haarsträubend. Sehr unterhaltsam- ich lese weiter.

THOMAS LEHR  Schlafende Sonne

1: Ja
2 :Nein. Obwohl.

1: Ich lese schon aus Ehrgeiz weiter. Dieser Text hat einen hohen Anspruch, man braucht lange um zu verstehen, was eigentlich los ist: Jonas liegt im Bett, in seinem Hirn ein Traumrest im halben Aufwachen,  er denkt an seine Frau Milena, die offenbar was mit einem anderen hat, einem gewissen Rudolf.  Um das zu verstehen, muss man zweimal lesen, hauptsächlich denkt Jonas nämlich an die Sonne, sein Forschungsgebiet, und auch wenn man es begriffen hat, ist immer noch nicht klar, ob die Erzählung tatsächlich irgendwann in die Perspektive der Frau hinüberwechselt, die beim Aufwachen eine sexuelle Phantasie hat, oder ob das alles Jonas' Phantasie von der Phantasie seiner abwesenden Frau ist. Außerdem gibt es noch einen diktatorischen  auktorialen Erzähler, der dazwischenspricht.  Alles in langen, mäandernden Sätzen, die einen schönen Rhythmus haben. Das hier will große Kunst sein, der Wille allein wirkt schon anziehend auf mich, ich lese weiter, obwohl sich in mir auch Widerstände aufbauen ....

2: ... Widerstände, die irgendwann überhand nehmen, sosehr, dass ich das alles nicht mehr will, es mich abstößt.  Das dürfte zu einem großen Teil daran liegen, dass ziemlich am Anfang die sexuelle Phantasie der Frau steht, von der man nicht weiß, ob sie wirklich- also wirklich im Universum des Buches - ist, oder die Phantasie von Jonas über eine Phantasie von Milena. Jedenfalls denkt sich da aber eine Mann eine weibliche Phantasie aus- ohne die kleinsten Zweifel- und wie er das macht, ist mir total zuwider. Sie, Milena, stellt sich "einen blonden Kopf zwischen ihren Beinen"  vor

"..der, als gäbe es einen Mechanismus, ihr eine lange muskulöse Zunge herausstreckt ..." . 

 Und kurz darauf mahnt der auktoriale Erzähler den Mann: 
"Übe deine Zunge, Jonas, der du gerade zu spüren glaubst wie dich die Erde im Stich lässt..."

Ich weiß gar nicht genau, was mich daran so stört, es hängt sicher mit der selbstgewissen, allwissenden Stimme zusammen, die hier behauptet die Phantasie einer Frau zu kennen- die ich, so wie sie hier formuliert ist, in höchstem Maß unappetitlich finde. Besonders dieses biblische "Übe deine Zunge!", das offenbar ein neues Jahrhundert bezeichnet- früher musste man seine Zunge hüten, heute müssen die Männer sie üben...  Ich bin vermutlich älter und prüde geworden- und gleichzeitig noch allergischer gegenüber Männern, die über die Sexualität von Frauen sprechen und sich dabei irgendwie allwissend gebärden. Sicher, das alles ist eine Figur, usw, muss erlaubt sein, nur ist mir die Stimme des auktorialen Erzählers dadurch einfach unsympathisch geworden und ich will nicht mehr so viele Seiten mit ihm verbringen. Ich lese nicht weiter.
Obwohl... es ist alles sehr kunstvoll miteinander verschränkt, die Sprache, in der der Erzähler seine mir unsympathische Weltsicht ausbreitet, ist gut, kann viel, vielleicht sollte ich doch weiterlesen...



 

Deutscher Buchpreis Longlist Das Leseprobenheft Teil 1

Welches Buch von der Longlist würde ich weiterlesen wollen, nachdem ich den Anfang gelesen habe?



In den Buchhandlungen bekommt man zur Zeit ein Buch mit Leseproben von allen 20 Titeln, die auf der Longlist stehen- für einen minimalen Unkostenbeitrag. In "meiner"Buchhandlung, Ocelot in der Brunnenstraße, hat die Buchhändlerin auf meine Frage, was ich dafür schuldig wäre, gesagt: "Ein Lächeln".

Ich werde jetzt die 20 Leseproben lesen und immer zwei Bewertungen abgeben:
1: Ich lese weiter oder nicht - nach einer Seite. Ich persönlich entscheide normaler Weise immer spätestens nach einer Seite.
 2: Ich lese weiter oder nicht nach der Leseprobe in diesem Heft - die ist immer ca. fünf Seiten lang.
Ich werde versuchen nicht zu berücksichtigen, was ich über die Autoren weiß.

Außerdem werde ich mich beim Entstehen meiner Entscheidungen beobachten und versuchen zu beschreiben, wie meine Intuition zu ihren Schnellschüssen kommt. Einige meiner Lieblingsbücher hätte ich niemals gelesen, wenn ich dieser meiner Methode gefolgt wäre. Gott sei Dank gibt es auch noch Empfehlungen von Freunden und Kritiken, die mich Bücher auch dann lesen lassen, wenn ich von der ersten Seite nicht begeistert bin. Trotzdem finde ich es interessant, wonach ich da eigentlich entscheide. Natürlich auch, um demnächst eine erste Seite zu schreiben, nach der wenigstens ich unbedingt weiter lesen würde.

Wenn ich alle durchhabe, werde ich meinen Tipp für die  Short-list abgeben. Über MIt und Gegentipper in den Kommentaren würde ich mich freuen!

Ich gehe nach der Reihenfolge im Buch vor. Die ist alphabetisch.

MIRKO BONNÉ  Lichter als der Tag

1: nein
2: ja

Warum ich nach einer Seite nicht weitergelesen hätte: Die erste Seite handelt von einem bestimmten Licht, über das der Protagonist  schon als Junge oft nachgedacht hat. Zweimal heißt es "Licht", zweimal "Leuchten", wird verglichen mit dem Leuchten auf einem impressionistischen Gemälde, "Pracht der Himmels" "nicht sattsehen können", "Lichtweh" "Rosiger Schimmer". Spätestens bei "rosiger Schimmer" wäre ich draußen, nicht weil es mich nicht genügend packt, sondern aus regelrechtem Widerwillen. Das bin ich ganz persönlich - mit einer Figur, die über ihre Liebe zu diesem rosigen Leuchten eingeführt wird, will ich nichts zu tun haben, außer es wäre ironisch gemeint, ich würde irgendeinen Hinweis darauf kriegen, dass der Autor da nicht 1: 1 innig mit seinem Protagonisten mitschwingt. Einen solchen Hinweis gibt es da nicht.
Ich persönlich denke bei diesem speziellen Licht immer an Brechts Ballade von Jakob Apfelböck:
In mildem Lichte Jakob Apfelböck
erschlug den Vater und die Mutter sein

Warum ich am Ende doch weiterlesen würde: Zunächst hätte ich es auf Seite zwei und drei immer weniger und weniger weiterlesen wollen. Das milde Licht leuchtet nämlich immer weiter rosig, der Protagonist, inzwischen äußerst erwachsen, hat keinerlei Ehrgeiz und geht immer zum Bahnhof und wartet auf das "ersehnte Licht",  das ihm dann "eine Wohltat" ist. Der Mann ist definitiv nicht mein Typ. Auf drei unten wird es besser, weil es endlich eine weitere Person gibt, seine Tochter, ein hässliches Entlein, das in der Schule stiehlt. Schon besser, die könnte ich eventuell mögen. Und dann taucht am Bahnhof eine gewisse Inger auf, er duckt sich weg, "sie folgt ihm nicht", "Inger hatte ihn nicht erkannt". Das ist ein ordentlicher Cliffhanger- wenigstens der Editor des Leseprobenhefts hats drauf- ich würde weiterlesen um herauszufinden, was es mit Inger auf sich hat. (Aber beim nächsten Licht wäre ich wieder draußen!)

GERHARD FALKNER  Romeo und Julia

1:nein
2:nein

Hier habe ich massive Schwierigkeiten mit der Sprache, das pfeffert mich gleich beim ersten Satz raus, in dem sich ein "ungewöhnlich seltsamer Vorfall" ereignet. Das ist ein Pleonasmus. Gleich im nächsten Satz "scheinen die Prozeduren seines Fortgangs so an den Haaren herbeigezogen...." Was, bitte schön könnten denn "Prozeduren eines Vorfalls" sein? Vielleicht ja die Prozeduren, die im Verlauf des Vorfalls angewandt wurden? Aber selbst das passt nicht so recht. Noch weniger kann ich mir vorstellen, wie Prozeduren an den Haaren herbeigezogen scheinen können.  Und so gehts munter weiter. Es handelt sich hier allerdings um einen Ich-erzähler, ergo um Rollenprosa. Und dieser Erzähler redet enorm elaboriert, ist auch ein Schriftsteller, vielleicht soll es ja ein lächerlich schlechter Schriftsteller sein. Ich kriege aber nicht ausreichend Hinweise, wie die Sache gemeint sein soll. Mich von Anfang an damit herumschlagen zu müssen, ermüdet mich. Ich würde aufhören zu lesen.

P.S.: Ich weiß, dass Gerhard Falkner immer besonders wegen seiner Sprache gelobt wird. Kann sein, dass es total an mir liegt, dass ich verstimmt bin, weil ich die Absicht nicht spüre.

FRANZOBEL  Das Floß der Medusa

1: ja
2: ja

Ja und ja. Drei Sprachebenen: leicht altertümlich, dann mitten rein Gegenwartssprache, dann funkt ein auf ironische Weise betulicher auktorialer Erzähler dazwischen und wendet sich direkt an die Leser - all das angenehm gemischt, nicht um zeigen, wie kunstfertig der Autor ist, sondern zum Vergnügen der Leser. Tolle Abenteuergeschichte, die sofort losgeht: Schiffbrüchige, die sich gerettet haben, indem sie ihre Kollegen aufgefressen haben- viele Kollegen. Letzter Satz der Leseprobe:- Die Welt muss wissen und sie wird erfahren, was wir erlebt haben.
Ich auf jeden Fall- Buch bestellt.

Morgen gehts weiter mit Monika Helfer, Christoph Höthker, Thomas Lehr




Montag, 24. April 2017

"Girls" black baby boy


When I started watching “Girls” final episode and saw Lena Dunham as Hanna Horvath holding a black baby in her arms - without anybody commenting on the baby’s color- I was convinced I had, by mistake, skipped an episode. In the last one I had seen, the baby had not been born yet, but we already knew it would be a boy (so they did not go for a sentimental ending of “Girls”: another girl being born.) The guy that had made Hanna pregnant was a sweet surf instructor played by a British- Pakistani actor. If this was meant to be realistic, the black color of the baby should have been a huge surprise, to Hannah as well as to her friends and parents. We know it is possible that a black baby comes from black ancestors, way back in the family line- possible but highly improbable. More often, there is a simpler solution to such mysteries: the guy that is believed to be the biological father actually isn’t.  The conversation I was sure to have missed was everybody asking Hannah if there had been secrets in her love life that neither her friends nor the audience knew. 
 
Endings are a big thing for me. I always have a hard time to find endings for my own stories. Therefore, I am eager to analyze the solutions people I admire come up with. I was very curious how Lena Dunham and Jenny Konner would wrap up “Girls”, a show I loved.  I wondered how I could have missed an entire part of the final countdown.  It turned out I hadn’t. It was exactly as I had seen it: in one scene she was pregnant. In the next one, she had a black baby - and nobody seemed to wonder how that had happened. Incomprehensible, at least to me. I waited for an explanation later on in the episode but nobody ever mentioned the color of the baby. 
Ok, I thought after a while, it must be a joke. There had been many discussions about the almost all-white cast of "Girls"- how the series did not reflect the diversity of Brooklyn, how those “Girls” lived in a bubble. Lena Dunham had reacted to those accusations- both in interviews and by giving Hannah a storyline, in a later season, about an affair with a black guy who accused her of being color blind. The joke would have been: “You, the audience, told us all the time we were color blind. What do you mean by that? What color? The color of the baby? Is there anything special about the baby’s color? We didn’t see it- we must be colorblind.”  I concluded it must have been this kind of a joke, and I had just been a little slow to get it. Who could blame me- the show is not about my generation and not about my country. I turned to Emily Nussbaum, my oracle and imaginary girlfriend, to check out what she thought about that kind of joke: wasn’t it a little lame? A little over the top, in a moment when everybody was so emotional about seeing those girls for the very last time? Emily Nussbaum is the television critic for The New Yorker. In my head I am discussing everything about my favorite shows with her. None of my actual friends is watching them, but I consider Emily Nussbaum a close- if imaginary- friend. Even closer than the characters in my favorite shows.  So, I was eager to find out what she had to say about that black baby joke. But in her critic of the girls finale there is not a single word about the baby’s color.
That’s when I started to feel ashamed. Emily Nussbaum never misses a joke. So, there was no joke. I checked on the other big magazines: same thing everywhere. No one mentioned the baby’s color. Was I crazy? I watched the episode again. The baby was clearly black. But the educated writers from the good magazines did not consider this an issue that had to (or could?) be talked about. Just as the characters in “Girls”. When this was so disturbing to me, was it because I was terribly racist? Racist to an amount unpresentable among the educated people of nowadays?
I googled and found a lot of comments on Twitter. “WTF- how is Hannah’s baby black? Did I miss something?”. Those people were as confused as I was, they were my peers, but those where the naïve watchers, probably very young ones, and what was worse: the same people that had commented endlessly about Lena Dunham’s body, about her belly being too fat etc.  Was the black baby kind of an educational program? 
The many scenes in which Lena Dunham appeared naked sure were kind of an education. I love and admire her as an actress, as she apparently does not to give a fuck about her body not fulfilling the conventional norms of beauty. She is clearly not ashamed and acts naked on screen with complete freedom. I cannot praise this highly enough. It is a huge thing. It sure liberated hundreds of thousands of women enslaved by the dictate of the pictures of the porn industry. What she did there as an actress has to be celebrated by all feminists. 
I have more ambivalent feelings about the writing, though. The series is taking it for granted that the shape of a female body should not be an issue to any decent person. So, it is mostly not talked about in the series. While Lena Dunham's naked body produced an outcry all over the social media Hannah Horvath's body was (almost) never commented among the cast. Just like the color of the baby. So, this seems to be the same tactic here. What is disturbing is that in the middle of a writing that is psychologically realistic- to a point that the characters seem to be completely alive- there is one thing that is treated very different from the way it is “in real life”. While the girls are depicted as fighting with all the difficulties that come from their different flaws, their narcissism, egotism, from the burdens they got from their parents, they never have issues with their looks. They have issues with their bodies, with allergies, illness etc. but not with their looks. In one way, this is great. It is education- it says: you simply can’t talk about this anymore if you are a decent person. Just stop thinking in those terms. Look at us: a whole crowd of people who never judge anybody in terms of their looks. And what’s more: among us even sexual attraction doesn’t follow the dictate of the media. I am sure that works. Just by seeing a world with different rules over and over again creates possibilities of change inside the heads of the audience. 
On the other hand, issues that are excluded from the discussion obviously cannot be discussed. Good or bad? On one level the series scored a big win against the dictate of a misogynist beauty industry. On another level, it is possible that women “oppressed by the figures of beauty” felt even more miserable when the series seemed to say that it was not ok to mention those feelings of discrimination.
In German there is a phrase of Willhelm Busch that says:
“Darum aber merket scharf
nicht sein kann was nicht sein darf”
(Stick to the following wisdom: what is not allowed to happen cannot happen). This is funny because obviously very often people act in a way that is not allowed. It will not work not to say: no decent person can respond sexually to features promoted by the beauty industry.  There are clearly other forces at work that cannot be annihilated by a moral claim. At least not immediately. Maybe they can be weakened by mere repetition, though. 
So, maybe the black baby no one talked about was the same kind of strategy as letting no character talk about Hannah’s body fat. But to me, there seems to be an important difference: in the battle about women's bodies, Lena Dunham belongs to the party of designated victims. Ignoring that battle means standing up against the victimization of a group she herself is a part. While ignoring the battle that is going on about race means acting as if a fight in which she belongs to the privileged party was over. I think it is problematic to just ignore privileges you were born with , on the ground you never wanted them in the first place. It is for sure not the same thing as bravely ignoring when society wants you to be a victim. 
But if this is true, how come that Emily Nussbaum didn’t say so? I still feel that I am missing something. And I am still confused about what to think of that black baby- and would love to read some comments.